Bestiarien waren im 12. und 13. Jahrhundert vor allem in Frankreich und England sehr beliebt. Es waren Schriften mit Porträts und Betrachtungen über die Tierwelt. Ihr Zweck war nicht, die Natur objektiv und überprüfbar zu beschreiben, sondern sie zu interpretieren, indem sie den Tieren moralische, symbolische und religiöse Bedeutungen zuschrieben.
Es sind somit Darstellungen, in denen Beobachtung und Fantasie koexistieren. Und genau das macht sie noch heute so interessant.
Welche Eigenschaften Tieren im Mittelalter zugeschrieben wurden:
Die mittelalterlichen Bestiarien erweckten oft völlig imaginäre Wesen zum Leben. Zu den rätselhaftesten und kuriosesten Figuren gehört der Ameisenlöwe: ein unwahrscheinlicher Hybrid, halb winziges Insekt, halb grosser Raubtierjäger. In einigen Versionen war es eine Kreatur, die dazu verdammt war, zu verhungern, unfähig, sich zu ernähren; in anderen ein wildes Wesen.
Eine Erfindung, gewiss. Aber nicht völlig losgelöst von der Realität. Die Insekten der Familie der Myrmeleontidae, auch Ameisenlöwen genannt, sind Kreaturen mit Flügeln im adulten Stadium. Mit einem Aussehen, das an eine Libelle erinnert, haben sie einen unsicheren Flug und gut sichtbare Antennen.
Im Larvenstadium sind sie furchterregende Raubtiere. Sie graben kleine Trichterfallen in den Sand mit steilen und instabilen Wänden. Wenn sich eine Ameise oder ein anderes Insekt zu sehr nähert, gibt der Boden unter ihren Beinen nach und die Beute rutscht zur Mitte. Sobald das Opfer gefangen ist, immobilisiert die Larve es, injiziert eine Verdauungsflüssigkeit und saugt die inneren Gewebe auf.
Sehen Sie, wie die Larve des Ameisenlöwen Beute jagt:
Andere Kreaturen der Bestiarien blieben näher an den echten Tieren, wurden aber neu interpretiert. Manche dieser Neuinterpretationen haben bis heute Spuren hinterlassen, zum Beispiel in Form von falschen Vorstellungen über das Verhalten von Tieren.
Versteckt der Strauss den Kopf im Sand?
Ein berühmtes Beispiel ist der Strauss, der angesichts der Gefahr seinen Kopf in den Sand steckt. Die «Vogel-Strauss-Taktik» ist eine verbreitete Redensart, um jemanden zu bezeichnen, der Problemen ausweicht. Die Wurzeln dieser Überzeugung reichen zu Darstellungen noch vor dem Mittelalter zurück, in denen der Strauss als ein dummer Vogel dargestellt wurde, der unfähig ist, sich der Gefahr zu stellen.
In Wirklichkeit stecken Strausse ihren Kopf nicht in den Sand. Das Missverständnis entsteht wahrscheinlich aus realen, aber falsch interpretierten Beobachtungen: In der Fortpflanzungszeit senken diese Vögel ihren Kopf bis zum Boden, um die Eier zu drehen oder das Nest zu überwachen. Aus der Ferne kann es so aussehen, als würde der Kopf verschwinden.
Ausserdem können sie sich ducken, um sich zu tarnen. Aber wenn die Bedrohung konkret ist, ist ihre Strategie eine ganz andere: Sie fliehen schnell und nutzen dabei ihre grosse Geschwindigkeit.
Haben Elefanten Angst vor Mäusen?
Auch die Vorstellung von Elefanten, die von Mäusen terrorisiert werden, hat ihre Wurzeln in der Antike und wurde durch die Populärkultur und auch durch Zeichentrickfilme wie «Dumbo» verstärkt.
Die Wissenschaft erzählt jedoch eine andere Geschichte. Es gibt keine Beweise dafür, dass Elefanten eine spezifische Phobie vor Nagetieren haben. Sie können auf plötzliche Bewegungen in der Nähe der Beine oder des Rüssels reagieren, zeigen aber keine angeborene Angst vor Mäusen.