Ich war eigentlich schon immer ein Fan des Mittagsschlafs. Schon mein Vater legte sich immer über Mittag hin. Sein Mittagsschlaf war meine Zeit, um Dinge zu machen, die er besser nicht sehen sollte (nur Fernseh gucken – keine Angst, ich war keine Kleinkriminelle im buchstäblichen Sinne).
Auch später im Studium gönnte ich mir zwischendurch – oft zwischen zwei Seminaren, die zum Einschlafen waren – ein Nickerchen. Erst aber, als ich Mutter wurde, wuchs meine Liebe zum Mittagsschlaf so richtig: Das Stündchen schlafender Kinder verhalf mir zur Ruhepause im alltäglichen Wahnsinn.
Niederlegen: Eine Niederlage?
Heute schlafen meine Kinder über Mittag nicht mehr. Und ich gönne mir selten einen Mittagsschlaf. Sich hinlegen im Büro, auch wenn es dafür Sofas gäbe? Traue ich mich nicht. Die fleissigen Kolleginnen könnten ja meinen, ich sei faul. Der Mittagsschlaf hat in meinem Alltag keinen Platz mehr. Schade eigentlich.
Philosoph Ben Rakidžija legt sich zum mittäglichen Nickerchen am liebsten in kroatischen Pinienwäldern nieder. Seine Liebe zum Mittagsschlaf hat ihn gar bewegt, ein Buch zu schreiben. «Verteidigung des Mittagsschlafs» ist eine Ode an den Mittagsschlaf.
Das Szenario: ein Gerichtsprozess. Im fiktiven Land Tasmunien sitzt der Mittagsschlaf auf der Anklagebank. Er wird beschuldigt, die Kaufleute träge und die Handwerker arbeitsunfähig zu machen. Und er verführe schon die Jugend zum Nichtstun. Der Mittagsschlaf: ein Dämon. Ein Übeltäter, der auch im Gerichtssaal einschläft.
Trotz Nickerchen darf er sich verteidigen. Seine Lebensphilosophie, schön poetisch: «Man kann sich niederlegen, ohne es als Niederlage zu nehmen.»
Auf der Suche nach der Ruhe
Die originelle Fiktion ist ein Spiegel unserer Realität, in der die Produktivität viele Menschen leitet. Auch im Schwabenland, wo der Deutsch-Kroate aufwuchs, ist das Lebensmotto «Schaffe, schaffe, Häusle baue» fest verankert, so Rakidžija.
Mittagsschläfer seien eher ungern gesehen in einer Leistungsgesellschaft: «Wenn sie an Maschinen denken, die im Grunde keine Pause machen, ist der Mensch, der sich mal kurz hinlegt, doch eher verpönt.»
Und trotzdem: Ich glaube, es gibt viele Mittagsschläfer und Mittagsschläferinnen. «Ob sie es zugeben oder nicht.» Ein Zeichen dafür: Das Büchlein sei ein Bestseller in seinem Verlag. Warum?
«Wir leben in einer sehr rastlosen Zeit, in der Menschen immer weniger Ruhe finden. Da ist der Mittagsschlaf, die kleine Pause zwischendurch, sehr ergiebig und schön.»
Das Prinzip des Wu Wei
Was Ben Rakidžija am Mittagsschlaf mag: das Sich-fallen-lassen. Der verkopfte Mensch denkt vielleicht: Abgabetermine! Karriereschritte! Drum ist oft Arbeiten angesagt.
Es kann auch ein Fortschritt sein, mal einen Schritt rückwärts zu machen
Aber manchmal sei es eben auch durchaus vernünftig, sich gehen zu lassen, so der Philosoph. «Es gibt das daoistische Prinzip des Wu Wei: Mein Mittagsschlaf folgt diesem Prinzip.»
Wu Wei heisst: geschehen lassen, loslassen. Die Kontrolle abgeben, wenn auch nur für kurze Zeit. «Es ist im Grunde ein Sieg des Mittagsschlafs über sein Ich-Bewusstsein.» Der Kopf macht mal Pause. Puh.
