Kaum etwas sorgt im Alltag so schnell für Diskussionen. Die Meinungen reichen von «funktioniert problemlos» bis hin zu «das geht gar nicht». Livia Landerer (29) und Silvan Zeller (28) sind ein Beweis dafür, dass Freundschaft zwischen Frau und Mann funktionieren kann. Sie kennen sich seit 14 Jahren und sind beste Freunde. Kennengelernt haben sie sich im Gymnasium, richtig eng wurde es erst später – vor allem durch eine gemeinsame Australien-Reise.
Drei Wochen waren sie damals zusammen unterwegs, teilten Zelt und Alltag, erlebten vieles nur zu zweit. «Das hat uns extrem verbunden», sagt Silvan. Von aussen wirken sie vertraut – fast wie ein Paar.
Die Frage, ob es mehr ist als Freundschaft, hat sich gar nie gestellt.
Genau das erleben sie immer wieder: Dass ihre Freundschaft falsch eingeordnet wird. Dabei ist sie für die beiden klar definiert. «Die Frage, ob es mehr ist als Freundschaft, hat sich gar nie gestellt», sagt Silvan. Auch Livia beschreibt ihre Beziehung als eindeutig: «Für mich ist immer klar gewesen, dass es nur Freundschaft ist.» Sie unternehmen viel zusammen: Sie gehen essen, treiben Sport, feiern gemeinsam Silvester oder tauschen sich über persönliche Themen aus – so selbstverständlich, wie man es in einer engen Freundschaft eben tut.
Wie tief diese Freundschaft geht, zeigt sich auch Jahre später: Silvan war Livias Trauzeuge. Ein bewusster Entscheid. Sie habe damit auch ein Zeichen setzen wollen, sagt Livia – gegen das Klischee, dass an diese Stelle zwingend eine Frau gehört. Irritationen habe es kaum gegeben. Wer die beiden kenne, verstehe sofort, warum.
Auch in ihren romantischen Beziehungen ist die Freundschaft kein Problem. Beide sind vergeben, beide sagen, ihre Partner hätten nie Mühe damit gehabt. Entscheidend sei Transparenz – und dass die gemeinsame Geschichte sichtbar sei. «Man weiss einfach, was wir füreinander sind», sagt Livia.
Nähe, die nicht kippt
Es passt nicht nur zwischenmenschlich bei Livia und Silvan, sondern auch das Aussen stimmt: «Rein äusserlich ist er eigentlich schon mein Typ», sagt Livia. Silvan bestätigt: «Klar ist sie attraktiv, aber ich hatte nie das Bedürfnis, eine Beziehung mit ihr einzugehen.» Trotz ihrer Anziehung sei nie mehr daraus geworden. Gerade das macht ihre Freundschaft für viele so schwer greifbar. Doch Anziehung allein reicht eben nicht aus. Über die Jahre der Freundschaft hinweg waren beide in verschiedenen Beziehungen, manchmal auch beide gleichzeitig, manchmal war nur eine Person single.
Eine Kollegin hat mich einmal gefragt: Es ist wirklich nichts gelaufen, oder?
«Für eine Beziehung braucht es dann doch noch mehr. Es ist ein grosser Gap zwischen Freundschaft und einer Beziehung», sagt Livia. Die Freundschaft sei nie in eine Phase geraten, in der man sich hätte fragen müssen, ob da mehr ist.
Was passiert, wenn die Nähe so gross wird, dass sie fast wie eine romantische Beziehung wirkt – aber keine ist? Diese Frage bekommen Livia und Silvan immer wieder gestellt. Gerade nach ihrer gemeinsamen Australien-Reise sei das Umfeld skeptisch gewesen, erzählt Livia. «Eine Kollegin hat mich einmal gefragt: Es ist wirklich nichts gelaufen, oder?» Auch sonst hat es Momente gegeben, in denen sie gespürt hat, dass ihre Freundschaft hinterfragt wird – meist nicht direkt, sondern eher in Form von Andeutungen oder Gerüchten.
Die Irritation scheint also weniger bei Livia und Silvan selbst zu liegen als bei den Erwartungen von aussen. Und genau dort setzt auch die Kritik an, die viele teilen.
Freundschaft vs. romantisches Interesse
Muhammed Eymen Ari, Gymi-Schüler, gehört zu denen, die solchen Konstellationen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen. «Wenn es wirklich eine sehr enge Freundschaft ist, dann wird es tricky», sagt er. Seine Erfahrung: Oft entwickle mindestens eine Person mehr Gefühle – auch wenn das am Anfang nicht so geplant gewesen sei.
Er steht eher den Männern skeptisch gegenüber: «Ich glaube, die emotionale Intelligenz von Männern ist einfach ein bisschen schwächer», sagt er.
Ich glaube, die Männer sind viel schneller von einer Person angezogen.
