Einwanderung ist ein Schlüsselthema bei der Basis, die Trump unterstützt. Darunter sind auch viele Evangelikale. Sie haben dem Präsidenten 2024 zum Wahlsieg verholfen. Doch nun zeigt eine neue repräsentative Umfrage, dass auch bei der treuesten Anhängerschaft, bei den weissen Evangelikalen, die Unterstützung sinkt: Vor einem Jahr waren es 78 Prozent, jetzt sind es 69 Prozent.
In dieser demografischen Gruppe unterstützt zwar noch immer eine Mehrheit den Präsidenten. Dennoch ist diese gesunkene Zustimmung bedeutend: Einwanderungspolitik und Grenzsicherheit gehören zusammen mit nationaler Sicherheit und Wirtschaftspolitik bisher zu jenen Themen, bei denen die republikanische Partei und deren Präsidenten bei Wählerinnen und Wählern auftrumpfen konnten.
Nun unterstützen nebst den weissen Evangelikalen nur noch die weissen Katholikinnen und Katholiken den Präsidenten mehrheitlich. Bei Letzteren sank der Anteil um 10 Prozent auf 53. Bei allen anderen religiösen Gruppen sind es weniger als 50 Prozent. Überdies wehren sich viele Gläubige aktiv gegen die Migrationspolitik.
Mit Kirchenasyl gegen ICE?
Die Bilder gingen um die Welt, als die Einwanderungsbehörde ICE einen fünfjährigen Jungen verhaften und abschieben wollte. Auch als die Migrationspolizei bei Razzien in Minneapolis zunächst Renee Nicole Good und wenig später Alex Pretti erschoss, sorgte das landesweit und international für Entsetzen.
Ein Beispiel für den religiösen Widerstand ist Pastor Carl Ruby aus Springfield, Ohio. Selbst evangelikal aufgewachsen, hat er sich von seinen religiösen Ursprüngen entfernt. Heute ist für ihn das einst von Schwarzen Kirchen geprägte Civil Rights Movement wichtig. Theologisch fokussiert er sich vor allem auf die Aussagen Jesu und wie sich dieser für die Armen eingesetzt habe.
So hat Pastor Ruby ein Netzwerk von Kirchen gegründet, das Migrantinnen und Migranten aus Haiti unterstützt. Sie sind ins Visier von Präsident Trump und Vize JD Vance geraten und könnten ihren vorläufigen Schutzstatus verlieren.
Sollten ICE-Agenten in Springfield auftauchen, würde Carl Ruby notfalls mit einem Kirchenasyl helfen: «Wir würden so viele Menschen in der Kirche versammeln wie möglich. Ich würde in die Tür stehen und sagen: Wenn ihr hier reinwollt, müsst ihr mich festnehmen.»
Heilige Orte als Schutzorte
Pastor Ruby steht mit seinem zivil-religiösen Widerstand in der langen Tradition der Sanctuary-Bewegung. Sie bezieht sich auf antike und biblische Zeiten, in denen Tempel als Schutzorte galten: Wurden Menschen verfolgt, konnten sie dort den Altar berühren und waren vor dem Zugriff der weltlichen Macht geschützt. Das Wort «Sanctuary» bedeutet denn auch Heiligtum und Zufluchtsort.
«Im Mittelalter waren es dann Kirchen, in denen verfolgte Menschen Schutz fanden», erzählt Susan Bibler Coutin. Sie ist ursprünglich Anthropologin, hat ein Standardwerk zur US-amerikanischen Sanctuary-Bewegung geschrieben und lehrt heute an der University of California in Irvine.
In den 1970er-Jahren seien es junge Männer gewesen, die sich in Kirchen versteckt hätten, um nicht in den Vietnamkrieg gehen zu müssen. «Gross wurde die Bewegung dann in den 80ern, mit den Geflüchteten aus El Salvador und Guatemala», fasst Professorin Coutin zusammen. Es ging dabei weniger um Kirchenasyle, sondern viel mehr um Aktivitäten: den Geflüchteten Wasser in die Wüste von Arizona bringen, sie mit rechtlichen Mitteln fürs Asylgesuch unterstützen, zusammen die Miete für eine Wohnung sammeln.
