Noch nie zuvor gab es in der Schweiz so viele Hochbetagte wie heute. Die Hundertjährigen sind bei uns die am schnellsten wachsende Altersgruppe. Allein im Jahr 2024 waren es fast 2200 Personen – rund 470 mehr als noch vier Jahre vorher. Um Hinweise auf Langlebigkeit zu finden, untersuchten Forschende von den Universitäten Genf und Lausanne im Rahmen der Studie «SWISS 100» das Blut von Hundertjährigen und jüngeren Personen.
Wie sie nun in der Fachzeitschrift «Aging Cell» berichten, konnten sie im Blut von Hundertjährigen 37 Proteine identifizieren, deren Profil mit einer verlangsamten Alterung in Verbindung steht. Denn diese Proteine gleichen stärker jenen von Erwachsenen zwischen 30 und 60 Jahren als jenen zwischen 80 und 90 Jahren. Besonders auffällig waren dabei unter anderem fünf Proteine, die mit oxidativem Stress in Verbindung stehen.
Hundertjährige aus der Studie
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Bild 1 von 4. «Ich betrachte mich als glücklicher Mann.». Mit 102 Jahren ist Gaston Collet immer noch neugierig und ein unermüdlicher Optimist. Er führt seine Langlebigkeit auf seine intellektuelle Neugier, sein soziales Netzwerk und die täglichen Yogaübungen zurück, die er seit seinem 40. Lebensjahr macht. Bildquelle: SWISS100 / Jos Schmid.
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Bild 2 von 4. «Ich habe immer mit Freude gearbeitet.». Schwester Maria Agnese ist auf dem Bild 101 Jahre alt. Sie ist die Jüngste von fünf Töchtern einer katholischen Bauernfamilie mit zehn Kindern. Sie nimmt bis zu ihrem 101. Lebensjahr an Gymnastikkursen, Kochgruppen und natürlich an der täglichen Messe teil. Bildquelle: SWISS100 / Jos Schmid.
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Bild 3 von 4. «Täglich einen 1/2 Liter Milch. Niemals Rolltreppe. Gute Gene.». Mit 103 ist Gerhart Wagner immer noch neugierig, extrovertiert und diszipliniert, wie sein aufgeweckter Blick auf dem Bild zeigt. Wie viele seiner Generation hatte er kein einfaches Leben, aber er hat das Beste daraus gemacht. Bildquelle: SWISS100 / Jos Schmid.
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Bild 4 von 4. «Wenn fröhliche Stimmung herrscht, fühle ich mich jünger.» . Und wenn nicht, sei sie eine kleine alte Frau, so Rosa Pozzoni. Die ehemalige Schneiderin ist bei der Aufnahme dieses Bildes 103. Sie hat offenbar keine besonderen Geheimnisse, die ihr langes Leben erklären. Doch: «Vielleicht liege es am Kaffee mit Grappa und dem rohen Ei, mit denen sie den Tag begann, bis sie ins Altenheim kam?», scherzt ihr Sohn. Bildquelle: SWISS100 / Jos Schmid.
Oxidativer Stress wird durch sogenannte freie Radikale verursacht. Er entsteht hauptsächlich aus zwei Quellen. Zum einen durch chronische Entzündungen, bei denen weisse Blutkörperchen freie Radikale in grösseren Mengen produzieren, um den Körper etwa gegen Bakterien und andere Krankheitserreger zu verteidigen.
Und zum anderen durch nicht mehr so gut funktionierende Mitochondrien, also den Kraftwerken unserer Zellen. Erstaunlich sei, dass Hundertjährige in dieser Hinsicht sehr ähnlich wie junge Menschen funktionieren würden, sagt der Altersforscher und Mediziner Karl-Heinz Krause, der an der Studie beteiligt war.
Wer einmal die Altersgrenze «Hundert» geknackt hat, scheint oft auch kognitiv noch relativ lang fit zu sein. So ergab eine weitere Auswertung der Studie «Swiss 100», dass 37 Prozent aller Hundertjährigen in der Schweiz keine kognitiven Beeinträchtigungen hätten und 20 Prozent nur wenige Einschränkungen von ihrer Leistungsfähigkeit.
Erstaunlich robust trotz schwerer Zeiten
«Überraschend ist auch, wie viele von ihnen psychisch resilient sind», sagt die Psychologin Daniela Jopp von der Universität Lausanne. Fast alle von ihnen hätten eine hohe Lebenszufriedenheit, obwohl sie mehrere historische und persönliche Krisensituationen durchgemacht hätten.
Doch wie alt kann man überhaupt werden? Wo liegt die biologische Altersgrenze? «Da gibt es nur eine ehrliche Antwort», sagt Krause. Man wisse es nicht. Generell gilt aber, dass vor allem die Umwelt sowie der Lebensstil einen grossen Einfluss auf das Alter der Hundertjährigen haben, ergänzt der Genfer Mediziner. Denn bekannt sei, dass ungefähr nur 25 Prozent des Alterungsprozesses genetisch bedingt sei.
Weltweit lebte niemand länger als die Französin Jeanne Calment aus Arles, die 1997 verstarb. Sie wurde 122 Jahre und 164 Tage alt, nahm mit 85 noch Unterricht im Fechten, fuhr bis 100 noch Velo und liebte offenbar Süssigkeiten. Erst mit 119 hörte sie auf Empfehlung ihres Arztes auf, regelmässig Schoggi zu essen. Sie lachte aber auch gern und machte Scherze: Zum Beispiel, dass Gott sie wohl vergessen haben müsse.