Eine von Pina Palaus frühesten Kindheitserinnerungen ist, wie sie mit ihrer Mutter um den Küchentisch tanzt, während aus dem Plattenspieler ihr damaliger Lieblingssong dröhnt: «No Milk Today» von Herman's Hermits. Klein-Pina denkt, dass es im Song um ihren Bruder geht – der hat nämlich eine Laktoseintoleranz.
Ärztin am Tag, Songwriterin immer
Heute wohnt Pina Palau in einer WG in Zürich, arbeitet als Assistenzärztin in der Psychiatrie und fährt Rennrad. Ihre grosse Leidenschaft ist die Musik: Sie hat gerade ihr drittes Studioalbum «You Better Get Used To It» veröffentlicht.
David Beckham, Avril Lavigne und Black Beat
Pina Palau wird 1993 in Zürich geboren – am 14. Juni, dem feministischen Streiktag, wie sie lachend betont. Weil der Sportplatz auf ihrem Kindergartenweg so gut riecht, beschliesst sie, Fussball zu spielen. Ihr Götti schenkt ihr ein Trikot von David Beckham – ab da ist sie Beckham-Fan. Dass sie keine Profi-Fussballerin wird, verdanken wir Avril Lavigne: Inspiriert von der kanadischen Sängerin beginnt Pina Musik zu machen und Skateboard zu fahren (inklusive Armbruch). Merci, Avril!
Musik war in ihrem Elternhaus immer präsent. Die Mutter hörte die Rolling Stones und Patti Smith, der Vater eher Simon & Garfunkel und Neil Young.
Mit etwa 15 schrieb sie ihren ersten Song: «Melody». Er handelte vom Jugendfreund ihrer Mutter, einem Gitarristen, der in der Drogensucht abstürzte.
Schon zuvor hatte sie mit einem Schulfreund die Band «Black Beat». Ihr Songwriting damals: die vier englischen Wörter, die sie kannten, auf ein Blatt schreiben und singen. «Ich weiss aber nicht, ob das als Song zählt», lacht sie.
Bon Iver in Santa Barbara, Courtney Barnett in Lausanne
Mit etwa 20 reist Pina alleine mit dem Rucksack im Zug von Los Angeles nach San Francisco. In Santa Barbara macht sie Halt und besucht ein Open-Air-Konzert in einer Arena in den Hügeln: Steinränge wie in einem römischen Theater, kalifornisch oranges Licht, eine Brise in den hohen Bäumen, in der Ferne das Meer. Bon Iver spielt – und Pina ist so gerührt, dass sie vom ersten bis zum letzten Ton weint. «Dort würde ich auch gerne einmal spielen», sagt sie.
Wer Bon Iver kennt, weiss ungefähr, wo Pina Palau klanglich zuhause ist: intime, gitarrengetriebene Songs mit viel Raum zum Nachdenken.
Ein Traum hat sich bereits erfüllt: 2022 spielte sie als Support-Act für eines ihrer grössten Vorbilder, die Grammy-nominierte Musikerin Courtney Barnett, vor grossem Publikum im Les Docks Lausanne. «Ich habe gar nicht richtig gecheckt, was da gerade passiert», sagt sie – «vielleicht auch gut so, sonst wäre ich wohl zu nervös gewesen.»
Und sonst so?
Wer Pina fragt, ob der Psychiatriejob und die Musik etwas miteinander zu tun haben, wird wahrscheinlich erst mal eine Pause als Antwort bekommen: «Ich bin nicht gut darin, einfach irgendetwas zu sagen.»
Pina ist reflektiert, suchend und politisch wach. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Spannungen, Ungleichheit und Polarisierung – aber auch mit praktischen Fragen, etwa wie man einen vollgeladenen Bandbus legal durch den UK-Zoll bringt. Ihr Lieblingsessen ist Parmigiana, ihr Lieblingstier das Schaf – weil es unaufdringlich ist und nicht nach Aufmerksamkeit schreit. Auf Wanderungen und Festivals nimmt sie ihre elektrische Zahnbürste mit, weil sie nicht ohne kann – teilen würde sie sie trotzdem nie.