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Angst vor ICE-Razzien Haitianer in Ohio: Ein Leben von Tag zu Tag

«Sie essen die Haustiere», sagte Donald Trump über die Haitianer in Springfield. Nun droht diesen die Abschiebung.

Viles Dorsainvil sitzt in einem kleinen Büro. Er spricht leise und mit einem Akzent, der auf seine Muttersprache Haitianisch-Kreolisch schliessen lässt. «Die Leute können ihr Leben nicht vorausplanen, leben nur von Tag zu Tag», sagt er. Dorsainvil gehört zu den hunderttausenden Haitianerinnen und Haitianern, die dank eines temporären Schutzstatus' in den USA leben und arbeiten dürfen.

Mann sitzt an einem Schreibtisch mit Laptop und Tastatur.
Legende: Viles Dorsainvil in seinem Büro. SRF/Andrea Christen

Sie stammen aus dem Land, das als das ärmste der westlichen Hemisphäre gilt. 2010 verwüstete ein Erdbeben Haiti; politische Instabilität und Bandengewalt sind an der Tagesordnung. Tausende Haitianerinnen und Haitianer sind in den letzten Jahren nach Springfield gekommen, eine Stadt mit gegen 60’000 Einwohnern im Bundesstaat Ohio.

Mund-zu-Mund-Propaganda und die Aussicht auf Arbeit oder bezahlbaren Wohnraum hätten seine Landsleute hierhergebracht, sagt Dorsainvil. Er leitet das «Haitian Community Help & Support Center» und ist eine Art Sprecher der haitianischen Gemeinschaft. Dieser droht nun die Abschiebung. Die Regierung von Präsident Donald Trump will den Schutzstatus aufheben.

Wandgemälde mit der Aufschrift 'Greetings from Springfield, Ohio'.
Legende: Street-Art in der Innenstadt von Springfield. Vielen Haitianerinnen und Haitianern droht die Abschiebung. SRF/Andrea Christen

Hätten die Bundesgerichte das nicht vorerst gestoppt, hätten die Razzien der Migrationspolizei ICE bereits begonnen, vermutet Dorsainvil. «Wir haben Angst, weil Springfield viel kleiner ist als Chicago oder Minneapolis. Migranten sind hier einfach ausfindig zu machen, festzunehmen oder abzuschieben.»

Nun besteht die Gefahr, dass Familien auseinandergerissen werden. In den USA geborene Kinder sind, anders als ihre haitianischen Eltern, US-Bürger. «Stellen sie sich vor: Sie haben keine Vorstrafen, arbeiten hart, zahlen ihre Steuern. Doch plötzlich laufen sie Gefahr, abgeschoben und sogar von ihren Kindern getrennt zu werden.»

Eine gebeutelte Stadt wird revitalisiert

Springfield war einst eine prosperierende Industriestadt, gehört aber zum «Rostgürtel», einer Region, die vom industriellen Niedergang hart getroffen wurde. Wer das Stadtzentrum verlässt, trifft auf Tristesse: zahlreiche verlassene, baufällige Wohnhäuser.

Als die Haitianer kamen, wuchs Springfield zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert.
Autor: Carl Ruby Pastor

Das Umfrageinstitut Gallup stufte Springfield 2011 als «unglücklichste Stadt» des Landes ein. «Fünfzig Jahre lang schrumpfte die Bevölkerung – zurück auf die Grösse der 1920er Jahre. Sie wurde älter und älter», sagt Carl Ruby, der im Büro seiner Kirche auf einem Sofa sitzt.

«Wir brauchten Leute», erklärt der Senior Pastor der «Central Christian Church». Schon 2014 war er Teil von Bemühungen, die Springfield für Migranten attraktiver machen sollten. «Als die Haitianer kamen, wuchs Springfield zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert.»

Ruby, ein prominenter Fürsprecher der Migranten, argumentiert, dass der rasche Bevölkerungszuwachs Springfield revitalisiert habe. Die Haitianer würden als zuverlässige Angestellte geschätzt; es drohe ein wirtschaftliches Desaster, sollten sie plötzlich ihre Arbeitsbewilligung verlieren.

Die Probleme der raschen Zuwanderung

Schätzungen zufolge stammt bis zu einem Viertel der Bevölkerung in Springfield aus Haiti. Die Stadt liegt in einem konservativen Teil von Ohio. US-Präsident Donald Trump holte hier fast zwei Drittel der Stimmen.

Nicht alle sehen in den Haitianern einen Segen für die Stadt. Der rasche Zuzug fremdsprachiger Neuankömmlinge schuf Probleme: Schulen und Spitäler gerieten unter Druck, die Wohnkosten stiegen. «Springfield war nicht auf so viele neue Menschen vorbereitet, egal aus welchem Land», sagt Laura Rosenberger von der Republikanischen Partei des Clark County.

