Ein nächtliches Treffen mit einem Kokaindealer. Der Mann ist schon lange im Geschäft und stolz auf die Reinheit seiner Ware: 94 bis 98 Prozent. Sogar Gäste aus Südamerika, wo ein Grossteil des Kokains hergestellt wird, die das weisse Pulver in Zürich konsumiert hätten, seien beeindruckt gewesen. «So etwas gibt es ja nicht mal bei uns», hätten sie gesagt.
Kaum je Skrupel
Seine Kunden kämen aus allen Gesellschaftsschichten, erzählt der Dealer. «Wenn man es die ersten Male nimmt, fühlt man sich schon ein wenig wie Popeye.»
Bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten stelle er mit der Zeit Veränderungen fest: «Gewisse Leute spinnen dann total. Sie lügen und klauen und gehen nicht mehr arbeiten. Man muss sich das Koksen leisten können. Nicht finanziell, meine ich, sondern als Wesen.»
Hat er nie Skrupel, jemandem Drogen zu verkaufen? «Das ist mir vielleicht ganz selten mal passiert.» Er denke jeweils eher, der Kunde würde es sich sowieso irgendwo holen.
Konsum während der ganzen Woche
Frank Zobel ist Co-Leiter der Stiftung Sucht Schweiz und kennt die Drogenlandschaft Schweiz seit über 30 Jahren. Er sagt: «Ich habe so etwas noch nie gesehen. So viel Stoff, so rein, so billig.»
Abwasserproben, in denen die Rückstände des Kokains nachgewiesen werden können, zeigten klar: Der Konsum finde die ganze Woche statt, nicht nur am Wochenende. Und die Zahl der Süchtigen steige.
Legalisierung hätte wenig Chancen
«Wenn das ein Krieg ist, dann hat Kokain, dann haben die kriminellen Gruppen klar gewonnen», sagt Zobel. Er sehe keine einfache Lösung auf uns zukommen. Milliarden seien bereits ausgegeben worden, um das Problem in den Griff zu bekommen – geholfen habe es nichts. Im Gegenteil: Die Situation werde immer schlimmer.
Darum müsse die Schweiz nun beispielsweise über Modelle der Legalisierung nachdenken – wobei auch Zobel weiss, dass dies derzeit politisch chancenlos ist.
Eine Legalisierung sieht Yanis Callandret kritisch. Callandret leitete sieben Jahre lang die Bundeskriminalpolizei, 2025 wechselte er zum Zoll, wo er für die Strafverfolgung zuständig ist. Der Staat dürfe in seinen Bemühungen nicht nachlassen, meint er. «Sonst ist unsere Rechtsstaatlichkeit bedroht. Sonst infiltrieren diese kriminellen Kreise unsere Verwaltungsbehörden und unsere politischen Institutionen – und wir würden zu einem Narco-Staat.»
Gleichzeitig stellt er fest, dass sich der Kokainkonsum in der Schweiz in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat. «Wir haben eine steigende Nachfrage in Europa und gleichzeitig eine Überproduktion in Südamerika.»
Das Kokain, das bei uns landet, stammt aus Bolivien, Peru und vor allem auch Kolumbien. Dass der Stoff in Kolumbien in rauen Mengen hergestellt und exportiert wird, ist nichts Neues.
2022 gab es indes eine Zäsur: Gustavo Petro wurde zum neuen Präsidenten Kolumbiens gewählt und stellte in der Folge die Drogenpolitik auf den Kopf. Mit den Kriminellen sollte ein umfassender Friede geschlossen werden: «paz total». Präsident Petro band die eigenen Sicherheitskräfte zurück, um diesen Friedensprozess nicht zu gefährden – mit gravierenden Folgen.
Kriminelle kontrollieren 60 bis 70 Prozent des Landes
Daniel Mejía, Professor für Ökonomie an der Universidad de los Andes, analysiert den Drogenhandel wissenschaftlich. Die Politik des «paz total» bedeutet für ihn «Verhandlungen mit Kriminellen ohne Ordnung, ohne Zeitplan, ohne Kontrollmechanismus und ohne Bedingungen».
