Autismus ist eine Projektionsfläche der Extreme und der Extremen. Hier kreuzen sich Pfade des Misstrauens und kristallisieren sich Argumente, die verschiedenste Narrative bedienen – von Impf-, Staats- und Pharmaskepsis, über Wissenschaftsleugnung bis zu Frauen- und Minderheitenfeindlichkeit.
Denn Autismus ist die Störung einer Minderheit, die die Mehrheit verwirrt. Das untypische Verhalten autistischer Kinder wird seit jeher von Mythen und Fehlinterpretationen begleitet, sagt Paulina Buffle, Autismusforscherin an der Universität Genf.
Menschen mit Autismus entziehen sich gewohnten Kommunikations- und Verhaltensregeln. Sie suchen zum Beispiel keinen, wenig oder auf spezielle Weise Kontakt. Das könne mysteriös erscheinen und sei für Verschwörungserzähler eine ideale Beute.
Geschichte der Autismus-Mythen
Im Mittelalter galten die Kinder als verhext oder als von Trollen ausgetauschte, sogenannte Wechselbälger. Heute fällt der Verdacht auf andere Kräfte – zum Beispiel auf die Impfungen.
«Da kommen mehrere diffuse Aspekte zusammen», sagt Medizinethikerin Tanja Krones von der Universität Zürich: Die Nebenwirkungen, die Pharma und ihre bisweilen übertriebenen Versprechungen; der Staat, der Impfungen empfiehlt oder gar verordnet. «Das macht vor allen Dingen dann Angst, wenn Menschen das Gefühl haben, sie werden gelenkt und sie auch kein Vertrauen in staatliche Strukturen haben.»
Die Impfthese ist nicht totzukriegen
Dass sich die längst widerlegte Impfthese so hartnäckig hält und aktuell von der Trump-Administration obsessiv gepusht wird, beunruhigt Forschende. Als müsste man immer wieder aufs Neue beweisen, dass die Erde eine Kugel ist.
Simple Narrative und Stereotypisierungen sind verlockend, bequem, langlebig. Dazu gehört auch dies: «Die Mütter sind schuld».
US-Präsident Donald Trump riet Schwangeren jüngst, bei Schmerzen und Fieber auf die Zähne zu beissen und kein Paracetamol einzunehmen. Es erhöhe das Autismusrisiko stark. Die Verbindung von Paracetamol und Autismus hat sich wissenschaftlich nie erhärtet. Wohl aber, dass Fieber und Infektionen in der Schwangerschaft ein Risikofaktor für Autismus ist.
Einmal mehr sollen die Mütter schuld sein
Medizinethikerin Tanja Krones ärgert dieses Spiel auf die Frau: «Der Schwangeren wird die maximale Verantwortung zugeschrieben. Sie soll ihren Körper komplett hintanstellen. Das ist tatsächlich ein sehr frauenverachtendes Bild.»
Es ist dies die Fortschreibung alter Mythen – von den Hexen des Mittelalters bis zur Theorie der gefühlskalten Refrigerator-Mutter des 20. Jahrhunderts.
Aber was ist nun wissenschaftlich wirklich belegt? Zu den Autismusrisiken gehört eine zu frühe Geburt des Kindes oder das fortgeschrittene Alter der Eltern – insbesondere des Vaters. Denn das Sperma älterer Männer hat eine höhere Wahrscheinlichkeit genetischer Mutationen.
Es sind die Gene – meistens
Die Gene sind bis zu 80 Prozent die Treiber von Autismus-Spektrum-Störungen: Bei den milderen und häufigsten Formen ist es ein Mix ererbter Genvarianten.
Bei Kindern mit stark ausgeprägten autistischen Zügen und intellektuellen Beeinträchtigungen – sind so genannte Spontanmutationen der Grund. Weder Impfungen, Trolle, Hexen, Schmerztabletten oder schlechte Mütter, sondern der Zufall ist es also, der diese Kinder sich besonders entwickeln lässt.