Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Kinderprostitution Sarah: «Die Kunden konnten erahnen, dass ich minderjährig bin»

Rund fünfzig erfasste Fälle in Genf, rund vierzig im Kanton Waadt. Die Prostitution von Minderjährigen breitet sich in der Westschweiz aus. Wie kann man verhindern, dass die Situation wie in Frankreich ausartet?

Es war der sogenannte «Barbershop-Fall», der vor einem Jahr aufgedeckt wurde und das Phänomen ans Licht brachte.

Gemäss der Untersuchung haben sich sechs Minderjährige während mehr als einem Jahr im Inneren des Betriebs prostituiert. Acht Personen wurden verhaftet, darunter die Betreiber des Geschäfts, aber auch Kunden der Minderjährigen.

Sarah (erfundener Name) war zum Zeitpunkt der Ereignisse 16 Jahre alt. Heute ist sie 18.

Mit Einverständnis der Richterin erklärt sie sich bereit, gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) ihre Geschichte zu erzählen.

Die Kunden waren zwischen 20 und 60 Jahre alt. «Sie konnten erahnen, dass ich minderjährig war, aber man musste es erahnen wollen.»

Zum Zeitpunkt der Ereignisse betrachtete sich die Jugendliche nicht als Opfer. «Ich dachte, dass ich erwachsen sei, dass ich alles wüsste, dass ich die Situation im Griff hätte. Dabei hatte ich das überhaupt nicht.» Heute erkennt sie, dass ihre Schwäche ausgenutzt wurde.

Eve Dolon, ihre Anwältin und Beiständin, sagt: «Man sieht, dass sie ein Kind ist.» Eine Strafuntersuchung ist im Gange, insbesondere wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen gegen Entgelt, und der Prozess soll noch dieses Jahr stattfinden.

Diskutieren Sie mit:

Rund fünfzig solche Fälle sind in Genf erfasst, rund vierzig im Kanton Waadt.

«Ich denke, dass dies nur die Fälle sind, die wir kennen. Die reale Zahl ist meiner Meinung nach höher», schätzt eine Genfer Inspektorin.

Viele betroffene junge Mädchen leben in Heimen, weil sie in einem familiären, affektiven und schulischen Bruch sind, was sie besonders verletzlich macht. Leichte Beute für Sexualstraftäter.

Erschütternde Aussage aus Frankreich

In Frankreich explodiert das Phänomen. Gemäss dem Innenministerium praktizierten im Jahr 2024 20'000 Minderjährige Sexarbeit. Das sind 140 Prozent mehr als 2016.

Ylona (erfundener Name), heute 16 Jahre alt, prostituierte sich zwischen 11 und 15 Jahren in Frankreich. Alles begann an ihrem ersten Tag im Heim. «Ein Mädchen kam und schlug mir vor, Männer zu treffen», erzählt sie.

Die RTS-Reportage zur Prostitution von Minderjährigen:

«Dem ersten Kunden sagte ich, dass ich 11 Jahre alt bin und dass ich gezwungen wurde. Er antwortet mir, dass das nicht sein Problem sei, denn er sei ein Kunde und ich sei die Arbeiterin.»

Mit 14 Jahren meldete sie sich auf einer Escort-Webseite an. Die Kunden holten sie vor dem Heim ab. «Die Erzieher sahen mich weggehen. Sie waren es, die mir das Tor öffneten», sagt sie.

Mobilisierung über die Landesgrenzen

Am 5. Februar trafen sich Polizistinnen, Richter und Sozialarbeitende aus der Schweiz und Frankreich im französischen Annemasse.

Und kommen dabei zum Schluss: Es müssen spezialisierte Heime für diese Jugendlichen geschaffen werden, damit sie insbesondere nicht andere junge Mädchen mitziehen.

Sarah lebt heute in einer Erziehungseinrichtung in der Westschweiz. Sie macht eine Psychotherapie und wird bald eine Lehre beginnen. «Ich habe Albträume. Aber ich gebe mein Bestes, um da rauszukommen.»

RTS Temps présent, 07.05.26, 20:12 Uhr; noes

Meistgelesene Artikel