Nachrichten, E-Mails und Soziale Medien: Die moderne Technologie liefert einen dauerhaften Strom an Reizen. Was als Fortschritt gedacht war, entwickelt sich zunehmend zur Belastungsprobe für das Gehirn.
Die US-Psychologin Gloria Mark von der University of California hat über zwei Jahrzehnte hinweg untersucht, wie sich unsere Aufmerksamkeitsspanne verändert hat. Ihre Beobachtungen in Büroumgebungen zeigen: Während Beschäftigte früher im Durchschnitt zweieinhalb Minuten bei einer Aufgabe blieben, sind es heute nur noch rund 40 Sekunden, bevor die nächste Ablenkung folgt.
Hoher Preis für ständiges Umschalten
Das permanente Springen zwischen Aufgaben hat seinen Preis. Jeder Wechsel kostet kognitive Energie. Im Gehirn bleiben gewissermassen «offene Tabs» zurück – vergleichbar mit einem überladenen Internet-Browser. Die Folge: sinkende Leistungsfähigkeit und steigende Fehlerquote.
Studien zeigen zudem, dass es im Durchschnitt 23 Minuten dauert, um nach einer Unterbrechung wieder die ursprüngliche Konzentration zu erreichen. «Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, eine Flut von Reizen gleichzeitig zu verarbeiten», erklärt die Neurowissenschaftlerin Gianna Carla Riccitelli gegenüber dem Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz, RSI. Es filtert durchgehend – andernfalls wäre es mit der Datenmenge überfordert.
Dabei ist Aufmerksamkeit kein einheitliches Phänomen. Fachleute unterscheiden verschiedene Formen: selektive Aufmerksamkeit, wie sie etwa im Strassenverkehr gefragt ist, anhaltende Aufmerksamkeit für längere Aufgaben oder wechselnde Aufmerksamkeit, wie sie etwa im Kundenkontakt erforderlich ist. All diese Leistungen basieren auf unterschiedlichen neuronalen Netzwerken.
Der Mythos: Multitasking
Besonders hartnäckig hält sich der Glaube an Multitasking. Doch die Wissenschaft ist sich einig: Echte parallele Verarbeitung gibt es kaum.
«Das Gehirn kann nur dann zwei Dinge gleichzeitig tun, wenn eines davon automatisiert ist», so Riccitelli. Sobald beide Aufgaben Aufmerksamkeit erfordern, leidet die Qualität – oder die Dauer steigt, oft beides.
Warum wir uns ablenken lassen
Die Ursachen für Ablenkung sind vielfältig: Stress, Zeitdruck, emotionale Belastung. Auch die Stimmung beeinflusst die Konzentration. Wer ausgeglichen ist, arbeitet fokussierter. Hinzu kommen äussere Faktoren wie Lärm oder eine reizüberflutende Umgebung.
In der Praxis zeigt sich oft: Was als Gedächtnisproblem wahrgenommen wird, ist in Wahrheit ein Aufmerksamkeitsdefizit. «Ohne Aufmerksamkeit keine Speicherung», fasst Riccitelli es zusammen.
Ablenkung als Chance
Doch es gibt eine positive Perspektive. Das Gehirn ist anpassungsfähig. Es kann trainiert werden und sogar von bewussten Pausen profitieren. Ablenkung, richtig eingesetzt, fördert Kreativität und Erholung. «Konzentration und Ablenkung gehören zusammen», sagt Neurowissenschaftler Alain Kälin. «Beides ist essenziell für unser Denken.»
Die zentrale Frage bleibt: Wie lenken wir unsere Aufmerksamkeit? Die Antwort ist simpel – wenn auch nicht leicht umzusetzen: weniger gleichzeitig, mehr nacheinander. Fokus statt Dauerrauschen.