Für manche Gäste beginnt die Premiere von «Così fan tutte» mit Herzklopfen. Das Theater St. Gallen hat für den Abend Blind Dates organisiert. Franz aus Zürich hat sich auf ein solches Rendezvous eingelassen. Die Aufregung sei gross, sagt er vor der Vorstellung. «Vielleicht kommt jemand, den man sich schon immer gewünscht hat.»
Und wenn nicht, gehöre auch das zum Experiment dazu. Ob der Abend ein Erfolg wird, entscheidet sich erst im Saal. Wer sich für ein Blind Date angemeldet hat, kennt vorab nur die eigene Platznummer und weiss, ob die Verabredung für den Abend links oder rechts sitzt.
Matchmaking mit Mozart
Für zwei Vorstellungen vermittelt das Theater romantische Begegnungen. Zwei fremde Menschen treffen sich, ohne sich vorab ein Bild voneinander zu machen, lange zu schreiben oder sich digital wegzuwischen. Die Verabredung zum Opernabend verlangt etwas, das beim Online-Dating oft verloren geht: Verbindlichkeit.
Die Wahl von «Così fan tutte» könnte nicht passender sein. Die Oper von Wolfgang Amadeus Mozart erzählt selbst von Liebe als Experiment. Zwei Paare geraten durch eine Wette in emotionale Turbulenzen, es kommt zum Partnertausch, Gefühle geraten ausser Kontrolle.
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Bild 1 von 3. «Così fan tutte» ist eine der berühmtesten Opern von Wolfgang Amadeus Mozart. In der aktuellen St. Galler Inszenierung transportiert Regisseurin Barbara-David Brüesch die bittere «Schule der Liebenden» ins Heute. Bildquelle: Theater St. Gallen/Edyta Dufaj.
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Bild 2 von 3. Die Oper handelt von einer Wette. Don Alfonso behauptet, dass keine Frau treu sein kann. Guglielmo und Ferrando sind aber sicher, dass ihre Partnerinnen Fiordiligi und Dorabella treu sind. Um das zu beweisen, verführen sie ihre Freundinnen in vertauschten Rollen. Bildquelle: Theater St. Gallen/Edyta Dufaj.
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Bild 3 von 3. Don Alfonso und Despina helfen ihnen. Mit Erfolg: Fiordiligi und Dorabella wollen die neuen Verehrer am Schluss sogar heiraten. Bildquelle: Theater St. Gallen/Edyta Dufaj.
Was heute fast wie ein Reality-Format klingt, ist bereits im Libretto aus dem 18. Jahrhundert angelegt. Regisseurin Barbara-David Brüesch verlegt die Oper in die Gegenwart zwischen Reihenhaussiedlung und Smartphones. Mozarts Liebesexperiment wirkt dadurch erstaunlich zeitgenössisch.
Excel statt Algorithmus
Mit derart grossem Interesse hat das Theater nicht gerechnet: Statt einiger Dutzend Interessierter meldeten sich über 240 Personen zwischen 18 und 84 Jahren an. Für Johannes Hunziker, der das Projekt mitgeleitet hat, erklärt sich der Erfolg der Aktion durch die Sehnsucht nach echten Begegnungen.
Das Theater sei einer der wenigen Orte, an denen fremde Menschen gemeinsam Zeit verbringen und dieselbe Erfahrung teilen. Das gemeinsame Erlebnis mache ein Rendezvous in der Oper so attraktiv.
Hinter den Kulissen entsteht überraschend viel Koordinationsarbeit. Das Matchmaking übernimmt Marketing- und Kommunikationsleitung Susi Reinhardt. Mithilfe einer grossen Excel-Tabelle gleicht sie mögliche Sitznachbarschaften sorgfältig ab. Grundlage dafür ist ein Fragebogen, der sich lose an den Opernfiguren orientiert.
Wer sich selbst als sensiblen Ferrando beschreibt, landet womöglich neben einer pragmatischen Despina oder einem charmant selbstbewussten Guglielmo. Einfach ist das Puzzlespiel nicht. Vor allem, weil sich deutlich mehr heterosexuelle Frauen als Männer angemeldet haben. Nicht allen kann deshalb ein Match vermittelt werden. Am ersten der beiden Dating-Abende versuchten 24 Paare ihr Glück.
Bühne frei für die Liebe
Während auf der Bühne Beziehungen scheitern, getauscht und neu verhandelt werden, beginnt im Publikum gerade erst das gegenseitige Kennenlernen. In der Pause ziehen sich viele der Blind Dates ins Séparée zurück. Dort wird gelacht, diskutiert und aufmerksam zugehört.
Bei Franz ist der Funke an diesem Abend nicht übergesprungen. Enttäuscht klingt er einige Tage später am Telefon trotzdem nicht. Für Gesprächsstoff habe die Oper jedenfalls reichlich gesorgt. Vielleicht liegt darin der besondere Reiz des Formats: Wer über Mozarts Gefühlswirren spricht, verrät dabei oft auch etwas über sich selbst – über Treue, Erwartungen und die eigenen Vorstellungen von Liebe.