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Elitesoldat wird Pflegefall Er wollte die Geräte abstellen – heute schöpft er neue Hoffnung

Guido Suter leitete Kriseneinsätze fürs EDA, bis ihn ein Skiunfall völlig aus der Bahn wirft. Er wird zum Pflegefall und stellt sich selbst die Frage: Ist so ein Leben noch lebenswert?

«Ich habe meine Hände neben mir gesehen, aber für mich lagen sie immer noch auf dem Schoss. Da wusste ich: Ich bin Tetraplegiker», so erinnert sich Guido Suter an den Moment nach seinem Unfall.

Mann im Elektrorollstuhl auf einer Wiese.
Legende: Seit seinem verhängnisvollen Unfall ist der ehemalige Elitesoldat und Ski-Coach vollständig gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Foto: René Alfeld

Im März 2023 stürzte er beim Skifahren und verletzte sich schwer. Seither ist er vom Kopf abwärts gelähmt, kann sich nicht bewegen und nichts mehr spüren.

Der «James Bond der Schweiz»

Schon vor seinem Unfall zeichnete ihn grosse mentale Stärke aus. Als Sohn eines Kampfjetpiloten lernte er früh Disziplin, Belastbarkeit und Leistungswillen.

Diese Eigenschaften führten ihn in den Spitzensport: Er arbeitete als Konditionstrainer mit der Schweizer Ski-Nationalmannschaft, betreute unter anderem Marc Berthod und wurde später von Arno Del Curto per Handschlag als Konditionstrainer zum HC Davos geholt.

Zwei Männer turnen mit einem Medizinball vor einem Wohnmobil.
Legende: Nach seinem Job als Betreuer des Männer-Nationalteams arbeitete Suter zwei Jahre lang individuell mit dem Skirennfahrer Marc Berthod zusammen. Während dieser Zeit lebten sie gemeinsam in einem Wohnmobil. Hier bei einer Trainingseinheit 2009 in Sölden, Österreich. Keystone / Alessandro Della Bella

Doch der Spitzensport war nur eine Station. Er absolvierte die anspruchsvolle Ausbildung beim AAD 10, der Spezialeinheit der Schweizer Armee, und übernahm internationale Einsätze für das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

AAD 10 – die Spezialeinheit der Schweizer Armee

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Das Armee-Aufklärungsdetachement 10 (AAD 10) ist eine hoch spezialisierte Eliteeinheit der Schweizer Armee, die 2004 gegründet wurde und dem Kommando Spezialkräfte (KSK) angehört. Mit rund 90 bis 100 Berufssoldaten ist die Einheit auf Einsätze in internationalen Krisengebieten spezialisiert. Dazu gehören unter anderem die Evakuierung gefährdeter Schweizer Bürgerinnen und Bürger, der Schutz von Personen und Einrichtungen wie Botschaften, Geiselbefreiungen sowie militärische Aufklärungsmissionen.

Die Angehörigen des AAD 10 verfügen über eine aussergewöhnliche körperliche und mentale Belastbarkeit. Entsprechend anspruchsvoll ist auch das Auswahlverfahren: Von rund 400 Bewerbern pro Jahr bestehen oft nur wenige die äusserst harte Selektion. Die Einheit operiert weltweit, häufig unter schwierigsten Bedingungen, und übernimmt Aufgaben, die höchste Präzision, Diskretion und Einsatzbereitschaft verlangen.

Seine Freunde nannten ihn den «James Bond der Schweiz». Sein letzter grosser Einsatz: Afghanistan 2021 während der Machtübernahme der Taliban. Suter war verantwortlich für die Evakuierung von Diplomaten und lokalen Angestellten.

Doch dann passierte der folgenschwere Unfall. Noch vor Ort fragte ihn eine Ärztin, ob er im Notfall wiederbelebt werden wolle. Zuerst verneinte er. Kurz darauf korrigierte er sich: Einmal wiederbeleben sei okay.

