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Geschichte der Autismus-Mythen Warum Autismus eine Projektionsfläche für Verschwörungsideen ist

Das Phänomen Autismus wird von Verschwörungserzählern intensiv bewirtschaftet. Doch warum ausgerechnet diese Störung?

Autismus ist eine Projektionsfläche der Extreme und der Extremen. Hier kreuzen sich Pfade des Misstrauens und kristallisieren sich Argumente, die verschiedenste Narrative bedienen – von Impf-, Staats- und Pharmaskepsis, über Wissenschaftsleugnung bis zu Frauen- und Minderheitenfeindlichkeit.

Denn Autismus ist die Störung einer Minderheit, die die Mehrheit verwirrt. Das untypische Verhalten autistischer Kinder wird seit jeher von Mythen und Fehlinterpretationen begleitet, sagt Paulina Buffle, Autismusforscherin an der Universität Genf.

Menschen mit Autismus entziehen sich gewohnten Kommunikations- und Verhaltensregeln. Sie suchen zum Beispiel keinen, wenig oder auf spezielle Weise Kontakt. Das könne mysteriös erscheinen und sei für Verschwörungserzähler eine ideale Beute.

Geschichte der Autismus-Mythen

Im Mittelalter galten die Kinder als verhext oder als von Trollen ausgetauschte, sogenannte Wechselbälger. Heute fällt der Verdacht auf andere Kräfte – zum Beispiel auf die Impfungen.

«Da kommen mehrere diffuse Aspekte zusammen», sagt Medizinethikerin Tanja Krones von der Universität Zürich: Die Nebenwirkungen, die Pharma und ihre bisweilen übertriebenen Versprechungen; der Staat, der Impfungen empfiehlt oder gar verordnet. «Das macht vor allen Dingen dann Angst, wenn Menschen das Gefühl haben, sie werden gelenkt und sie auch kein Vertrauen in staatliche Strukturen haben.»

Die Impfthese ist nicht totzukriegen

Dass sich die längst widerlegte Impfthese so hartnäckig hält und aktuell von der Trump-Administration obsessiv gepusht wird, beunruhigt Forschende. Als müsste man immer wieder aufs Neue beweisen, dass die Erde eine Kugel ist.

Die Impfthese

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Die Impfthese beruht auf einer Fälschung. Der Chirurg Andrew Wakefield hat 1998 in der Fachzeitschrift «The Lancet» eine fünfseitige Studie veröffentlicht, gemäss der die Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) Autismus auslösen soll.

Doch die Studie war reiner Wissenschaftsbetrug. Wakefield hatte sich eine halbe Million Euro zahlen lassen – und zwar von Anwälten, die die Eltern von Kindern mit Autismus-Symptomen vertraten. «The Lancet» zog die Studie zurück und Wakefield in die USA. Dort wurde er zu einer Art Urvater der Antivaxxer-Bewegung. Auch der US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy, einst ein renommierter Umweltanwalt, ist seit gut zwei Jahrzehnten ein Impfgegner.

Die Impfthese wurde schon viele Male untersucht. Es hat sich kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gezeigt. Zuletzt hat dies die Weltgesundheitsorganisation WHO Mitte Dezember mit einer neuen Analyse von 31 Studien der letzten 15 Jahre erneut bestätigt.

Simple Narrative und Stereotypisierungen sind verlockend, bequem, langlebig. Dazu gehört auch dies: «Die Mütter sind schuld».

US-Präsident Donald Trump riet Schwangeren jüngst, bei Schmerzen und Fieber auf die Zähne zu beissen und kein Paracetamol einzunehmen. Es erhöhe das Autismusrisiko stark. Die Verbindung von Paracetamol und Autismus hat sich wissenschaftlich nie erhärtet. Wohl aber, dass Fieber und Infektionen in der Schwangerschaft ein Risikofaktor für Autismus ist.

Einmal mehr sollen die Mütter schuld sein

Medizinethikerin Tanja Krones ärgert dieses Spiel auf die Frau: «Der Schwangeren wird die maximale Verantwortung zugeschrieben. Sie soll ihren Körper komplett hintanstellen. Das ist tatsächlich ein sehr frauenverachtendes Bild.»

Es ist dies die Fortschreibung alter Mythen – von den Hexen des Mittelalters bis zur Theorie der gefühlskalten Refrigerator-Mutter des 20. Jahrhunderts.

Die Theorie der Kühlschrankmutter

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Die Theorie der Kühlschrankmutter ist ein Kind des 20. Jahrhunderts. Sie wurde ab den 1950er Jahren vor allem von Psychoanalytiker Bruno Bettelheim verbreitet und in seinem Buch «Die Geburt des Selbst» (1967) vertreten.

Die These geht so: Kalte, gefühlsarme Mütter, die ihre Kinder nicht genug trösten und zu wenig in den Arm nehmen, seien schuld am Autismus ihres Kindes. Eine Behauptung, die eine blieb. Denn sie hat wissenschaftlich keinerlei Substanz.

Schon in den späten 1970er Jahren zeigten Zwillingsstudien, dass die Gene wohl eine wichtige Rolle spielten. Dennoch hat die These der kalten Mutter («Refrigerator-Mother») in der Bindungstheorie teilweise bis ins 21. Jahrhundert überlebt. Sie hat viel Leid angerichtet und viele Mütter belastet.

Aber was ist nun wissenschaftlich wirklich belegt? Zu den Autismusrisiken gehört eine zu frühe Geburt des Kindes oder das fortgeschrittene Alter der Eltern – insbesondere des Vaters. Denn das Sperma älterer Männer hat eine höhere Wahrscheinlichkeit genetischer Mutationen.

Es sind die Gene – meistens

Die Gene sind bis zu 80 Prozent die Treiber von Autismus-Spektrum-Störungen: Bei den milderen und häufigsten Formen ist es ein Mix ererbter Genvarianten.

Bei Kindern mit stark ausgeprägten autistischen Zügen und intellektuellen Beeinträchtigungen – sind so genannte Spontanmutationen der Grund. Weder Impfungen, Trolle, Hexen, Schmerztabletten oder schlechte Mütter, sondern der Zufall ist es also, der diese Kinder sich besonders entwickeln lässt.

Radio SRF 4 News, Rendez-vous, 06.01.2026, 12:30 Uhr

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