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Digitale Verführung Wenn die Handyzeit eskaliert: Ü60 im Zauberwald der Bildschirme

Handyverbot und eingeschränkte Bildschirmzeiten für Kinder und Jugendliche sind in der Politik angekommen. Dabei vergessen geht: Auch Seniorinnen und Senioren laufen Gefahr, am Bildschirm «festzukleben» und den Kontakt zur Wirklichkeit zu verlieren.

Laut einer globalen Umfrage im Auftrag der Financial Times ist die tägliche Social-Media-Nutzungszeit seit 2022 um zehn Prozent gesunken. Was erstaunt: Der stärkste Rückgang betrifft junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren. Ist die Zeit des grossen Verführers «Internet» vorbei?

Frau mit Tablet an Tisch mit Kaffeetasse und -Kanne
Legende: Gerade für ältere Menschen sind Tablet und Co. alles andere als Geschichte: Sie schauen gerne und viel auf den Bildschirm. Getty Images/Compassionate Eye Foundation/Mark Langridge

«Das wohl nicht», sagt der deutsche Neurobiologe Martin Korte, aber die «Euphorie der Anfangszeit» lasse deutlich nach. Dies umso mehr, als sich die digitale Weite immer stärker als Tummelplatz für Fakes in allen möglichen Ausformungen erweise.

Folgt jetzt die grosse Ernüchterung und eine Rückbesinnung auf reale Welten? Eher nicht. Jedenfalls nicht bei älteren Semestern, meint Korte. Menschen jenseits von 60 erwiesen sich zunehmend als bildschirmaffin.

Ältere schauen am längsten

Sie nutzen das Smartphone, um den Dialog mit den Enkeln zu pflegen, schieben gerne stundenlang farbige Figuren oder Wörter auf der Oberfläche ihres iPads umher, oder verlieren sich in News-Welten.

Die heutigen Alten stehen den Jungen in Sachen Bildschirmnutzung in nichts nach. Nur: Während die Jungen inzwischen kaum mehr vor den Fernseher fänden, seien alte Menschen nach wie vor fasziniert vom Bildschirm mit Fernbedienung. Vier Stunden und mehr TV-Konsum täglich seien keine Seltenheit. Das komme zur Nutzung der digitalen Medien hinzu, sagt Korte.

Das führe dazu, dass Seniorinnen und Senioren zu den Menschen mit der höchsten Bildschirmnutzung zählten. Sie hätten viel Zeit und natürlich auch keine Eltern mehr im Nacken, die sie zur Mässigung anhielten.

Die Einsamkeitsfalle

Der Preis für diese intensive Bildschirmnutzung könne hoch sein, meint Korte. Unmerklich rutschten Seniorinnen und Senioren in die Einsamkeitsfalle: Reale Aussenkontakte erscheinen herausfordernd, körperliche Bewegung immer anstrengender. Es sei höchste Zeit, nicht nur die Jugend, sondern auch die Alten in den Blick zu nehmen, wenn es darum geht, die Folgen eines hohen Bildschirmkonsums abzuschätzen. Studien dazu gebe es erst wenige.

Korte selbst plädiert für ein «sowohl als auch». Tatsächlich seien digitale Medien ein Segen, grade für Menschen, die gesundheitlich eingeschränkt sind. Der Mensch aber lebe von realer Interaktion, ziehe Kraft und Stärke aus konkreten Begegnungen, den damit verbundenen Gefühlen.

Digitales Multitasking

Das bedeute nicht, dass man die Geräte wegpacken soll, meint der Hirnforscher. Ihm geht es vielmehr um den reflektierten Umgang mit den Möglichkeiten aktueller Technik. Er beobachte, dass grade ältere Menschen dazu neigten, dank der digitalen Medien permanentes Multitasking zu betreiben: Fernsehen, gleichzeitig bunte Blasen auf dem Miniscreen zum Platzen bringen und zwischendurch auf Whatsapp-Nachrichten reagieren.

Für das Hirn sei das Stress. In scharfem Kontrast zum angespannten Gehirn stehe der Körper, der zur Bewegungslosigkeit verurteilt sei. Eine fatale Kombination, grade, wenn man bedenke, wie rasch ein alternder Körper Muskelkraft abbaue.

Martin Korte plädiert für mehr Gelassenheit in der Debatte um Handyverbote und Einschränkungen bei Onlinezeiten für Kinder und Jugendliche. Was jedoch die munteren Seniorinnen und Senioren betrifft, so rät er zu einer gewissen Vorsicht, zumindest aber zur kritischen Selbstbeobachtung.

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Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 27.11.2025, 7:06 Uhr

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