Bürgerkrieg in El Salvador
Einer, der von der Sanctuary-Bewegung Hilfe erhielt und sich heute selbst für Geflüchtete engagiert, ist der 68-jährige Jose Artiga. Er ist in El Salvador in einer Bauernfamilie aufgewachsen, studierte später Ingenieurwissenschaften an einer katholischen Universität.
Es ist die Zeit des Kalten Kriegs: Die USA unterstützen zentralamerikanische Militärregime im Kampf gegen den Kommunismus. Die Gewalt ist brutal und überall. Jeden Morgen nimmt Jose Artgia den Bus, um vom Dorf an die Uni zu gelangen. Da sieht er jeweils neue, zerstückelte Leichen am Strassenrand.
«Diese Menschen hatten die Todesschwadronen in der Nacht umgebracht – doch ich sah die Leichen gar nicht mehr.» Jose Artgia hatte sich an die Gewalt gewöhnt – bis sie plötzlich persönlich wurde.
Flucht in die USA
Zusammen mit vier anderen Studenten taucht der damals 23-Jährige auf einer Liste der Todesschwadronen auf – einer paramilitärischen Gruppe, die im Auftrag eines Staates religiöse Gegner verfolgt. Dass er am Ende nicht ermordet wurde, so wie die anderen vier, ist schlicht Zufall: Als die Männer bei ihm zu Hause vorbeikommen und die Familie bedrängen, ist Artiga weg.
Tags darauf warnt ihn seine Schwester und drängt ihn zur Flucht. «Noch am Nachmittag habe ich die Grenze nach Guatemala passiert. Dort war auch Krieg, also ging ich weiter nach Mexiko.» Die Flucht dauert über ein Jahr, bis er schliesslich in San Francisco ankommt. Bei einem Priester findet er Unterschlupf und schliesst sich der Solidaritätsbewegung für Zentralamerika an.
Gründung der Sanctuary-Bewegung
Artiga und seine Mitstreitenden wollen die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, wie stark die USA in die zentralamerikanischen Bürgerkriege verwickelt sind – und treten in einen 24-tägigen Hungerstreik.
Durch den Hungerstreik wird ein Pastor aus Berkeley auf Jose Artiga aufmerksam, lädt ihn zu einer Pressekonferenz ein. «Dort nahmen fünf Kirchen aus Berkeley teil und eine aus Arizona», erinnert sich Artiga. Sie traten erstmals als Sanctuary-Bewegung auf und «haben wohl nicht geahnt, dass es eines Tages etwas Grosses werden würde».
Im Einsatz für Geflüchtete
In Arizona engagierte sich John Five, damals Pastor der Presbyterian Church in Tucson. Heute gilt er als einer der Gründungsväter der Sanctuary-Bewegung. Für das Thema sensibilisiert wurde er spätestens im Sommer 1980: Ein Schlepper liess 26 Flüchtlinge aus El Salvador in der Wüste zurück. Nur die Hälfte davon konnte gerettet werden. Im Podcast «The Conversation» erinnert sich John Five: «Mir wurde klar, ich kann nicht Pastor einer Kirche sein und nichts tun.»
Er begann, sich mit anderen für Geflüchtete einzusetzen: mit Quäkern, Katholikinnen oder jüdischen Menschen. Sie besuchten Haftanstalten, in denen illegale Einwanderer untergebracht wurden, aber keine medizinische Versorgung bekamen oder rechtliche Vertretung. Sie brachten Wasser in die Wüste, wo Migrantinnen der Sonne ausgesetzt wurden, um Deportationspapiere zu unterschreiben.
Die Sanctuary-Aktivistinnen und ‑Aktivisten wollten aber nicht nur Migrantinnen und Migranten vor Verhaftungen und Abschiebungen schützen und dafür zivilen Widerstand leisten. Ihnen war auch wichtig, die Politik selbst zu verändern.
