Immer wieder liest man in den Medien von Schwer- oder Leichtverletzten. Erst letzte Woche kamen bei einem Zugunglück in Spanien mindestens 40 Menschen ums Leben, weitere rund 170 Personen wurden verletzt, davon 24 schwer und fünf sehr schwer. Die Tragödie in Crans-Montana zu Beginn des Jahres forderte 40 Todesopfer und 116 grösstenteils Schwerverletzte.
Was bedeutet dieser Grad «schwer verletzt» genau und wie unterscheidet er sich von leichten Verletzungen? Frank Beeres vom Luzerner Kantonsspital kennt die Unterschiede.
SRF News: Wann gilt eine Person als schwer verletzt?
Frank Beeres: Ein schwer verletzter Patient hat eine oder mehrere Verletzungen, die lebensbedrohlich sein können. Es gibt verschiedene Definitionen von schweren Verletzungen: Einerseits spricht man von Polytrauma-Patienten. In diesem Fall sind mindestens zwei Körperregionen betroffen und mindestens eine davon lebensbedrohlich. Andererseits gibt es den standardisierten Injury Severity Score (ISS). Damit kann der Grad der Verletzungen berechnet werden. Dieses Modell fasst Verletzungen aus verschiedenen Körperregionen zusammen und berechnet daraus eine Punktzahl zwischen 0 und 75. Ab 16 Punkten spricht man von einer schweren Verletzung.
Wann passieren am meisten schwere Verletzungen?
Häufig sind schwere Verletzungen bei Unfällen im Sport, wie Motorradunfälle, Paraglider- oder Skiunfälle. Dann gibt es auch noch die Berufsunfälle, gerade auf dem Bau. Neben diesen klassischen Beispielen gibt es aber auch Sonderfälle wie beispielsweise Verbrennungen oder Lawinenopfer.
Was bedeutet es, wenn eine Person leichte Verletzungen hat?
Leichte Verletzungen sind nicht lebensbedrohlich, und es ist ‹nur› eine Körperregion isoliert betroffen. Man spricht in diesen Fällen auch von einem Monotrauma. Dies ist etwa bei einem Arm- oder Beinbruch der Fall.
Es ist wie bei einem Fahrzeug. Wir können zwar relativ viel und gut reparieren. Aber es wird nie mehr wie neu sein.
Wie lange halten bei schweren Verletzungen die Folgen an?
Körperliche Folgen können ein Leben lang anhalten. Ich sage immer zu meinen Patienten: Es ist wie bei einem Fahrzeug. Wir können zwar relativ viel und gut reparieren. Aber es wird nie mehr wie neu sein, auch wenn vielleicht das Röntgenbild nach einem Unfall wieder perfekt ist und beispielsweise das Handgelenk oder das Bein gut verheilt aussieht.
Wie sieht es mit psychischen Folgen aus?
Man unterschätzt sehr häufig, wie stark schwere Verletzungen Patientinnen und Patienten mitnehmen und welche Einflüsse sie auf das persönliche und berufliche Umfeld haben können. Ein sehr häufiges oder bekanntes Phänomen ist das sogenannte posttraumatische Stresssyndrom. Bei diesem erlebt man eigentlich den ganzen Unfall noch einmal. Wir weisen unsere Patienten auch aktiv darauf hin, dass sie in solchen Fällen das Gespräch mit einem Psychologen oder einer Psychiaterin suchen sollten. Reine körperliche Schäden, beispielsweise an den Knochen, eine Milz-, Kopf- oder Wirbelsäulenverletzung, können wir besser behandeln.
Junge Männer, die beispielsweise in der Freizeit beim Sport oder beruflich auf dem Bau verunfallt sind, haben häufig Hemmungen, darüber zu sprechen.
Beim psychischen Teil ist es manchmal auch unbequemer, darüber zu sprechen. Gerade junge Männer, die beispielsweise in der Freizeit beim Sport oder beruflich auf dem Bau verunfallt sind, haben häufig Hemmungen. Bei Schlafproblemen oder beispielsweise auch bei Angst, wieder Skifahren zu gehen oder aufs Motorrad zu sitzen, damit haben junge Männer teilweise Mühe.
Das Gespräch führte Lea Stadelmann.