Um die «am wenigsten mediatisierten» Krisen zu ermitteln, hat die Nichtregierungsorganisation Care von Januar bis September 2025 die Inhalte von rund 350'000 Onlinemedien weltweit ausgewertet – in fünf Sprachen.
Das Ergebnis zeigt grosse Unterschiede: Zur Zentralafrikanischen Republik, die in den 2010er Jahren von einem Bürgerkrieg erschüttert wurde und in der laut Care etwa 2.4 Millionen Menschen dringend Hilfe benötigten, erschienen nur rund 1500 Artikel. Zum Vergleich: Die Hochzeit von Amazon-Gründer Jeff Bezos in Venedig wurde im Juni fast 97'000 Mal erwähnt.
Die zehn vergessenen Krisen 2025 (mit dt. Untertiteln)
Die Sichtbarkeit nehme weiter ab, sagt Adéa Guillot, Sprecherin von Care, gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen RTS. «Die zehn Krisen in unserem Bericht wurden dieses Jahr insgesamt rund 40'000 Mal in den Medien erwähnt. Im Vorjahr waren es für die zehn damaligen Krisen fast 80'000 Beiträge.»
Gründe für die geringe Aufmerksamkeit
Guillot nennt als einen wichtigen Grund dafür: Informationsmüdigkeit. «Viele dieser Krisen dauern sehr lange an. Einige seit 20 oder 30 Jahren.» Dazu komme die Komplexität der Situationen. «Es sind keine klaren Schwarz-Weiss-Konflikte. Oft wirken viele Faktoren zusammen. In vielen Ländern treffen Konflikte und Folgen des Klimawandels aufeinander.»
Ein weiterer Grund ist laut Care fehlendes politisches Interesse. Acht der zehn Krisen, die die Organisation nennt, betreffen afrikanische Länder. «Viele Staats- und Regierungschefs, besonders in Europa, beschäftigen sich wenig mit diesen Regionen. Geopolitisch wirken sie weit entfernt», sagt Guillot.
Oft sei auch die Berichterstattung schwierig, weil Journalistinnen und Journalisten keinen Zugang zu den Ländern haben – etwa nach Nordkorea. Selbst Care könne nicht überall arbeiten. «In vier der zehn Länder können wir nicht einreisen», erklärt Guillot.
43 Millionen Menschen betroffen
Obwohl viele dieser Krisen seit Jahren bestehen, bleiben sie laut Guillot akut. «In den zehn Krisen, über die wir sprechen, leben zusammengerechnet 43 Millionen Menschen in einer schweren humanitären Notlage. Hinter diesen Zahlen stehen Frauen, Kinder und Familien, denen der Zugang zu grundlegenden Bedürfnissen fehlt.»
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Die Hilfsorganisation betont, dass die geringe Berichterstattung direkten Einfluss auf Hilfsleistungen hat. «Ohne Artikel gibt es keinen öffentlichen Druck. Ohne öffentlichen Druck gibt es keine politischen Entscheidungen. Ohne politische Entscheidungen gibt es keine humanitäre Finanzierung», heisst es im Bericht. Care nennt als Beispiele Simbabwe und Malawi.
Neue Erzählformen gefordert
Guillot beobachtet, dass die geringe Sichtbarkeit auch die Solidarität der Öffentlichkeit schwächt. «Wenn Medien über eine Krise berichten, erhalten wir innerhalb von 24 Stunden zahlreiche Anfragen, wie man helfen kann. Die Bereitschaft der Menschen ist da.»
Um mehr Aufmerksamkeit zu schaffen, plädiert sie dafür, die Krisen anders zu erzählen. «Man könnte zeigen, wie kreativ und widerstandsfähig die Menschen vor Ort mit den Herausforderungen umgehen.» NGOs und Medien könnten gemeinsam überlegen, wie Geschichten anders vermittelt werden können. «So könnten auch Lösungen sichtbar werden. Vielleicht wäre das weniger belastend.»