Nach Jahren der Dürre erlebten die Fans in St. Gallen zuletzt regelmässig Highlights. Zweimal zog man in den Cupfinal ein, durfte sich in der Conference League ausprobieren, etablierte sich im oberen Teil der Super-League-Tabelle. Im Moment ist man hinter dem enteilten Thun zweitstärkste Macht der Schweiz.
Mit diesem Aufschwung ist keiner enger verbunden als Lukas Görtler. Der «Espen»-Captain erlebte mit dem 3:0-Heimsieg über Basel ein Jubiläum nach Mass: Es war seine 200. Super-League-Partie in Grün-Weiss. Das zeichnete sich bei seiner Ankunft kaum ab, gibt Görtler zu: «Ich wollte hier nur den nächsten Schritt machen und dann einen Wechsel anstreben.»
Bald 7 Jahre später ist der Deutsche noch immer in der Ostschweiz, seit rund 5 Jahren als Captain. «Ich habe mich in die Zuschauer verliebt, ins Trikot, die Region. So viel Liebe wurde mir zurückgegeben», schwärmt Görtler. Die Zahl 200 bedeute ihm per se nicht viel. Weil es in den Medien aufgegriffen worden sei, habe er sich dann aber doch Gedanken darüber gemacht.
Gegen YB jeweils besonders
Gedanken, die Görtler mit SRF geteilt hat. Folgende Spiele blieben dem 31-Jährigen besonders im Gedächtnis:
- Das speziellste: «Das 3:3 gegen YB. Hier sprang der letzte Funke zwischen den FCSG-Fans und mir über.» Damals gelangen Görtler ein Tor und zwei Assists in der letzten Partie vor der Corona-Pause. Auch aktuell liegen ihm die Young Boys: Dass er die lange Sieglos-Serie im Wankdorf letzten Oktober mit seinem Tor beendete, sei ganz besonders.
- Das emotionalste: Görtler wählt den 2. verlorenen Cupfinal 2022 gegen Lugano. «Wir liegen früh zurück, machen das 1:1, sind gefühlsmässig am Drücker. Mit dem 1:2 vor der Pause kippt es.» Er sei in die Stadt gegangen, wo ihm St. Gallens Supporter «ein ganz besonderes Gefühl der Zusammengehörigkeit» vermittelt hätten.
- Sein bestes und schlechtestes: «Schwierig zu sagen, ich habe zum Glück schon einige gute gespielt», lacht der Mittelfeldmotor. Beim 6:0 gegen Xamax im Juli 2020 habe «alles funktioniert». Und am anderen Ende der Skala? «In meiner ersten Saison auswärts beim FCZ. Es waren 30 Grad, gar nix hat funktioniert. Das war glaube ich ein 1:1.» Wobei sich Görtler falsch erinnert: St. Gallen verlor 1:2. Schwach sei er auch im 1. Cupfinal gegen Luzern gewesen.
- Das zu korrigierende: Könnte er eine SL-Partie mit anderem Ausgang wiederholen, wäre es das 1:2 bei Thun in der Corona-Saison, als man die Tabellenführung einbüsste: «Da haben wir den Meistertitel verspielt.»
Was noch fehlt, ist ein Titel. Mit der Meisterschaft wird es in dieser Saison kaum klappen, zu gut ist Thun. «Bitter, weil wir eine grandiose Saison spielen. Im Vorjahr hätte unsere Anzahl Punkte zur Tabellenführung gereicht. Thun macht es ausserordentlich, für den Fussballfan ist es eine super Story», ordnet Görtler ein. Im Cup fehlt noch ein Sieg über Yverdon zu seinem 3. Finaleinzug.
Wenn ich fit bleibe, gibt es für mich kein Limit.
So oder so, der «Fussballgott» der Ostschweizer sieht seinen Auftrag noch nicht erfüllt. Görtler verfällt ins Rechnen. Er habe vor dem Basel-Spiel die Klub-Rekordspieler recherchiert. Er sah, dass hinter dem «ewigen» Marc Zellweger (507 Spiele) Marc Lopar (299) folgt. Die 300 Partien wolle Görtler (233) sicher knacken. Mit 2 Jahren Vertrag und 25 bis 30 Saisonspielen im Schnitt machbar.
Ohnehin muss 2028 noch nicht Schluss für ihn sein in St. Gallen: «Wenn ich fit bleibe, gibt es für mich kein Limit.» Das hätte sich Neuzugang Görtler im Juli 2019 wohl anders vorgestellt.