Zum Inhalt springen

Header

Audio
Zwei Jahrzehnte Krieg gegen den Terror - eine Bilanz
Aus Echo der Zeit vom 11.09.2021.
abspielen. Laufzeit 06:16 Minuten.
Inhalt

20 Jahre Krieg gegen Terror USA bleiben hohe Kosten und ein enormer Blutzoll

Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erklärte der damalige US-Präsident Bush den «Krieg gegen den Terror». Was hat er gebracht?

Nach 20 Jahren Krieg gegen den Terror haben die USA ihre Streitkräfte aus Afghanistan abgezogen. Im Irak sind aber noch 2500 US-Truppen stationiert und die USA sind in 85 Ländern an Anti-Terror-Einsätzen und -Trainings beteiligt. Der Preis dafür ist enorm hoch.

Kosten von 8'000'000'000'000 Dollar

Für den Krieg gegen den Terror haben die USA in den letzten 20 Jahren acht Billionen Dollar ausgegeben. Diese Zahl beinhaltet nicht nur die Kosten für die Militäreinsätze in Übersee, sondern auch für Sicherheitsmassnahmen im Inland, die Langzeitpflege von US-Kriegsveteranen und für Schuldzinsen. 

«Der Krieg gegen den Terror wurde quasi mit der Kreditkarte bezahlt», sagt Stepanie Savell. Sie ist die Co-Direktorin des Projektes «Costs of war», der renommierten Brown Universität. Selbst wenn der Krieg heute beendet würde, seien nach heutiger Schätzung bis ins Jahr 2050 noch Schuldzinsen von 6.5 Billionen fällig. 

Zu jeder direkt im Krieg getöteten Person kommen nochmals drei Mal so viele, die an indirekten Folgen verstorben sind
Autor: Stephanie Savell Co-Direktorin des Projektes «Costs of war»

929'000 Menschen durch Kriegsgerät getötet

Und noch eine erschreckende Zahl: 929'000 Menschen wurden im Krieg gegen den Terror direkt durch Kriegsgerät, also durch Bomben, Gewehrkugeln oder Sprengstoff, getötet – die meisten waren Zivilisten und Zivilistinnen. Das sei eine sehr konservative Schätzung betont die Co-Direktorin von «Costs of war». 

Die wahre Opferzahl sei viel höher: «Zu jeder direkt im Krieg getöteten Person kommen nochmals drei Mal so viele, die an indirekten Folgen verstorben sind», sagt Savell. Das seien zum Beispiel Menschen, die auf der Flucht oder wegen Seuchen und Krankheiten starben. 

Die hohen Kosten und der enorme Blutzoll haben in den USA eine heftige Debatte ausgelöst: Was hat man mit dem Krieg gegen den Terror erreicht? Professor Trevor Thrall von der liberalen Denkfabrik Cato-Institute findet: «Die USA haben einen erschreckend hohen Preis bezahlt für sehr magere Ergebnisse.»

Legende: Alleine im Irak-Krieg verloren rund 4600 US-Soldaten ihr Leben. (Aufnahme: Lincoln Memorial in Washington) Reuters

Meinungen der Experten gehen auseinander

Anders sieht dies Peter Rough vom konservativen Hudson Institute. Eine Kosten-Nutzen-Analyse sei schwierig, weil wir nicht wüssten, wie die Welt aussehen würde, wenn die USA nicht auf 9/11 reagiert hätten. «Alleine die Tatsache, dass in den USA kein grösserer islamistischer Anschlag mehr möglich war, ist ein grosser Erfolg», findet er. 

Die USA haben nicht nur Al-Kaida nicht besiegen können, sie haben unbeabsichtigt sogar den Aufstieg des IS ermöglicht.
Autor: Trevor Thrall Professor am Cato-Institute

Rough, der unter George W. Bush im Weissen Haus arbeitete, betont zudem, dass die USA den Irak von einem brutalen Diktator befreit und afghanischen Frauen – zumindest zeitweise – Bildung und bessere Gesundheitsversorgung ermöglicht hätten.

Für Trevor Thrall hingegen steht im Vordergrund, dass es den USA nicht gelungen ist, den weltweit agierenden islamistischen Terror zu besiegen – im Gegenteil. «Die USA haben nicht nur Al-Kaida nicht besiegen können, sie haben unbeabsichtigt sogar den Aufstieg des IS ermöglicht.» Zudem gebe es heute weltweit nicht weniger, sondern mehr Terroranschläge mit dschihadistischem Hintergrund. 

