Schon in den ersten beiden Kriegsjahren, sagt Kunsthistoriker Kilian Heck, seien viele ukrainische Kulturstätten zerstört worden. Aber: «Seit dem Frühsommer 2025 ist die Zerstörungsrate noch mal erheblich grösser geworden.»
Laut aktuellen Angaben der UNO sind insgesamt mehr als 500 Kulturstätten beschädigt oder zerstört – darunter religiöse Stätten, Gebäude von historischem Interesse, Museen, Monumente, Bibliotheken, archäologische Stätten und ein Archiv.
Weltkulturerbe wird «Disneyland»
Letzten Juli beschädigte ein grossangelegter russischer Drohnenangriff mehrere historische Gebäude in der Altstadt von Odessa – einem Weltkulturerbe. In der ukrainischen Stadt Cherson stahlen russische Soldaten im ersten Kriegsjahr laut Human Rights Watch rund 10'000 Kunstwerke aus dem dortigen Kunstmuseum und tausende weitere Objekte aus dem Historischen Museum.
-
Bild 1 von 7. In Bohorodychne zerstörten russische Angriffe 2025 eine Kirche. Das Dorf Sviatohirsk liegt in Trümmern und wurde verwaist zurückgelassen. Bildquelle: Getty Images/Maks Muravsky/Global Images Ukraine.
-
Bild 2 von 7. Eine beschädigte Kirche in der Region Charkiw als ein Beispiel unter vielen: Über 100 religiöse Bauten wurden durch russische Angriffe schwer beschädigt, von modernen Kirchen bis zu historischen Kathedralen. Bildquelle: Getty Images/Mykhaylo Palinchak/SOPA Images/LightRocket.
-
Bild 3 von 7. Massive russische Angriffe auf Kiew haben in der Nacht zum 24. Januar 2026 Gebäude des orthodoxen Höhlenklosters, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, beschädigt. Bildquelle: KEYSTONE/AP Photo/Efrem Lukatsky.
-
Bild 4 von 7. In Mariupol wurden Gemälde des Malers Iwan Aiwasoski entwendet. Dieses Bild von 1856 zeigt Bauern, die in der heutigen russisch-ukrainischen Grenzregion unterwegs sind. Bildquelle: Wikimedia Commons.
-
Bild 5 von 7. Die russische Regierung errichtet auf der Krim mehrere Museen, die vor allem die russische Perspektive zeigen sollen. Manche Historiker und Historikerinnen sprechen von Geschichtsklitterung. Bildquelle: Mikhail Razvozhaev/Telegram.
-
Bild 6 von 7. Am 23. Juli 2023 wurde die Verklärungskathedrale in Odessa durch einen russischen Raketenangriff schwer beschädigt. Bildquelle: IMAGO/ITAR-TASS/Sipa USA.
-
Bild 7 von 7. Die Unesco hilft bei der Restaurierung des Welterbes, hier beim Wiederaufbau der Verklärungskathedrale. Bildquelle: Unesco.
Auf der Krim hätten die russischen Besatzer den historischen Khanpalast von Bachtschyssaraj, ebenfalls Weltkulturerbe, im grossen Stil umgebaut und in eine Art «archäologisches Disneyland» verwandelt, so Kunsthistoriker Kilian Heck.
Die Liste liesse sich fortsetzen. Vor Kurzem erst, Ende Januar, beschädigte ein russischer Angriff dann auch noch Teile des Kiewer Höhlenklosters, auch das ein Weltkulturerbe. «Da ging durch die ganze Ukraine noch mal ein Aufschrei», erzählt Kunsthistoriker Heck, «weil das als ein Kronjuwel der ukrainischen Kultur gilt.»
Russland bestreitet, dass die Ukraine eigene Kultur besitzt
Heck ist überzeugt: Solche Beschädigungen und Zerstörungen seien alles andere als ein Versehen. Russland habe es gezielt auf ukrainische Kulturstätten abgesehen. «Das bewusste Zerstören einer Kultur ist ein kultureller Genozid», sagt Heck. Dabei bezieht er sich auf die Definition des polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, der 1947 für die UNO den Gesetzesentwurf zur Bestrafung von Völkermord erarbeitete.
Viele Beobachter vermuten, dass Russland die ukrainische Kultur auslöschen möchte – schliesslich bestreitet Russland, dass die Ukraine eine eigene Kultur besitzt. Doch: Lässt sich wirklich beweisen, dass hinter den russischen Attacken Absicht steckt? Kilian Heck ist überzeugt, dass es genügend Beweise dafür gibt: «Wenn man die Beraubung eines Museums nicht als Absicht bezeichnet, dann weiss ich nicht, wo wir überhaupt nach einer Absicht suchen. Das ist eindeutig intendiert.»
Ukraine bleibt wehrhaft
Als stellvertretender Vorsitzender des Ukraine Art Aid Centers steht Kilian Heck in engem Austausch mit Kolleginnen aus der Ukraine. Die Stimmung sei gerade jetzt in den Wintermonaten gedrückt, erzählt er.
Die Zermürbungstaktik der Russen, die immer wieder die ukrainische Energieversorgung angreifen, zeige Erfolge. Aber: «Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Widerstand in der Ukraine nach wie vor ungebrochen ist.»