«Im März 2020 hatte ich beschlossen, mich an ‹Exit› zu wenden, weil ich mir nicht vorstellen konnte, so weiterzuleben.» José-Maria Vidal ist die kritische Zeit noch sehr präsent. Eine chronische Lungeninfektion hatte ihn monatelang ans Bett des Genfer Universitätsspitals gefesselt. Seine Lunge war voll Schleim, das Atmen fiel ihm schwer.
Die wiederholte Behandlung mit Antibiotika hatte die Bakterien resistent gemacht. Die Medikamente verloren ihre Wirkung, José-Maria Vidal verlor seinen Lebenswillen.
In dieser verzweifelten Lage wandten sich die behandelnden Ärzte an Christian Van Delden. «Es war klar, dass die therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft waren und wir nichts weiter tun konnten», so der Infektiologe. «Das Einzige, was ich Herrn Vidal noch vorschlagen konnte, war eine Phagentherapie.»
Experimentelle Behandlung mit Hürden
Obwohl die Phagentherapie eine über 100-jährige Geschichte hat, ist sie in der Schweiz und vielen anderen Ländern derzeit nicht zugelassen. Nur in Notfällen, als sogenannter «individueller Heilversuch», darf sie unter strengen Auflagen eingesetzt werden – wenn alle zugelassenen Behandlungsoptionen ausgeschöpft sind und ein schwerwiegender Ausgang wie Amputation oder Tod droht.
Für José-Maria Vidal gab es keine Alternative. «Ob ich Angst hatte, es zu tun? Überhaupt nicht. Wenn dir kein Ausweg bleibt, wenn du keine Optionen mehr hast, dann entweder das oder du krepierst. Da ist kein Platz für Angst», erinnert er sich.
Die Suche nach dem passenden Phagen
Die Phagentherapie ist hochgradig personalisiert. Das Genfer Labor suchte fieberhaft nach einem passenden Phagen und wurde schliesslich in Amerika fündig. «Die Yale University hat uns einen passenden Phagen kostenlos zur Verfügung gestellt», berichtet Infektiologe Van Delden.
Im März 2020 begann die experimentelle Behandlung. Fünf Tage lang inhalierte Vidal die Phagen. «Als ich inhalierte, spürte ich eine Hitze, es brannte in der Lunge, und da dachte ich, wow, da passiert etwas», erzählt Vidal.
Die Wirkung war erstaunlich: «Nach drei, vier Tagen war er wie verwandelt. Der Patient hatte keine Atemnot mehr. Er produzierte keinen Auswurf mehr, seine Atemwege waren plötzlich frei. Das Fieber war weg», so Van Delden. Die Antibiotikabehandlung konnte reduziert werden. Drei Wochen später konnte José-Maria Vidal das Spital verlassen. «Es war eine Befreiung. Für mich ist das ein Sieg», sagt Vidal.
Keine dauerhafte Heilung
José-Maria Vidal hat ins Leben zurückgefunden und arbeitet wieder als Ausbildner. Geheilt ist er jedoch nicht. Im Herbst 2024 wird er erneut erfolgreich mit Phagen behandelt, um die Keime zurückzudrängen.
Auch wenn in einem Einzelfall wie diesem nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, ob die Phagen allein die Heilung bewirkten, ist Christian Van Delden überzeugt: «Es war die Kombination aus beidem, die wirksam war. Die Antibiotika allein reichten nicht aus.» Mittlerweile wurden am Genfer Universitätsspital drei weitere Patienten mit Phagen behandelt.