Aus heutiger Sicht beruhte der Einmarsch in den Irak auf einer Fehleinschätzung
Autor: Peter Rough US-Politologe vom Hudson Institute

US-Bürger fühlen sich nicht sicherer

Laut Schätzungen des US-Aussenministeriums hat sich die Zahl dschihadistischer Kämpfer seit 2001 weltweit mehr als verdreifacht. Peter Rough räumt ein, dass die USA Fehler gemacht hätten im Krieg gegen den Terror: «Aus heutiger Sicht beruhte der Einmarsch in den Irak auf einer Fehleinschätzung», sagt Rough. Zudem sei die US-Armee zu wenig vorbereitet gewesen auf die Lebenswirklichkeit in den Einsatzgebieten. 

In den letzten zwanzig Jahren ist es islamistischen Terrororganisationen nicht mehr gelungen, Anschläge in den USA zu verüben. Dennoch ist das Sicherheitsgefühl der US-Bevölkerung in den letzten Jahren deutlich gesunken – trotz der acht Billionen, die in den Kampf gegen den Terror investiert wurden.

Obamas Drohnenkrieg

Box aufklappen Box zuklappen

George W. Bush (US-Präsident von 2001 bis 2009) gilt zwar als Hauptverantwortlicher des Krieges gegen den Terror. Sein Nachfolger Barack Obama hat dessen Strategie nach seinem Amtsantritt aber weitgehend beibehalten. Er ersetzte das Etikett «War against terror» durch das weit neutralere «Overseas contingency operations» (Deutsch: Eindämmungs-Einsätze in Übersee) und reduzierte die Anzahl involvierter Truppen. Gleichzeitig intensivierte er jedoch den Einsatz von unbemannten Drohnen.

«Obama institutionalisierte die Prozesse, mit denen die USA in anderen Ländern ohne Rechtsgrundlage eine grosse Zahl von Menschen umbrachten, die angeblich Terror-Organisationen angehörten», sagt Sicherheits- und Verteidigungsexperte Trevor Thrall vom liberalen Cato-Institute. Weil dabei auch viele Unschuldige und Zivilisten getötet wurden, habe der Drohnenkrieg die Wut auf die USA vergrössert. Damit hätten die USA – wie schon in den Kriegen in Afghanistan und Irak – unbeabsichtigt den Terrorgruppen die Rekrutierung von neuen Kämpfern erleichtert, sagt Thrall. «Obama hat sich in der Öffentlichkeit zwar weit weniger kriegerisch gebärdet als Bush, aber in Wahrheit ist er sehr wohl einer der Architekten des Krieges gegen den Terror».

Echo der Zeit vom 11.09.2021, 18 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

32 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Wer über Jahrzehnte hinweg in anderen Ländern oft gegen den Willen eines Grossteils der Bevölkerung interveniert (militärisch, politisch, wirtschaftlich - offen oder verdeckt), dort Menschen verhaftet, verschleppt oder umbringt, Bodenschätze plündert, Kultur und Gesinnung versucht zu verändern - meist unter Vorspiegelung falscher Motive - der schafft sich Feinde. Die USA haben so viel Hass gesät, das reicht locker für die nächsten 100 Jahre.
  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    Wenn man schon einen Exkurs zu "Obamas Drohnenkrieg" macht, dann bitte auch die ganze Geschichte darstellen.
    Die Drohnentechnologie gibts noch nicht so lang. Logisch, dass die Anzahl Einsätze unter jedem Präsident (Bush, Obama, Trump) anstieg. Bei Bush war es neu, Obama hat diese Strategie ausgebaut und gegen Ende zumindest versucht Transparenz darüber zu schaffen. Trump hat die Transparenz wieder weitgehend aufgehoben und nochmal DEUTLICH mehr Angriffe als Obama angeordnet.
  • Kommentar von Aaron Davis  (aaron.davis)
    Danke SRF für's einordnen und kontextualisieren des ganzen Konflikts :)
    Gestern wurde die einseitige Berichterstattung angeprangert und heute gibt's schon einen Artikel dazu!