«Alice» ist ein Ohrenschmeichler. Die Strophen tanzen Walzer, der Refrain nagelt Gitarrenbretter in den Gehörgang. Veronica Fusaro geht mit einer kleinen Rock-Oper an den Eurovision Song Contest. Mit einer, deren düstere Story geschlechtsspezifische Gewalt thematisiert.
Die titelgebende Alice landet statt im Wunderland nämlich in der Stalker-Hölle und kehrt nicht mehr von dort zurück. «Alice, the light in my life has vanished», heisst es am Ende, also: «Alice, das Licht in meinem Leben ist verschwunden» – erzählt aus der Sicht des Täters, der sein Opfer vom Subjekt zum Objekt macht. Ähnlich wie im aufwühlenden Nirvana-Klassiker «Polly», den Veronica als Inspiration für ihr Stück nennt.
Alice steht für jede Frau
Zwar basiert «Alice» nicht auf einer konkreten wahren Begebenheit, als Frau komme sie jedoch immer wieder in Berührung mit dem grundsätzlichen Thema, erzählt die Thuner Musikerin gegenüber SRF: «Solche Geschichten bekommt man unweigerlich mit. Ich beschäftige mich damit, wo ich meine Grenzen setze und ob und wie diese respektiert werden.»
Die Protagonistin stehe für alle Frauen, sie könnte darum auch Barbara oder Sandra heissen, so die 28-Jährige: «Alice bin ich, Alice ist meine beste Freundin, deine Schwester oder die Mutter eines Bekannten.» Mit einem solchen Lied könne sie ein Spiegel der Gesellschaft sein. Und es gibt nur wenige reichweitenstärkere Spiegelflächen als den grössten Musikwettbewerb der Welt mit rund 170 Millionen Zuschauenden allein am TV.
Spiel mit den Gegensätzen
Die in Bern lebende Künstlerin feiert an ihrem ESC-Song besonders das Zusammenspiel zwischen den Lyrics und der Musik. «Der Anfang ist so fein, so fragil, so schön», sagt sie, «und plötzlich kommt die Gitarre und reisst einen aus der Idylle.» Genau wie Alice aus dem Leben gerissen wird.
Fusaro-Fans kennen die Nummer bereits: «Alice» ist Teil von Veronicas zweitem Album «Looking for Connection», das Ende Oktober erschienen ist. Gross war der Track schon vorher, für die Weltbühne wurde ihm nun nochmals mehr Volumen verpasst, um die Leute vorm Bildschirm gehörig ins Sofa (daheim) beziehungsweise Klappstuhl-Sitzpolster (Public Viewing) zu drücken.
Nach dem Release ist vor der Show
Song und Musikvideo sind draussen, nun wird fleissig an der Bühnen-Umsetzung gefeilt. Schliesslich dauert’s nur noch zwei Monate bis zum Eurovision Song Contest in Österreich. Allzu viel wolle und könne sie noch nicht verraten, so die Musikerin. Die Grenzüberschreitung werde aber auch auf der Stage der Wiener Stadthalle künstlerisch zum Thema gemacht.
Auch wenn die Zeit stressig ist, läuft es gut, verrät Veronica Fusaro: «Es macht unfassbar Spass. Ich fühle mich wie Lady Gaga, eines meiner grössten Vorbilder, weil ich mich mit dem Kreativ-Team voll ausleben darf und meinen Ideen plötzlich nur noch sehr wenige Grenzen gesetzt sind.»