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Fünf Männer tragen dunkle Anzüge und Sonnenbrillen
Legende: Das Beerdigungs-Outfit sitzt. Ans Abdanken denken Kraftklub aber noch lange nicht, wie sie in aktuellen Interviews betonen. Philipp Gladsome

«Sterben in Karl-Marx-Stadt» Kraftklub philosophieren im Moshpit über den Tod

Der Tod als Treiber für gewohnt lebendigen, streckenweise auch ungewohnten Sound: Mit «Sterben in Karl-Marx-Stadt» entgehen Kraftklub gekonnt, aber auch nicht kilometerweit dem Vorwurf, sich zu sehr zu wiederholen.

Sie scheinen gar nicht anders zu können, als Lieder für komplett verschwitzte Moshpits zu schreiben. Mit Texten, die sich spätestens beim zweiten Refrain ins Gehirn gepogt haben, ganz egal, in wie vielen getrichterten Dosenbieren dieses bereits schwimmt. Auch für «Sterben in Karl-Marx-Stadt» gitarrenbrettern Kraftklub oft und gerne auf der Überholspur und schwingen dabei die Abrissbirne.

Schimun Krausz

Musikredaktor

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Schimun Krausz schreibt Texte und produziert Videos zu Musikthemen bei SRF 3, Social Media inklusive. The 1975 ist die beste Band der Welt und er lässt keine andere Meinung zu (also bis Frontmann Matty Healy sich endgültig ins gesellschaftliche Abseits gelabert hat).

SRF 3 Musik

Die Band aus dem Osten Deutschlands führt aber auch fort, was sie auf dem Vorgänger «Kargo» (2022) ausprobierte und Frontmann Felix Kummer auf seinem Soloalbum «Kiox» (2019) bereits auslebte: neue Stilrichtungen und schwerere Themen jenseits von besoffenem Heartbreak und Mittelfingern gegen rechts (keine Angst: Ist beides noch da, Letzteres sogar mit Namechecking einer Schweizer Tageszeitung). In diesem Fall – der Plattentitel deutet es an – dreht sich vieles um den Tod.

Doppelt genäht heult besser

Schon der Opener «Unsterblich sein» streift diese Thematik. «Nur mit dir allein will ich unsterblich sein», singt Kummer. Und fürchtet sich dann vor der Endlichkeit des Verliebt- und Daseins: «Was würd ich geben für noch mehr Zeit / Für noch ein Leben nur mit dir allein».

feat. Nina Chuba

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Eine Sängerin schaut grimmig und hält auf der Bühne das Mikrofon vor den Mund.
Legende: Nina Chuba ist gerade durch Deutschland und die Schweiz getourt. Keystone/DPA/Bodo Schackow

Der vierte Featuring-Gast auf «Sterben in Karl-Marx-Stadt» ist Nina Chuba – wär ja weird, wenn die langjährigen Deutschrock-Könige nicht mit der amtierenden Deutschpop-Queen zusammenspannen würden.

«Fallen in Liebe» ist ein Lied über die Angst, verletzt zu werden mit einem Refrain, für den der englische Ausdruck «falling in love» wörtlich auf Deutsch übersetzt wurde. Irgendwie dumm? Ja. Wird der Artikel-Autor ihn am 21. März trotzdem aus voller Kehle im Zürcher Hallenstadion mitschreien? Ja.

Bevor das Lied zur vorwärts preschenden Electro-Rock-Nummer wurde, war es ein reduziertes, eindringlich brodelndes Stück, getragen von Featuring-Gast Domizianas hauchender Stimme. Diese frühere Version ist ebenfalls verewigt auf dem Album, als Closer. Das gleiche Lied zweimal und dann noch mit ganz viel Melancholie – beides ungewohnt für die ostdeutschen Rap-Rock-Rüpel.

Ein Faber im Indie-Wind

In «All die schönen Worte» besingt der Frontmann (s)einen plötzlichen Tod und bedauert, das «klärende Gespräch zu zweit» nun nicht mehr führen zu können. Das tut er im Tandem mit Faber, der Kraftklub vor fast acht Jahren als Support auf Tour begleitete. Nun haben sie den Zürcher Musiker ins Studio mitgenommen und ihm damit seinen ersten Indie-Rock-Song überhaupt unter dem Alias Faber beschert.

«Zeit aus dem Fenster» ist quasi YOLO, einfach inszeniert als Drei-Minuten-Rave, gefolgt von einem selbstironischen und gleichzeitig ehrlichen Outro von Deichkind. «Nichts ist so stetig wie der Wandel» und «Ey! Ist nicht das Ende / Nirwana ist nicht, Alda, hier wird sowieso wiedergeboren, Alda», heisst es da. Apropos Genre-Ausflüge: Neben Techno wagen sich Kraftklub mit «Halts Maul und spiel» auch an launigen, augenzwinkernden Schweine-Punk.

¡Viva México, viva Kraftklub!

Mit «Wenn ich tot bin, fang ich wieder an» feiert das Quintett den Tod wiederum, statt ihn zu betrauern. Geboren sind die Idee zum Song und der Mut dazu, die Vergänglichkeit zum Album-Treiber zu machen, in Mexiko-Stadt. In einem Insta-Post erklärt die Band, dass sie dort vor zwei Jahren Konzerte spielte, zufällig in die Festivitäten zum Día de los Muertos stolperte und so eine neue Sichtweise aufs Thema bekommen habe. Und demnach auch aufs Leben, wie auf «Sterben in Karl-Marx-Stadt» zu hören ist.

Trotz kleinen Experimenten: Wenn der Fünfer nicht gerade ravt, punkt oder philosophiert, liefert er auch hier den gewohnten und geliebten Mitgröhl-Indie, wie er schon seit 15 Jahren funktioniert. Der Tag mag kommen, an dem Kraftklub sich einmal zu oft wiederholen. Es mag auch der Tag kommen, an dem Kraftklub als Band stirbt. Beide diese Tage sind aber noch nicht heute.

SRF 3, 26.11.2025, 18:40 Uhr

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