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Legende: Tiere passen sich an das Leben in Strassennähe an. Und das schneller als erwartet. Colourbox
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Tiere reagieren auf die Umwelt Evolution am Strassenrand

Strassen prägen die Natur stärker als angenommen: Sie beeinflussen die Evolution mancher Tiere und Pflanzen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Strassen schaden Flora und Fauna: Autos sind gefährlich für Tiere, aber zum Beispiel auch Schadstoffe und Salz vom Winterdienst.
  • Die Strassenökologie untersucht diese Phänomene.
  • Der US-amerikanische Ökologe Steven Brady hat herausgefunden, dass sich Molche unter dem Einfluss der Strasse verblüffend schnell genetisch verändern.
  • Das Feld ist noch nicht breit erforscht, aber es gibt weitere Studien, die in diese Richtung zeigen.

Strassen dringen heute in fast jeden Winkel der Erde vor – und das globale Netzwerk aus Asphalt wächst unablässig weiter, sagt der US-amerikanische Ökologe Steven Brady: Bis 2050 dürfte das Strassennetz um weitere 60 Prozent wachsen.

Das wirkt sich auf die Natur aus. Strassen sind nicht nur deshalb gefährlich für Tiere, weil sie angefahren und getötet werden können. Autos und Strassenbeläge geben einen Giftcocktail aus Metallen und organischen Stoffen ab, der mit Regenwasser in die Umgebung gelangt. Dazu kommt das Salz vom Winterdienst. Strassen hindern auch manche Tiere am Wandern, und der Lärm kann die tierische Kommunikation übertönen.

Versalzene Tümpel

Im Autoland USA hat sich eine eigene wissenschaftliche Disziplin entwickelt, die solche Folgen untersucht: die Strassenökologie.

Steven Brady hat Molche und Kröten untersucht, die in strassennahen Tümpeln leben. Dorthin gelangt so viel Salz vom Winterdienst, dass man es mit der Zunge schmecken kann. Besonders die Kröten goutieren nicht, wenn ihr Teich in einen Mini-Ozean aus Salzwasser verwandelt wird: Sie wachsen langsamer, entwickeln Missbildungen, sterben früher.

Auch den Molchen geht es schlechter. Aber bei ihnen ist Steven Brady auf eine Überraschung gestossen: Wenn er Molche aus unbelasteten Teichen in versalzte Gewässer setzte, ging es diesen wesentlich schlechter als den Exemplaren, die dort bereits lebten.

Legende: Salz gelangt ins Wasser und belastet die Tiere. Colourbox.

Die Evolution hatte die Hand im Spiel

Weitere Experimente haben gezeigt: Die Molch-Populationen, die nah an der Strasse leben, haben sich genetisch verändert – und kommen deswegen besser mit dem Salzwasser zurecht.

Die Evolution hatte also ihre Hand im Spiel. Die Molche hatten sich verblüffend schnell ans Salz angepasst.

Schneller als erwartet

Bisher habe die Forschung kein grosses Augenmerk auf die Evolution gerichtet, wenn es um Strassen ging, sagt Steven Brady. Zu langsam wirke sie, dachten viele, eher über Jahrtausende als über Jahrzehnte.

Aber nun gebe es Hinweise, dass die Evolution schneller wirken könne, und dem Leben so helfe, mit manchen Folgen der Strassen zurechtzukommen.

Trotzdem stiess Steven Brady kaum auf weitere Beispiele in der wissenschaftlichen Literatur. Ausnahmen waren einige Moose und Gräser, die sich an den Schadstoffstrom anpassten, der bei Regen von der Strasse rinnt.

Legende: Auch bei Schwalben liessen sich strassenbedingte Veränderungen feststellen. Colourbox

Kürzere Flügel

Und dann gab es diese aufsehenerregende Studie, erzählt Brady: Forscher hätten über 30 Jahre Schwalben in einer Region der USA untersucht. Sie zählten unter anderem, wie viele Tiere von Autos getötet wurden. Obwohl ihre Population wuchs, starben über die Jahre immer weniger auf der Strasse.

Gleichzeitig bemerkten die Wissenschaftler, dass die Flügellänge in der Schwalbenpopulation abnahm. Ein Werk der Evolution, vermuten die Forscher: Kürzere Flügel ermöglichen schnellere Starts vom Boden und Ausweichmanöver – ein Überlebensvorteil auf der Strasse.

Steven Brady ist davon überzeugt: Es lohnt sich, die Evolution rund um die Strasse zu studieren. Er glaubt auch, dass sie weit öfter eine Rolle spielt, als die wenigen bekannten Beispiele erahnen lassen. Ganz einfach, weil bisher kaum jemand darauf geachtet hat.

Klapperschlangen wissen sich zu schützen

Vor Kurzem hat er deshalb in einem Artikel zu mehr Forschung in dieser Sache aufgerufen – und viele Reaktionen erhalten.

Forscher berichteten ihm von ihren Untersuchungen, bei denen sie ebenfalls eine Wirkung der Evolution vermutet hätten. Zum Beispiel beobachtete ein Forscher, dass die Klapperschlangen in seinem Studiengebiet die Strasse mieden, wenn sie im Frühling aus dem Winterschlaf erwachten. Im Gegensatz zu früher, als viele stracks in den Tod krochen.

Was ist die Ursache solcher Phänomene? Lernfähigkeit oder Anpassung durch Evolution? Weitere Studien werden es zeigen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 20.5.2017, 12.38 Uhr.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von B Näf  (uluru)
    das ist das darwin prinzip. diejenigen die besser mit einer neuen gegebenheit umgehen nehmen überhand. die aga kröte in australien ist auch ein beispiel dafür. die im westen haben längere beine, kommen also schneller vorwärts. die giftschlangen einen kleineren mund damit sie nur weniger giftige jungtiere der aga kröte fressen.
  • Kommentar von Fabian Käser  (Fabi)
    Kann mir jemand erklären wieso es GROSSE Menschen gibt?
  • Kommentar von Samuel Nogler  (semi-arid)
    Es ist feige dies "Evolution" d.h. Entwicklung zu nennen; denn eigentlich ist es eine Vernichtung, der passende Begriff hierzu wäre "Devolution". Was einmal perfekt gemacht war, wird durch unverantwortliche Handlungen des Menschen zerstört und dadurch immer wie schlechter. Es findet Zerstörung und Gen-Verarmung statt, Devolution also. Nur wenn die Herzen der Menschen und dessen Handlungen grundlegend verändert werden, kann diese Rückentwicklung gebremst werden.