«Es gibt jetzt einen Kampf um Ressourcen, um Arbeitsplätze, soziale Dienste und medizinische Versorgung.» Die Haitianer hätten die Stadt nicht revitalisiert, im Gegenteil hätten sie den Niedergang beschleunigt. Kriminalität, Verkehrsdelikte und Armut hätten zugenommen, behauptet Rosenberger.

Die Wut auf die Haitianer

Im Sommer 2023 kam eine Wut auf die Zugezogenen an die Oberfläche. Ein Haitianer hatte mit dem Auto einen Schulbus gerammt, wobei ein Kind ums Leben kam. Wer die Haitianer mit Bussen in die Stadt bringe, wurde der Stadtrat gefragt. Die Haitianer würden erratisch Auto fahren, zögen sich in der Toilette eines Supermarkts nackt aus, um sich dort zu waschen, behaupteten jene, die im Rathaus ans Mikrofon traten.

Moderne dreistöckige Rathausfassade mit US-Flagge davor.
Legende: Das Rathaus von Springfield. SRF/Andrea Christen

Carl Ruby war eine einsame Stimme, die riet, auch das Potenzial der Zuwanderung zu bedenken. «Ich wurde zum Aushängeschild für die Ansiedlung der Haitianer», erinnert sich Ruby. «Es hiess, ich würde Mietwohnungen in der ganzen Stadt besitzen und sie mit Haitianern füllen.» Doch die aufgeheizte Stimmung habe sich allmählich gelegt, die Sitzungen des Stadtrats seien wieder normaler geworden.

Mann sitzt auf einem Sofa mit einer Laptoptasche daneben.
Legende: Pastor Carl Ruby: Er appellierte, auch die Chancen der Zuwanderung zu sehen – und erntete dafür Kritik. SRF/Andrea Christen

Aber dann geriet das kleine Springfield in den Strudel des Wahlkampfs für die Präsidentschaft von 2024. JD Vance, damals noch Senator des Bundesstaates Ohio, verbreitete die Behauptung weiter, die Haitianer in Springfield würden die Haustiere ihrer Nachbarn essen. Donald Trump wiederholte die vollkommen unbelegte Aussage im Fernsehduell mit Kamala Harris.

Am Tag darauf sei die Situation in Springfield eskaliert, erinnert sich Carl Ruby. «Es gab zahlreiche Bombendrohungen, gegen Schulen oder das Spital. Rechtsextreme Gruppen marschierten durch die Stadt.» Die Einwanderungsgegner hätten sich bestärkt gefühlt – und seien aggressiver geworden.

Die drohenden Deportationen

Die Haitianerinnen und Haitianer, die Trump und Vance ins Visier nahmen, müssen jetzt damit rechnen, ihr Aufenthaltsrecht und ihre Arbeitsbewilligung zu verlieren – und zum Ziel von ICE zu werden. Pastor Ruby hat ein Netzwerk von Kirchen gegründet, von denen einige Migranten Unterschlupf bieten wollen. «Wir würden so viele Menschen in der Kirche versammeln wie möglich», sagt Ruby. «Ich würde an der Tür stehen und sagen: Wenn ihr hier reinwollt, müsst ihr mich festnehmen.»

Im katholischen Hilfswerk «Society of St. Vincent de Paul» werden haitianische Migranten schon seit Jahren mit dem Nötigsten versorgt. Direktorin Casey Rollins warnt vor einer sich abzeichnenden Krise: «Zwei Tage in Folge liefen hier schon Kinder herein, ohne ihre Eltern – weil ihre Eltern nicht mehr da waren.»

Zwei Personen posieren lächelnd in einem Raum mit Kartons und Wanddekoration.
Legende: Casey Rollins mit einem Mitarbeiter des Hilfswerks «Society of St. Vincent de Paul», das Haitianerinnen und Haitianern seit Jahren mit ihren alltäglichen Bedürfnissen hilft. SRF/Andrea Christen

Ihre Organisation versucht Haitianer davon zu überzeugen, für ihre Kinder US-Pässe zu besorgen. «Was passiert mit diesen Kindern, wenn sie keine Pässe haben, eine Sorgerechtsvereinbarung mit der Familie oder anderen Personen?» Das Ziel sei es, dass die Kinder nicht bei einer Pflegefamilie untergebracht werden müssten.

Warten auf den Obersten Gerichtshof

Er kenne bereits Haitianer, die Springfield wieder verlassen hätten, was aber nicht für alle möglich sei, sagt Viles Dorsainvil. Kurz nachdem er SRF ein Interview gab, entschied zwar ein Berufungsgericht, den Schutzstatus für Haitianer aufrecht zu erhalten. Doch das letzte Wort hat der Oberste Gerichtshof. Das Gefühl, nur von Tag zu Tag zu leben, wird für Dorsainvil und seine Landsleute noch nicht so bald aufhören.

Rendez-vous, 11.3.2026, 12:30;weds

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