Weltweit gehen vier von zehn Krebserkrankungen auf vermeidbare Ursachen wie Rauchen oder Infektionen zurück. Das zeigt eine aufwändige Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO. In der Schweiz wird gemäss Fachleuten zu wenig Vorsorge und Früherkennung betrieben. Wissenschaftsredaktorin Irène Dietschi ordnet ein.
Studien zu äusseren Einflüssen und Krebs gibt es viele. Was ist besonders an dieser?
Es ist die erste Studie überhaupt, die global untersucht hat, wie viele und welche Krebserkrankungen sich vermeiden liessen. Die Studienautoren haben riesige Datenmengen weltweit ausgewertet, das heisst, die Aussagen, die man aus Public-Health-Sicht machen kann, sind evidenzbasiert, sie haben Hand und Fuss. Die wichtigste Aussage lautet: In der Prävention liegt bei der Krebsbekämpfung ein grosses Potenzial.
Mit Blick auf die Schweiz: Bei welchen Risiken wäre die Prävention am effektivsten?
Das grösste Krebsrisiko in der Schweiz ist eindeutig das Rauchen. Bei den Frauen sind 13 Prozent aller neuen Krebsfälle auf das Rauchen zurückzuführen, bei den Männern 21 Prozent. Hier würde eine effektive Prävention viel bewirken und Leid verhindern.
Andere wichtige Risiken hierzulande sind Infektionen – hier vor allem Hepatitis und das Humane Papilloma Virus HPV, das bei den Frauen Gebärmutterhalskrebs auslösen kann. Auch Alkoholkonsum hat ein gewisses Krebsrisiko – eine Erkenntnis, die sich erst langsam durchsetzt –, und Übergewicht kann ebenfalls zu einer Krebserkrankung führen.
Bei der Behandlung von Krebs ist die Schweiz top, in der Prävention eher flop. Woran liegt das?
Der Hauptgrund ist: In die Prävention fliesst viel weniger Geld, bei der Krebsbekämpfung werden die meisten Mittel für die Diagnostik und Behandlungen ausgegeben. Beim Überleben von Krebs ist die Schweiz Spitzenreiterin.
Ein Hemmschuh der Prävention ist auch der Föderalismus. Gegen HPV zum Beispiel gibt es eine Impfung, diese schützt gegen Gebärmutterhalskrebs und andere Erkrankungen. Aber je nach Kanton gibt es massive Unterschiede bei den Impfquoten, diese liegen zwischen 30 und 80 Prozent. Auch organisierte Screening-Programme – gegen Brustkrebs oder Darmkrebs zum Beispiel – existieren noch längst nicht in allen Kantonen.
Beim Rauchen liegen die Dinge anders, hier behindern die Prävention vor allem wirtschaftliche Interessen, die von einer starken Lobby bewirtschaftet werden. Das neue Tabakgesetz etwa, das seit dem 1. Oktober 2024 in Kraft ist und vor den schädlichen Auswirkungen des Rauchens schützen soll, halten viele Gesundheitsfachleute für verwässert.
Gibt es in der Schweiz Unterschiede bei den vermeidbaren Faktoren wie Alkohol oder Rauchen zwischen Jung und Alt?
Rauchen ist insgesamt rückläufig. Aber: Junge Menschen rauchen anteilmässig mehr als Ältere. Und auch neue Formen wie E-Zigaretten werden bei den Jungen immer beliebter. Beim Alkohol ist es umgekehrt, bei den Jungen gibt es einen Trend weg vom Alkohol, nicht zu trinken gehört für viele zu einem gesunden Lebensstil. Ältere haben eher Mühe sich einzugestehen, dass Alkohol ungesund ist und auch Krebs verursachen kann.
Welche Verbesserungen wären nötig?
Fachleute plädieren bei Krebs für einen einheitlichen Schweizer Vorsorge- und Früherkennungsplan. Konkret: eine Strategie, welche die vielen kantonalen Programme – sei es zur Früherkennung, sei es zur Prävention von Krebs – zusammenfassen und koordinieren würde. Dann hätte die Gesundheitsförderung gemäss Fachleuten einen viel stärkeren Hebel, mehr Menschen zu erreichen.