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Ukrainische Exilautorin «Putin will die ukrainische Seele brechen»

Seit fast vier Jahren dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine an. Zurzeit wird wieder verhandelt. Doch für die ukrainische Autorin Kateryna Mishchenko geht es dabei nicht um territoriale Ansprüche. Russland verfolge ein viel grundsätzlicheres Ziel: die Vernichtung der ukrainischen Identität.

Kateryna Mishchenko

Autorin

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Kateryna Mishchenko ist in der Ukraine geboren. Sie studierte Deutsche Philologie, Englisch und Weltliteratur an der Nationalen Linguistischen Universität Kiew. Sie arbeitet als Autorin, Verlegerin und Übersetzerin. Nach dem Kriegsausbruch floh sie mit ihrem Sohn von Kiew nach Berlin.

SRF: Die Ukraine und Russland verhandeln derzeit unter Vermittlung der USA. Was ist ihre Einschätzung?

Kateryna Mishchenko: Die Ziele, die bei den Verhandlungen angesprochen werden, sind nicht die, die Russland in diesem Krieg wirklich verfolgt. Es ist ein gefälschtes Ziel. Es geht nicht um ein Stück Territorium. Es geht um die Kontrolle über die ganze Ukraine, um die ukrainische Staatlichkeit und Souveränität als solche. Und das ist nicht verhandelbar.

Die Menschen in der Ukraine erleben jeden Tag, dass es in diesem Krieg um ihre nackte Existenz geht.

Woran machen Sie das fest?

An der vernichtenden und genozidalen Kriegsführung. Wir sehen eine unheimliche Aggression gegen Zivilisten, entführte Kinder, Folter in besetzten Gebieten. Kann es in so einem Krieg wirklich nur um ein kleines Stück vom Donbass gehen? Überhaupt nicht. Die Menschen in der Ukraine erleben jeden Tag, dass es in diesem Krieg um ihre nackte Existenz geht.

Frau liest Buch in einem kargen Raum.
Legende: Putins Kriegshandlungen sind für Autorin Mishchenko Ansätze der kulturellen Vernichtung. Keystone/EPA/ATEF SAFADI

Russland greift gezielt die Energieinfrastruktur an und lässt die Menschen im Winter frieren. Soll damit die Moral der Bevölkerung gebrochen werden?

Ganz genau. Es ist der Versuch, die Stimmung in der Gesellschaft zu kippen, um unsere Verhandlungsposition zu schwächen. Es ist ein psychischer Krieg. Die Psyche, der Körper, der Alltag, die Arbeit, alle Bestandteile des normalen Lebens sollen bedroht und zerstört werden. Es ist ein grosser Druck auf die Menschen: wenig Schlaf, keine Struktur und nachts vielleicht noch ein Angriff.

Wie gross ist Ihre Sorge um die kulturelle Identität der Ukraine?

Gross. Die Kultur anzugreifen, ist ein wichtiger Aspekt dieser Kriegsführung. Denn das vernichtet die Gesellschaft von innen. Es gibt häufig Angriffe auf ukrainische Kulturgüter, auf Museen oder auf Theater. Wenn man sich nicht mehr als Kulturgemeinschaft versteht, was ist man dann noch? Auf besetzten Gebieten werden Kinder umerzogen, Geisteswissenschaftler werden verfolgt oder getötet. Das ist der Ansatz der kulturellen Vernichtung.

Putin will die Menschen, die Seelen, brechen.

Seit Kriegsbeginn hat Russland rund 800 Buchhandlungen und Bibliotheken zerstört. Was löst das in Ihnen aus?

Das sind Angriffe auf das Leben als solches. Putin will die Menschen, die Seelen, brechen. Was ist friedlicher und schöpferischer als ein Buch? Bibliotheken sind für mich wie Kirchen: Orte des Wissens, der Aufklärung, der Kreativität. Wenn man solche Orte vernichtet, ist klar, dass die Menschen in diesem Land für den Aggressor nichts wert sind.

Das Gespräch führte David Karasek.

Tagesgespräch, 05.02.2026, 13 Uhr ; 

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