Kurz sah es so aus, als nehme das Drama um den Buckelwal in der Ostsee ein gutes Ende. Doch inzwischen steckt der Wal wieder fest. Laut den Expertinnen vor Ort sind seine Überlebenschancen deutlich gesunken.
So hat sich auch die Stimmung in den Medien verdüstert. «Experte spricht über Sterbehilfe», titelt die «Bild»-Zeitung am Montagmittag. Der Buckelwal steht längst im Zentrum eines aussergewöhnlichen Medienspektakels. Seit letzter Woche erzählen Zeitungsreporterinnen, Youtuber und Fernsehteams vom gestrandeten Wal an der Ostsee – bis in die «New York Times» hat es das geschundene Tier geschafft.
Starke Gefühle
Das Tierschicksal an der deutschen Küste bewegt offenkundig. Aber warum eigentlich? Das hat zunächst mit der Sichtbarkeit dieses Falls zu tun, erklärt Nico Müller. Er ist Philosoph und forscht an der Universität Basel zur Beziehung von Mensch und Tier. Ausserdem ist er Präsident der Tierschutzorganisation Animal Rights Switzerland.
Im Gegensatz zu einem gestrandeten Buckelwal ist das Leid anderer Tiere alltäglicher. Perfiderweise erfahre solches Tierleid aber kaum Aufmerksamkeit, wenn es jeden Tag geschehe. «Wenn Tausende Hühner in einer Halle versteckt sind, sieht sie niemand.»
Der Wal und die Medien
Dass der Buckelwal ein solches Medienecho erzeugt, hat nicht allein mit Mitgefühl zu tun. «Es scheinen Geschichten zu sein, die sich in unserem medialen Ökosystem gut durchsetzen können», so Nico Müller.
Dafür brauchten sie bestimmte Eigenschaften: klare Protagonistinnen, eine eindeutige Rollenverteilung, eine starke Bildsprache. Im Zentrum dieser Geschichte steht der Wal, darum herum die vielen Heldinnen und Helden, die dem Wal zu helfen versuchen. So ist es nicht das erste Mal, dass ein gestrandeter Wal auf grosses Interesse stösst. 2022 strandeten etwa in der Bretagne innerhalb weniger Wochen gleich drei Wale. Zwei von ihnen starben, einer schaffte es mithilfe der Tierschützer wieder zurück in den Ozean.
Ein charismatisches Wildtier
Die «Bild»-Zeitung hat dem Buckelwal vom Timmendorfer Strand inzwischen einen Namen verpasst: «Timmy» – eine Anspielung auf den Timmendorfer Strand bei Lübeck, wo der Wal zum ersten Mal gestrandet ist.
Dass dieses Tier nun einen Namen trägt, passt zur Analyse von Nico Müller. Der Philosoph bezeichnet den Wal als ein «grosses charismatisches Wildtier».
Unser kultureller Blick auf Tiere falle je nach Art sehr unterschiedlich aus, erklärt Müller weiter. Wale würden im Verhältnis zu anderen Tieren eher als intelligent und warm wahrgenommen. «Das hat wenig mit den Eigenschaften dieser Tiere an sich zu tun. Schlangen, Vögel und Fische sehen wir eher als kalt und abweisend, Wale hingegen als liebevoll, sanft und freundlich.»
Und so erzählt das Drama über den Wal an der Ostsee auch etwas über uns: Mit welchen Lebewesen wir mitfühlen und mit welchen nicht. Der Philosoph Nico Müller plädiert dafür, auch den tierischen Aussenseitern mehr Empathie entgegenzubringen. Das dürfte jedoch in vielen Fällen mit Interessenskonflikten verbunden sein. «Vom Leiden des Wals profitiert niemand – und niemand muss es sich schönreden.» Ein Huhn in der Massentierhaltung habe da mehr Pech.