«Es kann auch ein Fortschritt sein, mal einen Schritt rückwärts zu machen», sagt der Philosoph. Ein Mittagsschlaf kann für mehr Klarheit sorgen, mehr Kraft. Selbstoptimierung ist nicht sein Ziel, sondern die bewusste Langsamkeit in einer schnelllebigen, lauten Welt. Durchatmen. Ruhe.
Was sagt die Wissenschaft?
Schlafforscherin Christine Blume hätte die besten Voraussetzungen, um sich zwischendurch mal hinzulegen. Im Schlaflabor an den universitären Psychiatrischen Kliniken Basel hat es einige Betten. Nur zweimal vielleicht habe sie sich hingelegt – nach einer Nachtschicht. Sonst passe es nicht in ihren Alltag. Diagnose wohl auch hier: Immer was zu tun.
Für verpönt hält Christine Blume den Mittagsschlaf nicht – «eher für nicht vorgesehen in unseren gesellschaftlichen Rhythmen». Siesta sei an Orten, wo es heiss sei, gang und gäbe. Die Hitze gebe da den Rhythmus vor, wohl weniger der Mensch, der ihn toll findet. Es seien eher die Umstände, die den Mittagsschlaf goutieren, so Blume.
Ob der Mittagsschlaf auch aus wissenschaftlicher Sicht eine gute Sache sei, will ich von ihr wissen. Und natürlich ist die Antwort nicht so einfach.
Eine kürzlich publizierte Studie zu Mittagsschlaf, die auch Christine Blume gelesen hat, besagt: Der Mittagsschlaf reicht, um Verbindungen zwischen Nervenzellen so zu verändern, dass neue Informationen wieder besser abgespeichert werden können.
Selbst ein kurzes Schläfchen – nicht nur der Nachtschlaf – kann im Gehirn aufräumen. Beste Voraussetzungen also, um danach Informationen besser aufnehmen zu können. Ein Beweis, dass der Mittagsschlaf was taugt?
Christine Blume will das Ergebnis der Studie nicht schmälern, relativiert aber: «Die Voraussetzungen zur Informationsverarbeitung sind theoretisch besser. Ob Menschen aber wirklich besser lernen, das müsste in einer weiteren Studie noch untersucht werden.»
Besser in der Nacht schlafen
Grundsätzlich sieht Blume den Mittagsschlaf eher nüchtern: Nachts zu schlafen wäre besser, sagt sie: «Wenn man ausreichend in der Nacht schläft, sollte man keinen Mittagsschlaf benötigen.»
Die Realität, so Blume, sehe aber oft nicht so ideal aus. Zu wenig Schlaf ist Tatsache für viele Menschen. Ein Mittagsschlaf könne da schon Abhilfe schaffe.
Der perfekte Mittagsschlaf
Wie der idealerweise sein sollte? Dauer: zwischen zehn und zwanzig Minuten, maximal dreissig – sonst droht Schlaftrunkenheit. Zudem nicht zu spät am Tag: «Wenn wir «nappen», ist es, als wenn wir das Handy nochmal kurz aufladen.» Am Abend sollte der Akku leer sein. Laden wir zu spät, kann das den Nachtschlaf beeinträchtigen.
Und wer wirkliche Schlafprobleme hat, dem rate sie vom Mittagsschlaf ab. Auch empfiehlt die Schlafforscherin umgekehrt nicht allen, Mittagsschlaf zu machen: «Es sollte niemand ‹nappen›, der nicht das Gefühl hat, einen Nap zu brauchen.»
Immer wieder betont Christine Blume im Gespräch: Schlaf sei individuell. Deshalb sollten auch die Lösungen so individuell wie möglich sein: «Es wäre wünschenswert, wenn wir Menschen die Wahl hätten, einen Mittagsschlaf zu machen – auch am Arbeitsplatz.» Wer mehr Power braucht, soll auch einen Powernap machen können …
Kein Urteil, bitte!
Im Buch von Ben Rakidžija kommt der Mittagsschlaf im Übrigen davon, obwohl er im Gerichtssaal einschläft. Im Saal schlummern nämlich alle ein, auch der König, der inkognito im Saal sitzt. Der hat einen wunderbaren Traum und macht den Mittagsschlaf kurzerhand zum Berater.
Höchste Zeit, sich selbst ab und zu auch mal im Büro hinzulegen? Was die Kollegen denken, kann einem ja schnuppe sein. Oder?