Viele dieser Organisationen hätten die Zurückhaltung des Staates zur Expansion genutzt. «Vor drei Jahren kontrollierten diese Gruppen 200 bis 250 Gemeindebezirke, heute sind es 700. Das entspricht 60 bis 70 Prozent des Territoriums des Landes.»
Das Kokain gelangt über den Luft- und vor allem auch den Seeweg nach Europa. In Häfen wie Antwerpen kommt die Ware tonnenweise an und wird von dort aus im gesamten Schengenraum verteilt. 2025 gelang es dem belgischen Zoll, 55 Tonnen Kokain zu beschlagnahmen – 10 Tonnen mehr als im Vorjahr. Man könnte also meinen, die Behörden würden immer erfolgreicher im Kampf gegen das Kokain.
Ein Blick in die Statistik zeigt indes: Seit 2015 wurde jedes Jahr mehr Kokain aus dem Verkehr gezogen. Höhepunkt war 2023 mit 122 Tonnen. Danach brachen die Zahlen regelrecht ein, auf weniger als die Hälfte des Spitzenwertes.
«Ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel»
Warum es 2023 zu diesem massiven Rückgang gekommen ist, kann sich auch Sara Van Cotthem, Sprecherin des belgischen Zolls, nicht genau erklären. Einerseits könne es sein, dass auf andere Häfen ausgewichen werde. Andererseits sei auch denkbar, dass die Kartelle neue Methoden entwickelt hätten, um vom Zoll unentdeckt zu bleiben: «Das ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel.»
In Antwerpen werden jedes Jahr über zehn Millionen Container umgeschlagen. «Es wäre unmöglich, diese alle zu kontrollieren», sagt Van Cotthem. Die Kapazitäten reichten maximal für ein Prozent der Container. Schätzungen gehen davon aus, dass die Behörden weniger als fünf Prozent des Kokains aus dem Verkehr ziehen können.
Belgiens Justizminister musste sich verstecken
Dass über den Hafen von Antwerpen so viel Kokain geschmuggelt wird, hat Folgen. Antwerpen ist die europäische Stadt, in der am meisten gekokst wird. Zudem ist sie ein Epizentrum der Gewalt, was wiederum auf das ganze Land ausstrahlt: Viele fragen sich, ob der Staat langsam die Kontrolle verliert. Belgien musste zwischenzeitlich gar seinen Justizminister in ein Versteck bringen, weil ihn die Mafia entführen wollte.
Die Situation ist inzwischen so dramatisch, dass Belgien eine nationale Drogenkommissarin eingesetzt hat: Ine Van Wymersch. Sie, die die Anstrengungen gegen die Kartelle koordinieren soll, sagt gegenüber SRF: «Unser Ziel ist keine Welt ohne Drogen. Unser Ziel ist es, die Gewalt zu reduzieren.»
Wenn eine kriminelle Organisation ein Eisberg sei, dann gebe es einen sichtbaren Teil: die Schiessereien. «Aber wir haben auch einen grossen unsichtbaren Teil: Geldwäscherei, Betrug, illegale Wirtschaft – all das untergräbt unsere Demokratie.»
Eine hybride Organisation
Dass der belgische Staat die Kontrolle verloren habe, weist Ine Van Wymersch zurück. Gleichzeitig stellt sie fest, dass es für die Strafverfolgungsbehörden immer schwieriger werde, die Hintermänner zu überführen: «Wenn wir Leute verhaften, wissen die oft wenig über die Organisation, für die sie arbeiten. Sie kennen eine Nummer, einen Avatar oder einen Codenamen, aber es gibt keinen direkten Kontakt mehr. Es ist inzwischen eine hybride Organisation.» Wenn es gelingt, dieser Hydra einen Kopf abzuschlagen, wachsen mindestens zwei nach.
Bund reagierte erst Ende 2025
Der Bund reagierte erst Ende 2025 mit einer offiziellen Strategie gegen organisierte Kriminalität – davor hatte er keine. Nun lautet das Motto «erkennen, verhindern und bekämpfen».
Yanis Callandret, Chef Strafverfolgung am Schweizer Zoll, schlägt Alarm: «Unsere Partner im Norden sagen uns, dass wir uns in der gleichen Situation wie sie wiederfinden werden, wenn wir jetzt nicht intervenieren.»