Ein heisser Mai – auch im Abstimmungskampf, in Schaffhausen und auf den Strassen. Ein satirischer Monatsrückblick von Gabriel Vetter und Fabienne Hadorn.
Kein neues St. Gallen
Beim Abstimmungskampf zur 10-Millionen-Schweiz wird noch mehr als sonst mit Angst operiert. Fast wie im Herzzentrum des Unispitals Zürich.
Ein Schreckensszenario hört man dabei immer wieder: dass pro Jahr über 80'000 Menschen in die Schweiz einwandern. Das entspricht der Bevölkerung der Stadt St. Gallen. Nochmal ein neues St. Gallen? Dabei versuchen wir immer noch, das alte loszuwerden.
Es ist Gegenteiltag!
Die Initiative wird von Gegnern auch Chaos-Initiative genannt. Was irgendwie passt. Denn bei dieser Vorlage sind auf eine seltsame Art alle Fronten verschoben: Die Grünen sind plötzlich für Wachstum, die SP ist plötzlich auf der gleichen Seite wie die grossen Wirtschaftsverbände, die SVP tut so, als würde sie sich für die Umwelt interessieren und die LGBTQ-Gruppen argumentieren auf der gleichen Seite wie der Freikirchen-Schoggipatron Läderach, da beide die Vorlage ablehnen.
Fehlt nur noch, dass die Lungenliga wegen dieser Initiative eine Zigarettenmarke für Kinder auf den Markt bringt; unter dem Namen «Lungenbrötli». Es ist, als wäre die ganze Initiative ein grosser Gegenteiltag.
Beat Jans ist ... überall
Und Beat Jans muss plötzlich so tun, als wäre er Bundesrat. Vielleicht wäre er lieber Staubsaugervertreter. Er tingelt durchs Land wie ein Missionar einer politischen Freikirche, der an jeder Türe klingelt und sagt: «Grüezi, darf ich Ihnen etwas über die Konsequenzen der 10-Millionen-Initiative erzählen?»
Er war sogar im Fussballpodcast «Sykora Gisler», um auch dort seine Botschaft zu platzieren. Ein Bundesrat, der sich eine ganze Stunde Zeit nimmt, um über Fussball zu plaudern? Fehlt nur noch, dass er sein Referat an einem Junggesellenabschied in einer Karaokebar hält.
Nein zu Zürcher
Wie sehr die Schweiz mit ihren Mitmenschen fremdelt, sieht man in Schaffhausen. Dort stimmt man am 14. Juni über die Badi-Initiative ab. Kinder unter 16 Jahren sollen gratis in die Badi dürfen.
Ein Komitee wirbt für ein Nein mit dem Slogan: «Gratis-Badis auch für Zürcher und Deutsche! – Nein.» Man weiss gar nicht, was die Schaffhauser schlimmer finden: Deutsche oder Zürcher. Irgendwann werden sie herausfinden, dass es sogar Deutsche gibt, die in Zürich wohnen.
Fahrausweis aus der Nachkriegszeit
Laut einer Studie des Bundes bergen Seniorinnen und Senioren grosses Gefahrenpotenzial im Strassenverkehr. Über eine halbe Million Menschen über 75 Jahre in der Schweiz haben einen Führerausweis. Aber mindestens die Hälfte davon hat vergessen, dass sie einen haben. Und gefährlicher ist ja, dass sie einen Stimmrechtsausweis haben. Aber das ist eine andere Geschichte.
Sehr viele Seniorinnen und Senioren fahren noch immer Auto. Kein Wunder, wenn im Benissimo in den 90er-Jahren so viele Autos verschenkt wurden. Und genau die Altersgruppe verursacht pro gefahrenem Kilometer am meisten Unfälle. Dabei sollten sie besser Autofahren können. Immerhin waren sie ja dabei, als das Autofahren erfunden wurde.