Eine Mutter meldet sich beim Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz (RSI). Ihre Tochter, knapp 10 Jahre alt, wird von plötzlichen Angstattacken geplagt: dass die Eltern sterben, dass jemand krank wird, vor Krieg, Entführungen, Unfällen oder Diebstahl.
Doch wie soll man damit umgehen? Der Kinderarzt Andreas Wechsler, spezialisiert auf Fragen der Entwicklung, hat sich der Frage aus der Community angenommen.
Warum Kinder so viele Ängste haben
Im Alter von 9 oder 10 Jahren verstehen Kinder bereits viele Begriffe, sind aber noch nicht in der Lage, zu verarbeiten, was davon hypothetisch oder abstrakt ist. Die Möglichkeit, dass etwas eintreten könnte, verwirrt sie, weil sie noch nicht über die kognitiven Werkzeuge verfügen, um komplexe Szenarien zu erfassen. Das erzeugt Angst und wirft Fragen auf.
Die Sendung von RSI mit deutschen Untertiteln
Deswegen sei es schwierig, Kinder mit Wahrscheinlichkeiten, Statistiken oder «Erwachsenenlogik» zu beruhigen, so Wechsler. Kinder können Konzepte wie Risiko, Prozentsätze oder zeitliche Distanz von Ereignissen nicht verstehen. Es ist, als würde man ein Buch in einer Sprache lesen, die man nicht versteht.
Konkrete und einfache Antworten
Der Schlüssel liege darin, immer zum Konkreten zurückzukehren, so Kinderarzt Wechsler. Einfache, direkte Antworten, ohne auf die vielen Möglichkeiten und Szenarien einzugehen. Man darf die Emotionen des Kindes nicht leugnen, sondern muss diese annehmen.
Ein Satz wie: «Ich verstehe, dass du so denkst», öffnet die Tür zum Dialog, ohne weitere Angst zu erzeugen. Von dort aus kann man ein kurzes Gespräch führen und das Thema auf das tägliche Erleben und auf verständliche Gedanken zurückführen – auf etwas, was das Kind verarbeiten kann.
Konfrontation mit News
Ein weiterer, wichtiger Punkt betrifft den Umgang mit dem Weltgeschehen. Kinder erleben ihre Realität auf dem Schulhof, in den alltäglichen Beziehungen – nicht in der Flut von Bildern und Pushnachrichten. Deshalb, so Wechsler, besteht keine Eile, sie mit der aktuellen Nachrichtenlage vertraut zu machen: Sie werden den Inhalt ohnehin erst später wirklich verstehen.
Das Fazit
Ängste beseitigt man nicht mit komplexen Erklärungen, sondern mit Präsenz, Zuhören und Konkretheit. Einem Kind zu helfen bedeutet, es in seine Welt zu begleiten, nicht in unsere, so Wechsler abschliessend.