Die Individualbesteuerung stösst in der ersten SRG-Umfrage auf überraschend breite Zustimmung.
Sogar in Kreisen, die man politisch eher ablehnend einschätzen würde, findet die Vorlage Anklang.
Wäre am 18. Januar abgestimmt worden, hätten 64 Prozent der Stimmberechtigten für die Vorlage gestimmt – 30 Prozent dagegen.
«Wir haben überraschend in allen politischen und gesellschaftlichen Gruppen eine hohe Neigung festgestellt, dieser Individualbesteuerung zuzustimmen», sagt Lukas Golder, Politikwissenschaftler des Forschungsinstituts GFS Bern. Diese Zustimmung reiche bis ins konservative Lager, das eigentlich diese Vorlage bekämpft.
Obwohl dies auch über die Geschlechter hinweg gilt, zeigt sich hier doch ein leichter Unterschied: 69 Prozent der Frauen wollen die Vorlage annehmen, während bei den Männern 60 Prozent für die Individualbesteuerung sind.
Parteiführung versus Basis
Weil Parteien wie die Mitte und die SVP die Individualbesteuerung offiziell ablehnen, ortet Golder einen deutlichen Graben zur eigenen Wählerschaft. Er spricht von einem «Elite-Basis-Konflikt».
Das fordert die Individualbesteuerung
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Mit der Vorlage sollen künftig auch Verheiratete individuell besteuert werden – so wie unverheiratete heute. Damit soll der Steuertarif für alle angeglichen werden. Um Familien mit Kindern und Alleinerziehende durch die Änderung nicht zu stark zu belasten, wird der Kinderabzug bei der direkten Bundessteuer erhöht.
Die Vorlage soll die Steuerpflichtigen laut dem Bund bei der direkten Bundessteuer um insgesamt schätzungsweise 630 Millionen Franken pro Jahr entlasten. Auch die Kantone müssen die Individualbesteuerung einführen. Die Vorlage ist ein indirekter Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Für eine zivilstandsunabhängige Individualbesteuerung (Steuergerechtigkeits-Initiative)».
Die Basis sehe in der Individualbesteuerung nicht nur die Chance, die ungeliebte Heiratsstrafe abzuschaffen, sondern auch Erwerbsanreize für Frauen zu schaffen, um die Gleichberechtigung zu stärken. Dieser Ansatz funktioniere sowohl bei der Anhängerschaft der Mitte als auch bei der SVP, sagt Golder.
Bürokratie als Hauptkritikpunkt der Gegner
Die Gegner der Individualbesteuerung hätten bisher noch nicht viel Mobilisierungskraft entfaltet, erklärt der Politikwissenschaftler.
Das stärkste Gegenargument ist der administrative Aufwand: «Dieses Argument funktioniert für eine Mehrheit. Da hat man das Gefühl, da kommt viel zu viel Bürokratie auf uns zu.» Dies könne noch an Einfluss gewinnen.
Trotz der Bedenken hinsichtlich der Bürokratie erwartet Golder ein Ja an der Urne. Dies zeigt auch die Befragung: Etwas mehr als drei Viertel der Stimmenden gehen von einer Annahme aus. Im Mittel wird der Ja-Anteil jedoch auf knapp 55 Prozent geschätzt.
Die Befürworter hätten eine «inhaltlich geprägte» Argumentation, was es der Nein-Seite schwierig machen werde, «hier noch einen Punkt zu machen, um die Mehrheiten zu drehen», schliesst Golder.
Die Eckwerte der SRG-Umfrage
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Die Umfrage zu den Abstimmungen vom 8. März ist im Auftrag der SRG SSR vom Forschungsinstitut GFS Bern zwischen dem 12. und dem 26. Januar 2026 durchgeführt worden. Insgesamt wurden die Antworten von 15'371 Stimmberechtigten für die Auswertung berücksichtigt.
Der statistische Fehler beträgt ±2.8 Prozentpunkte. Das heisst: Bei einem Ergebnis von 50 Prozent liegt der effektive Wert mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 47.2 und 52.8 Prozent. Dabei sind kleinere Abweichungen wahrscheinlicher, grössere unwahrscheinlicher.
Telefonische Befragung
Telefonisch befragt wurden 502 stimmberechtigte Personen mit Wohnsitz in der Schweiz. Die Interviews wurden per Festnetz und Handy durchgeführt. Diese Stichprobe ist sprachregional gewichtet und repräsentativ für die Schweizer Stimmberechtigten.
Online-Befragung
Zusätzlich konnten online bereinigte Angaben von 14'367 Personen und via Social Media 502 Personen verwendet werden. Die Teilnehmenden wurden dazu unter anderem über die Webportale der SRG rekrutiert.
Da sich die Teilnehmenden der Umfrage selber rekrutieren (sogenanntes Opt-in-Verfahren), ist die Zusammensetzung der Stichprobe nicht repräsentativ für die Grundgesamtheit. So nehmen zum Beispiel typischerweise mehr Männer als Frauen an politischen Umfragen teil. Diese Daten werden aber mittels Gewichtungen an die realen Verhältnisse der Stimmberechtigten angenähert. Es werden dabei räumliche (Wohnort), soziodemografische (Alter oder Geschlecht) und politische Gewichtungsfaktoren eingesetzt. Durch diese Gewichtung wird die Repräsentativität der Stichprobe optimiert. Ziel ist, auch die Stichprobengrösse in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz zu erhöhen.