Er erinnere sich nur bruchstückhaft an die ersten Wochen nach dem Unfall, sagt Guido Suter. Nach der Erstversorgung in Chur wurde er in die Universitätsklinik Balgrist nach Zürich verlegt. Dort sei er suizidal gewesen, erzählt er. Die Geräte habe er abstellen wollen, um sterben zu können.

Ein Freund, der ihm in der dunkelsten Zeit zur Seite stand

Roman Bader, mit dem er bereits beim AAD 10 gedient hatte, stand ihm in dieser Zeit täglich zur Seite und überzeugte ihn immer wieder, nur noch weitere 24 Stunden durchzuhalten. Auf ihn habe er gehört, sagt Guido Suter.

Person im Rollstuhl mit betreuender Person im Freien.
Legende: Guido Suter mit seinem Freund Roman Bader, den er aus der Zeit beim AAD 10 kennt. Er war ihm in der suizidalen Phase eine grosse Stütze. SRF

Sie hätten zusammen im Schützengraben gelegen, eine Situation, die einen unbeschreiblichen Zusammenhalt geschaffen habe.

Neustart in Nottwil

Drei Monate nach dem Unfall startete er voller Hoffnung die Reha im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Von Montag bis Freitag hatte er einen straffen Therapieplan. Mit dem einen Ziel, seine Nervenbahnen bestmöglich zu stimulieren und keine Chance auf Fortschritt ungenutzt zu lassen. «Ich will einfach alles geben, um aus diesem Stuhl zu laufen», sagt Guido Suter.

Therapeutin hilft Mann bei Rehabilitationsübung am Tisch.
Legende: Während Monaten arbeitete Guido Suter in der Reha im Paraplegiker-Zentrum (SPZ) daran, seine geschädigten Nervenbahnen zu aktivieren. SRF

Zu Beginn war noch unklar, welche Funktionen seines Körpers vielleicht zurückkehren werden. Zwischen dem dritten und dem sechsten Monat nach einem Unfall sind die Chancen auf Nervenheilung am grössten. Danach nehmen sie ab.

Was bedeutet eine Querschnittlähmung?

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Bei einer Querschnittlähmung ist das Rückenmark geschädigt, wodurch die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper ganz oder teilweise unterbrochen wird. Je nach Höhe und Art der Verletzung sind unterschiedliche Funktionen betroffen: Sind nur die Beine eingeschränkt, spricht man von Paraplegie, bei zusätzlicher Beeinträchtigung von Armen und Händen von Tetraplegie.

In der Schweiz erleidet statistisch jeden zweiten Tag eine Person eine Querschnittlähmung. Rund die Hälfte der Betroffenen in der Erstrehabilitation am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil sind Unfallopfer, häufig nach Stürzen, Verkehrs- oder Sportunfällen. Etwa 45 Prozent leben mit einer Paraplegie, 55 Prozent mit einer Tetraplegie – rund drei Viertel sind Männer.

Heilbar ist eine Querschnittlähmung nach aktuellem Stand nicht. Dank moderner Akutversorgung, intensiver Rehabilitation und neuer Therapieansätze lassen sich jedoch Funktionen und Lebensqualität teilweise verbessern. Das SPZ begleitet Betroffene dabei von der Akutphase über die Rehabilitation bis hin zur lebenslangen Betreuung.

Ein lebenswertes Leben?

Nach sechs Monaten Reha folgte der mentale Einbruch: Die Fortschritte blieben aus, die Frage nach der Lebensqualität wird immer drängender.

«Ich habe mich so über den Körper definiert, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass mein Leben ohne Körperfunktionen lebenswert ist», sagt Guido Suter.

Er begann, sich mit einem begleiteten Suizid durch Exit auseinanderzusetzen. Es werde jedoch kein Affektentscheid sein, betont er. Er gab sich sechs Monate Zeit, um herauszufinden, ob er unter diesen Umständen weiterleben möchte.

Ein neuer Lebensabschnitt

Im Dezember 2023 wurde Guido Suter aus der Reha entlassen. Für seinen neuen Lebensabschnitt wählte er ein ungewöhnliches Setup: Anstatt in einem Pflegeheim zu leben, mietete er eine rollstuhlgerechte Wohnung und stellte für die Hälfte der Woche einen Pfleger ein. Die andere Hälfte kümmern sich Familie und Freunde um ihn.

