Es waren chaotische Szenen, die sich am 2. Oktober 2025 mitten in der Genfer Innenstadt abspielten. Damals hatte Israel Mitglieder der sogenannten Gaza-Flottille verhaftet. Diese wollten mit mehreren Schiffen Hilfsgüter nach Gaza bringen. Israel meldete Sicherheitsbedenken an.
Wie an vielen anderen Orten kam es in Genf zu einer spontanen Solidaritätskundgebung, die dann eskalierte. Die Polizei setzte unter anderem Tränengas ein.
Im Nachgang wurden drei Klagen von Demonstrierenden eingereicht – unter anderem, weil eine Person von einem Polizeigeschoss am Auge getroffen wurde.
Nebst der Gewaltbereitschaft in Teilen der Teilnehmerschaft der unbewilligten Demonstration wurde auch der Polizeieinsatz heftig kritisiert und als unverhältnismässig bezeichnet.
Der Sprecher der Genfer Polizei gab sich am Tag danach alles andere als selbstkritisch: «Ich finde, dass die Polizei ihre Arbeit gut gemacht hat», betonte er damals gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) – und verwies darauf, dass elf Beamte beim Einsatz verletzt worden seien.
Nun hat RTS über 1000 Fotos und Videos von jenem Abend ausgewertet. Die Recherche kommt zum Schluss: Der Einsatz war problematisch und regelwidrig. Zudem beging die Polizei nach Ansicht von Expertinnen und Experten während des gesamten Abends mehrere taktische Fehler.
Olivier Fillieule, Professor für Soziologie an der Universität Lausanne und Experte für Polizei und Justiz, kritisiert zum Beispiel, dass die Polizei den Pont du Mont-Blanc blockiert und dann mit Tränengas in die Menge geschossen habe. Die Brücke in der Genfer Innenstadt war voll mit Demonstrierenden – ein «schwerwiegender Fehler, der tödlich hätte enden können», sagt Fillieule.
Kritik vom Polizei-Experten (dt. Untertitel):
Ebenfalls problematisch: Die Polizei benutzte Tränengas-Handgranaten, die normalerweise am Boden entlang gerollt werden, damit Demonstrierende nicht am Kopf verletzt werden.
Die Bilder von jenem Abend zeigen jedoch, wie die Ordnungskräfte mindestens sieben solcher Granaten in hohem Bogen abfeuerten. Das ist laut RTS weniger präzis und erhöht das Verletzungsrisiko deutlich.
Verbotener Flachschuss im Bahnhof
Die Recherche weist zudem einen flachen Schuss mit einer Tränengas-Petarde nach, und zwar im Bahnhof Genf Cornavin. Ein Polizist gab ihn mit einem Werfer vom Typ «Cougar 56 Compact» ab, nachdem Demonstrierende auf den Gleisen Steine in Richtung der Polizisten geworfen hatten.
Für den Polizeiwaffen-Spezialisten Neil Corney ist dieser Schuss «eindeutig regelwidrig». Der Schusswinkel für Tränengas-Petarden müsse zwischen 30 und 45 Grad liegen.
Kritischen Wert wohl überschritten
Fragwürdig ist laut RTS auch, dass die Polizei im Bahnhof zwölf Tränengas-Petarden innerhalb weniger Sekunden verschossen hat. Gemäss Empfehlungen der UNO sollte der Einsatz von Reizgas in geschlossenen Räumen vermieden werden.
Der Toxikologe Vincent Perret sagt gegenüber RTS, die Reizgaskonzentration habe damit wahrscheinlich den kritischen Schwellenwert von 4 mg pro Kubikmeter überschritten – im sehr stark frequentierten Bahnhof sei das klar ein Risiko.
Zu den Vorfällen laufen auch Untersuchungen der Genfer Behörden. Fünf Monate nach den Ereignissen ist noch immer kein Abschlussbericht veröffentlicht worden.