Die Akkar-Region im Norden des Libanon ist nur durch den schmalen Al-Kabir-Fluss von Syrien getrennt. Ein Rinnsal, über das im März tausende Syrer und Syrerinnen flohen. Unter ihnen Abu Ali: «Plötzlich überfielen sie uns und begannen, Menschen abzuschlachten», sagt er und wirkt dabei seltsam gefasst. Er floh am 13. März aus Syrien. In den Tagen zuvor hatten radikale Sunniten ganze Dörfer an der syrischen Küste überfallen und mehr als tausend Alawiten getötet.
Sie schrien, ‹macht die Tür auf!› Doch wir wussten: Öffnen hiesse zu sterben.
Auch seine Cousine Umm Jafer floh. «Was war unsere Schuld? Was haben wir ihnen angetan? Wir sind Zivilisten, keine Generäle des alten Regimes.» Auf ausgelaugten Sofas und Plastikstühlen erzählen die beiden, wie sie Nächte durchwachten, weil sie jederzeit einen Überfall fürchteten. «Sie schrien mitten in der Nacht: Macht die Tür auf!», erinnert sich Abu Ali. «Doch wir wussten: Öffnen hiesse zu sterben.»
Ihre richtigen Namen wollen die beiden aus Sorge um die in der Heimat Zurückgebliebenen nicht preisgeben. Sie kamen bei Verwandten unter, die schon 2011 geflohen waren. Doch auch in Akkar fühlen sie sich nicht sicher. «Ich will nur meine Kinder in Frieden grossziehen», sagt Abu Ali, «mehr nicht.» Nach den Massakern flohen etwa 40'000 Alawiten in den Libanon. Doch sie waren bei weitem nicht die einzigen. Laut UNHCR kamen seit dem Machtwechsel in Damaskus rund 100'000 neue Geflüchtete ins Land.
Syrien steuert auf einen Bürgerkrieg zu.
Gleichzeitig seien ähnlich viele Menschen zurückgekehrt, sagt Ivo Freijsen, Leiter des UNHCR im Libanon. Doch wer in Syrien ankam, fand oft zerstörte Häuser, besetzte Wohnungen oder völlig überlastete Schulen und Spitäler vor. Auch die Wirtschaft bot kaum Perspektiven. «Das hält die meisten von einer Rückkehr ab», sagt Freijsen.
Im Libanon selbst wächst der Druck. 1.5 Millionen Syrerinnen und Syrer sind für das kleine Land am Mittelmeer längst mehr als eine soziale und wirtschaftliche Belastung. Politiker fordern seit Jahren Rückführungen, viele Libanesen werfen den Flüchtlingen vor, im Land zu bleiben, weil es ihnen hier besser gehe. «Doch praktisch niemand lebt komfortabel», entgegnet Freijsen. «Wenn man die Wirtschaftskrise und die permanente Unsicherheit berücksichtigt, kämpft jeder ums Überleben.»
Rückkehr für viele nicht möglich
Um Rückkehrwillige zu unterstützen, startete die UNO im Juli ein Programm mit organisierten Transporten, finanziellen Starthilfen und Hilfe bei abgelaufenen Papieren. Rund 71'000 Syrerinnen und Syrer haben sich gemeldet. Doch für Angehörige verfolgter Minderheiten wie die Alawiten ist Syrien keine Option. «Zurückgehen? Unmöglich», sagt Umm Jafer. «Ich könnte in einem Land, in dem man mich ständig nach meiner Religionszugehörigkeit fragt, nicht leben.»
Auch Abu Ali blickt düster in die Zukunft. «Syrien steuert auf eine Teilung zu, auf einen neuen Bürgerkrieg», ist er überzeugt. Den neuen Machthaber Ahmad al-Sharaa sieht er nicht in der Lage, das zu verhindern. Seine Zeit sei bald vorbei. Für Abu Ali und Zehntausende andere bedeutet das: Sie bleiben im Exil, auch wenn der Libanon kaum Platz für sie hat.