«Ich habe meine Hände neben mir gesehen, aber für mich lagen sie immer noch auf dem Schoss. Da wusste ich: Ich bin Tetraplegiker», so erinnert sich Guido Suter an den Moment nach seinem Unfall.
Im März 2023 stürzte er beim Skifahren und verletzte sich schwer. Seither ist er vom Kopf abwärts gelähmt, kann sich nicht bewegen und nichts mehr spüren.
Der «James Bond der Schweiz»
Schon vor seinem Unfall zeichnete ihn grosse mentale Stärke aus. Als Sohn eines Kampfjetpiloten lernte er früh Disziplin, Belastbarkeit und Leistungswillen.
Diese Eigenschaften führten ihn in den Spitzensport: Er arbeitete als Konditionstrainer mit der Schweizer Ski-Nationalmannschaft, betreute unter anderem Marc Berthod und wurde später von Arno Del Curto per Handschlag als Konditionstrainer zum HC Davos geholt.
Doch der Spitzensport war nur eine Station. Er absolvierte die anspruchsvolle Ausbildung beim AAD 10, der Spezialeinheit der Schweizer Armee, und übernahm internationale Einsätze für das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA).
Seine Freunde nannten ihn den «James Bond der Schweiz». Sein letzter grosser Einsatz: Afghanistan 2021 während der Machtübernahme der Taliban. Suter war verantwortlich für die Evakuierung von Diplomaten und lokalen Angestellten.
Doch dann passierte der folgenschwere Unfall. Noch vor Ort fragte ihn eine Ärztin, ob er im Notfall wiederbelebt werden wolle. Zuerst verneinte er. Kurz darauf korrigierte er sich: Einmal wiederbeleben sei okay.
Er erinnere sich nur bruchstückhaft an die ersten Wochen nach dem Unfall, sagt Guido Suter. Nach der Erstversorgung in Chur wurde er in die Universitätsklinik Balgrist nach Zürich verlegt. Dort sei er suizidal gewesen, erzählt er. Die Geräte habe er abstellen wollen, um sterben zu können.
Ein Freund, der ihm in der dunkelsten Zeit zur Seite stand
Roman Bader, mit dem er bereits beim AAD 10 gedient hatte, stand ihm in dieser Zeit täglich zur Seite und überzeugte ihn immer wieder, nur noch weitere 24 Stunden durchzuhalten. Auf ihn habe er gehört, sagt Guido Suter.
Sie hätten zusammen im Schützengraben gelegen, eine Situation, die einen unbeschreiblichen Zusammenhalt geschaffen habe.
Neustart in Nottwil
Drei Monate nach dem Unfall startete er voller Hoffnung die Reha im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Von Montag bis Freitag hatte er einen straffen Therapieplan. Mit dem einen Ziel, seine Nervenbahnen bestmöglich zu stimulieren und keine Chance auf Fortschritt ungenutzt zu lassen. «Ich will einfach alles geben, um aus diesem Stuhl zu laufen», sagt Guido Suter.
Zu Beginn war noch unklar, welche Funktionen seines Körpers vielleicht zurückkehren werden. Zwischen dem dritten und dem sechsten Monat nach einem Unfall sind die Chancen auf Nervenheilung am grössten. Danach nehmen sie ab.
Ein lebenswertes Leben?
Nach sechs Monaten Reha folgte der mentale Einbruch: Die Fortschritte blieben aus, die Frage nach der Lebensqualität wird immer drängender.
«Ich habe mich so über den Körper definiert, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mein Leben ohne Körperfunktionen lebenswert ist», sagt Guido Suter.
Er begann, sich mit einem begleiteten Suizid durch Exit auseinanderzusetzen. Es werde jedoch kein Affektentscheid sein, betont er. Er gab sich sechs Monate Zeit, um herauszufinden, ob er unter diesen Umständen weiterleben möchte.
Ein neuer Lebensabschnitt
Im Dezember 2023 wurde Guido Suter aus der Reha entlassen. Für seinen neuen Lebensabschnitt wählte er ein ungewöhnliches Setup: Anstatt in einem Pflegeheim zu leben, mietete er eine rollstuhlgerechte Wohnung und stellte für die Hälfte der Woche einen Pfleger ein. Die andere Hälfte kümmern sich Familie und Freunde um ihn.
Was zunächst nach vorsichtiger Akzeptanz aussah, kippte im darauffolgenden Winter. Die kalte Jahreszeit ist für Tetraplegiker besonders belastend, weil sie ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren können. «Ich wüsste nicht viele Situationen, die schlimmer sind als das.» Wieder dachte Guido Suter ans Sterben, plante bereits ein Abschiedsfest.
Hoffnung aus der Forschung
Doch dann nahm Guido Suters Weg eine unerwartete Wendung: In Lausanne erhielt er die Chance, an einer weltweit einzigartigen Forschungsstudie teilzunehmen.
Elektroden im Rückenmark sollen gezielt seine Muskeln stimulieren, während ein im Gehirn implantierter Chip erkennt, wann er eine Bewegung ausführen will. Beide Systeme sind digital gekoppelt – die Nerven werden genau dann aktiviert, wenn sein Gehirn den entsprechenden Impuls sendet. Die Hoffnung: bewusste Bewegungen wieder möglich zu machen.
Guido Suter ist weltweit der zweite Mensch, der sich diesem experimentellen Eingriff unterzieht. Nach der Implantation begann die intensive Arbeit im Labor. Durch elektrische Impulse werden Bewegungen ausgelöst. Schritt für Schritt soll Guido lernen, diese Impulse allein durch seine Gedanken zu steuern.
Endlich wieder Sinn im Leben
Langfristig hoffen die Forschenden, dass sich seine Nerven durch gezielte Stimulation regenerieren und Bewegungen eines Tages wieder ohne technische Unterstützung möglich werden. Für Guido Suter bedeutet die Teilnahme an der Studie jedoch weit mehr als eine medizinische Perspektive – sie gibt seinem Leben neue Bedeutung.
«Ich habe das Gefühl, ich bringe wieder jemandem etwas. Ich bin wieder sinnvoll auf dieser Welt, weil ich mich in den Dienst der Forschung stellen kann. Das macht für mich einen essenziellen Unterschied.»