Beispielsweise erklärte John Fife im Namen seiner Kirchgemeinde in einem Brief an die US-Bundesgeneralanwaltschaft: «Unsere Regierung verletzt das Flüchtlingsgesetz von 1980 und internationales Recht, in dem sie fortfährt, Flüchtlinge zu verhaften, gefangen zu halten und gewaltsam in den Terror, die Verfolgung und die Morde in El Salvador und Guatemala zurückzuschicken.»
Sie warfen den US-Behörden also vor, sich ihrerseits nicht an das eigene Recht zu halten. Zu diesem Schluss kam später auch ein Bundesrichter und kurz darauf das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Entsprechend erhob die Sanctuary-Bewegung verschiedene Anklagen gegen den Staat, etwa weil die Asylverfahren für Menschen aus Zentralamerika eine Schlagseite hätten. Und sie bekamen recht.
«Wir haben gelernt», fasst Fife zusammen, «dass Kirchen und Synagogen die Basis einer sozialen Bewegung bilden können, dass Glaubensgemeinschaften aktiven gewaltfreien Widerstand gegen die Regierung leisten und wir diese Politik ändern können. Schliesslich gelang es uns, die Abschiebungen nach El Salvador und Guatemala zu stoppen und allen, die sich ohne Papiere hier aufhielten, einen rechtlichen Status zu gewähren.»
Massenbewegung
Auf ihrem Höhepunkt umfasste die Sanctuary-Bewegung bis zu 500 Kirchgemeinden. Als sie immer sichtbarer wurde, begannen auch Universitäten, Spitäler, ganze Städte wie San Francisco oder Chicago und mehrere Bundesstaaten zu Sanctuaries, zu Schutzorten zu werden.
Das bedeutet zum Beispiel, dass lokale Polizisten keine Informationen an die Bundesbehörden weitergeben, Menschen ohne gültige Papiere trotzdem an die Universität dürfen oder den Führerschein machen können. Diese Vorteile für Eingewanderte sind mit ein Grund, warum Donald Trump ICE an diese Orte schickt.
Ziviler Widerstand
Trotz Rückschlägen wie dem «Gerichtsfall Tucson» hätte die Bewegung viele Leute inspiriert und am Ende Grenzen überwunden, ist Coutin überzeugt: «Sie haben internationale Grenzen, kulturelle, religiöse oder Sprachgrenzen transzendiert.»
Damit habe die Sanctuary-Bewegung etwas sehr Wichtiges geschafft: «Es hat diese menschlichen Beziehungen geschmiedet – egal, welchen Status die Menschen hatten oder welcher Gruppe sie angehörten. Und Sanctuary versuchte, diese Verbindungen zu feiern.»
So höre die Bewegung nicht an der Grenze auf. Es gehöre etwa dazu, dass Delegierte aus den USA abgeschobene Migrantinnen und Migranten nach Zentralamerika zurückbegleiteten. «So erhoffte man sich, ihnen durch Anwesenheit vor Ort etwas Schutz zu bringen.»
Ein Tropfen in der Welle
Solche Begleitungen organisiert heute Jose Artiga mit seiner «Share Foundation». Erst kürzlich hat er zwei Menschen getroffen, die von Trumps Regierung nach über 20 Jahren nach Honduras ausgeschafft wurden. Solche Rückführungen würden oft die Familie und dortige Gemeinschaften belasten. Mit Kirchen vor Ort und NGOs versucht Artiga, eine möglichst gute Integration zu gestalten.
«Ich bin mir bewusst, dass wir mit unserer Arbeit die grossen Probleme nicht lösen können, das ist ok», gibt sich Artiga selbstkritisch. «Es geht vielmehr darum, ob du ein winziger Teil der Lösung sein kannst. Dass du ein Wassertropfen in der Welle wirst. Und wenn wir viele sind, dann gibt es eine grosse Welle.»