Mann im Rollstuhl und Frau auf Balkon mit Häusern im Hintergrund.
Legende: Guido Suter mit Katja Nef, einer von vielen Personen aus seinem Freundeskreis, die ihn unterstützen. Nach der Reha wollte Suter selbstbestimmt zu Hause leben, war jedoch auf eine Rundumbetreuung angewiesen. SRF

Was zunächst nach vorsichtiger Akzeptanz aussah, kippte im darauffolgenden Winter. Die kalte Jahreszeit ist für Tetraplegiker besonders belastend, weil sie ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren können. «Ich wüsste nicht viele Situationen, die schlimmer sind als das.» Wieder dachte Guido Suter ans Sterben, plante bereits ein Abschiedsfest.

Hoffnung aus der Forschung

Doch dann nahm Guido Suters Weg eine unerwartete Wendung: In Lausanne erhielt er die Chance, an einer weltweit einzigartigen Forschungsstudie teilzunehmen.

Elektroden im Rückenmark sollen gezielt seine Muskeln stimulieren, während ein im Gehirn implantierter Chip erkennt, wann er eine Bewegung ausführen will. Beide Systeme sind digital gekoppelt – die Nerven werden genau dann aktiviert, wenn sein Gehirn den entsprechenden Impuls sendet. Die Hoffnung: bewusste Bewegungen wieder möglich zu machen.

Forschung für neue Bewegungen

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Die Studie ist Teil des Forschungszentrums NeuroRestore in Lausanne, wo neue medizinische Technologien für Menschen mit neurologischen Verletzungen entwickelt werden. Ziel ist es, mithilfe von Neurotechnologie und neurochirurgischen Verfahren die Verbindung zwischen Gehirn, Nervensystem und Körper teilweise wiederherzustellen.

Gegründet wurde NeuroRestore 2018 von Prof. Grégoire Courtine (EPFL) und Prof. Jocelyne Bloch (CHUV) als Zusammenarbeit zwischen der École Polytechnique Fédérale de Lausanne, dem Centre hospitalier universitaire vaudois und der Université de Lausanne. Ein interdisziplinäres Team forscht dort an Therapien für Querschnittlähmung, Parkinson, Schlaganfälle und Hirnverletzungen.

Zentrales Projekt ist die Brain-Spine-Interface-Studie. Sie soll eine digitale Verbindung zwischen Gehirn und Rückenmark herstellen, indem Hirnsignale erfasst, Bewegungsabsichten entschlüsselt und in elektrische Impulse übersetzt werden, um Bewegungen wieder zu ermöglichen.

Eine Frau sitzt neben einem Rollstuhlfahrer an einem Tisch.
Legende: Guido Suter während einer Forschungssession am Universitätsspital Lausanne. Eine neuartige Technologie soll Querschnittgelähmten helfen, Bewegung zu ermöglichen. SRF

Guido Suter ist weltweit der zweite Mensch, der sich diesem experimentellen Eingriff unterzieht. Nach der Implantation begann die intensive Arbeit im Labor. Durch elektrische Impulse werden Bewegungen ausgelöst. Schritt für Schritt soll Guido lernen, diese Impulse allein durch seine Gedanken zu steuern.

Endlich wieder Sinn im Leben

Langfristig hoffen die Forschenden, dass sich seine Nerven durch gezielte Stimulation regenerieren und Bewegungen eines Tages wieder ohne technische Unterstützung möglich werden. Für Guido Suter bedeutet die Teilnahme an der Studie jedoch weit mehr als eine medizinische Perspektive – sie gibt seinem Leben neue Bedeutung.

«Ich habe das Gefühl, ich bringe wieder jemandem etwas. Ich bin wieder sinnvoll auf dieser Welt, weil ich mich in den Dienst der Forschung stellen kann. Das macht für mich einen essenziellen Unterschied.»

SRF 1, 20.5.2026, 21:05 Uhr

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