Die Geschichte um Timmy den Wal ist eigentlich keine mehr, in der es um Wale geht. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die dauerhaft aufgeschreckt ist, auf der Suche nach Orientierung. Eine, die nicht weiss wohin mit ihren Emotionen, und die gerne Schuldige sucht.
Was mich als Wissenschaftsjournalistin dabei besonders triggert: Experten, die sich tatsächlich auskennen, die sich engagiert mit anderen Fachleute auf der ganzen Welt austauschen, um deren Erfahrung mit spektakulären Walrettungsaktionen abzugreifen, diese Experten werden an den Rand gedrängt.
Ihre Empfehlung ist den Wal weitgehend in Ruhe zu lassen. Dass das Tier immer wieder strandet, werten sie als Schutzverhalten. Weil er zu schwach ist, im freien Meer aufzutauchen um Luft zu holen, rettet er sich auf die Sandbank. Es ist eine Empfehlung, die nach bestem Wissen und Gewissen gegeben wird. Eine Empfehlung aus echter Kenntnis über Wale, deren Verhalten und deren Biologie, und die sich rein ums Wohl des Wales dreht. Diese Empfehlung wird plötzlich zu einem von vielen Argumenten.
«Die Menschen wollen diese Rettung»
Andere Argumente, die quasi gleichgestellt werden: «Die Menschen wollen, dass der Wal gerettet wird.» – «Eine Initiative eines berühmten, reichen Mannes organisiert die Rettung.» – Diese Argumente bewogen offenbar die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern dazu, eine private Rettungsaktion zuzulassen, die nach Einschätzung all jener, die sich auskennen, dem Wal nur noch mehr Leid zufügt.
Wie kann das sein?
Dass so viele sich für den Wal interessieren, mit ihm mitleiden und ihm nur das Beste wünschen, ist etwas zutiefst Menschliches. Es ist wunderschön. Nur warum verknüpft sich dieses Menschliche mit Misstrauen gegen Behörden und Fachleute, und dies in einer Heftigkeit, dass es Morddrohungen gegen die Akteure gibt? Woher kommt die Unfähigkeit auszuhalten, dass da ein Tier im Sterben liegt?
Narrative sind stärker als Fakten
Antworten auf diese Fragen hab ich keine. Aber das zunehmende Misstrauen gegen jede Art von Expertise, die Wurschtigkeit mit der manche ihre eigene Sicht zum Mass aller Dinge erklären, macht Sorge.
Vor allem weil, auch wenn der Wal wie die Walexperten vermuten, bald stirbt, sich bei Einigen das Narrativ festsetzen wird, die Behörden hätten dem Tier nie Gutes gewollt. Sie hätten verhindert, dass heldenhafte Tierschützer dem Tier zu Hilfe kommen. – Die dramatische Geschichte schlägt die gute, die echte Geschichte. – Es ist zum Heulen.