Männer würden sich schneller angezogen fühlen, oft auch stärker vom Äusseren leiten lassen. «Ich glaube, die Männer sind einfach viel schneller von einer Person angezogen.»
Die Sexologin und Psychotherapeutin Dania Schiftan ordnet das differenzierter ein. Sie spricht von unterschiedlichen Mustern. Wir alle haben Beziehungsfähigkeiten, dazu gehört auch Freundschaft, und wir alle haben sexuelle Fähigkeiten. Diese zwei Dinge vermischen sich manchmal. Das liegt oft an gesellschaftlich und kulturell gelernten Mustern, die beeinflussen, wie Nähe, Anziehung und Beziehungen wahrgenommen werden.
«Viele Frauen funktionieren so, dass es zuerst ums Herz und den Intellekt geht», sagt sie. «Und viele Männer funktionieren tendenziell umgekehrt, dass es zuerst über die Erregung geht.» Das führe dazu, dass beide Seiten einander oft missverstehen. Männer empfinden das Verhalten von Frauen als schwer nachvollziehbar – Frauen wiederum reagieren irritiert auf die Direktheit oder Körperlichkeit von Männern. «Darum finden Männer das eher komisch, wie Frauen funktionieren – und Frauen finden häufig komisch, wie Männer funktionieren.»
Diese Unterschiede zeigen sich besonders in Freundschaften. Während für die einen Nähe automatisch mit Emotion verbunden ist, kann sie für andere schneller in Richtung Anziehung kippen. Genau dort entstehen Unsicherheiten – und manchmal auch Konflikte, etwa in Beziehungen, wenn Freundschaften mit dem anderen Geschlecht als Bedrohung wahrgenommen werden.
«Ich würde es nicht bevorzugen, wenn meine Partnerin einen besten Freund hat», sagt Muhammed. Grundsätzlich akzeptiert er zwar Freundschaften zwischen Mann und Frau, für sich selbst möchte er das aber nicht. Das hat auch mit seinen religiösen Werten zu tun, denn er ist praktizierender Muslim. Für ihn selbst sei das eine klare persönliche Grenze. Mit einer Frau, die einen engen besten Freund habe, würde er keine Beziehung eingehen, weil er das Gefühl hätte, dass ihre Vorstellungen nicht zusammenpassen.
Alles andere als banal
Dass diese Fragen so emotional diskutiert werden, überrascht die Expertin nicht. «Man tut immer so, als ob es banal wäre», sagt Dania Schiftan. «Aber es ist überall ein Thema.» Ein Grund dafür liege in der Prägung. «Wir wachsen mit Bildern darüber auf, wie Männer und Frauen zu sein haben.» Freundschaften zwischen den Geschlechtern würden oft gar nicht als eigenständige Beziehungsform gelernt.
Freundschaftsfähigkeiten sind nicht die gleichen wie sexuelle Fähigkeiten.
Hinzu kommt die Unterscheidung zwischen Freundschaft und Anziehung. «Freundschaftsfähigkeiten sind nicht die gleichen wie sexuelle Fähigkeiten», so Schiftan. Viele hätten nie gelernt, diese auseinanderzuhalten. Die Folge: Nähe wird schnell als romantisch interpretiert – selbst dann, wenn sie es nicht ist.
Wenn Grenzen überschritten werden
Was passieren kann, wenn diese Unterscheidung nicht gelingt, hat Livia selbst erlebt. In einem früheren Job entwickelte ein Vorgesetzter zunehmend Interesse an ihr – obwohl sie die Beziehung klar als freundschaftlich verstand. «Ich habe ihm mehrmals gesagt, dass es mir zu weit geht», erzählt sie. Trotzdem habe er weiter Nähe gesucht – durch Nachrichten, Treffen, körperliche Annäherung.
Für Dania Schiftan ist klar: «Das ist keine Freundschaft.» Solche Situationen würden häufig verharmlost. Dabei gehe es längst nicht mehr um unterschiedliche Erwartungen, sondern um Grenzüberschreitungen. Gerade solche Erfahrungen tragen dazu bei, dass das Vertrauen in neue Freundschaften weniger wird.
Ist Freundschaft zwischen Mann und Frau nun also möglich oder unmöglich? Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. «Man kann – aber man muss keine Freundschaften mit dem anderen Geschlecht führen», sagt Dania Schiftan. Entscheidend sei, die eigenen Grenzen zu kennen und offen damit umzugehen. Problematisch werde es erst, wenn man die eigene Haltung verallgemeinere. «Nur weil man selbst etwas nicht kann, heisst das nicht, dass andere es nicht können.»
Vielleicht liegt genau darin der Kern: Nicht ob Freundschaft zwischen Mann und Frau möglich ist, sondern wann und für wen sie funktioniert, ist die Frage. Oder, wie es Dania Schiftan sagt: «Man muss lernen zu unterscheiden – und nicht alles miteinander vermischen.»