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Unhaltbare Thesen Die Autismus-Debatte in den USA läuft komplett aus dem Ruder

Erst Kinderimpfungen, dann Schmerzmittel, wehleidige Mütter und jetzt Impfpläne und Zusatzstoffe. Wenn es um die Ursachen von Autismus geht, verbeisst sich die US-amerikanische Rechte in wissenschaftlich unhaltbare Thesen. Die Auslöser von Autismus zu klären, gehört zu Donald Trumps wichtigsten Wahlkampfversprechen. Sein Gesundheitsminister Robert F. Kennedy verstört in schnellem Rhythmus mit aufgewärmten Thesen. Die Fachwelt hält dagegen. Und die Weltgesundheitsorganisation WHO weist mit einer neuen Analyse einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus dezidiert zurück. Wissenschaftsredaktorin Katharina Bochsler ordnet ein.

Katharina Bochsler

Wissenschaftsredaktorin

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Katharina Bochsler arbeitet seit 2006 in der SRF-Wissenschaftsredaktion. Sie hat Psychologie und Germanistik studiert. Ihre Spezialgebiete sind Psychologie, Anthropologie, Ethik und Raumfahrt.

Was ist da los?

US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy führt seinen Kreuzzug gegen Impfungen seit 20 Jahren. Und er übt – seit er seinen Posten in der Trump-Administration hat – massiv Druck auf Institutionen aus, damit diese sich seinen Ansichten beugen. Führungspersonen und Forschende müssen gehen, unhaltbare Thesen werden aufgewärmt. So steht seit kurzem auf der Webseite der US-Gesundheitsbehörde CDC: Die Aussage, Impfstoffe verursachten keinen Autismus, sei nicht evidenzbasiert, also wissenschaftlich nicht erwiesen. Er persönlich habe das so angeordnet, sagte Kennedy gegenüber der «New York Times».

Wie reagieren Fachpersonen auf diese Eingriffe und Behauptungen?

Forscherinnen, Ethikerinnen und Fachorganisationen sind sehr besorgt – weltweit. Denn die These, Impfungen würden Autismus auslösen, ist wissenschaftlich längst widerlegt. Sie hat ihren Ursprung in einer gefälschten und zurückgezogenen Studie aus den 1990er-Jahren, gehört aber seither zum festen Inventar der Verschwörungserzählungen über Autismus. In den USA haben in den letzten Tagen 44 Fachgesellschaften wegen dieser Formulierung gemeinsam eine Protest-Erklärung unterzeichnet. Sie seien zutiefst beunruhigt, dass – trotz fehlender Belege – Zweifel an Impfstoffen und Impfplänen gesät würden und Kinder Schaden nehmen – zum Beispiel durch gefährliche Infektionskrankheiten wie Masern oder Hepatitis B. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat prompt reagiert. Sie weist mit einer neuen Analyse von 31 Studien einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus zurück.

Wissenschaft, Medizin und Gesundheitsverbände müssen also gegen Mythen argumentieren?

Ja, diese Diskussion um Autismus entfaltet eine unglaubliche Dynamik. Im Oktober haben Donald Trump und Robert F. Kennedy Schwangere vor dem Wirkstoff Paracetamol gewarnt. Anfangs Dezember hat ein von Kennedy handverlesenes Gremium die Jahrzehnte alte Empfehlung der Hepatitis-B-Impfung bei Neugeborenen – wie sie sich auch in der Schweiz bewährt – zurückgenommen. Als Nächstes will sich das Gremium Zusatzstoffe in den Impfungen vornehmen, von denen Kennedy sagt, sie lösten Autismus aus. Die tatsächlich aber die Wirkung der Impfungen verbessern. Gesundheitsexpertinnen sprechen von einem Prozess, der aus dem Ruder gelaufen ist.

Radio SRF 4 News, Rendez-vous, 06.01.2026, 12:30 Uhr ; 

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