Zum Inhalt springen

Header

Video
US-Geheimdienst hörte Schweizer Delegation ab
Aus 10 vor 10 vom 21.05.2021.
abspielen
Inhalt

75 Jahre Washingtoner Abkommen Der SP-Präsident als Agent des US-Geheimdienstes

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand die Schweiz international unter Druck. Die alliierten Siegermächte kritisierten die wirtschaftlichen Beziehungen der Schweiz mit Nazi-Deutschland, insbesondere auch die Geschäfte der Nationalbank mit gestohlenem Gold. Vor 75 Jahren, am 25. Mai 1946, schloss die Schweiz das Washingtoner Abkommen ab. Sie verpflichtete sich, 250 Millionen Franken zu bezahlen.

Bisher nicht publizierte Dokumente, die SRF vorliegen, zeigen: Die Schweiz wurde damals bei den Verhandlungen in Washington vom amerikanischen Geheimdienst abgehört. Und ebenso brisant ist: In der Schweiz diente der damalige Präsident der SP Schweiz, Hans Oprecht, als Agent der Amerikaner.

Hans Oprecht, der damalige Präsident der SP Schweiz.
Legende: Hans Oprecht, der damalige Präsident der SP Schweiz. Keystone

Hans Oprecht, Agent Nummer 487

Oprecht war Nationalrat und Gewerkschaftsführer. Während des Krieges unterstützte er den Widerstand gegen Nazi-Deutschland und setzte sich für Flüchtlinge ein. In dieser Zeit wurde Oprecht Informant des US-Auslandgeheimdienstes, des Office of Strategic Services (OSS), und erhielt die Agentennummer 487.

Gewerkschafter auf spezieller Mission

Box aufklappenBox zuklappen

Hans Oprecht war von 1936 bis 1952 Präsident der SP Schweiz und lange Zeit einflussreicher Gewerkschaftsfunktionär. Während des Krieges engagierte er sich parteiübergreifend gegen den Nationalsozialismus. 1951 kandierte er für den Bundesrat, konnte sich aber parteiintern nicht durchsetzen. Von 1960 bis 1964 war er Präsident der SRG. Nicht bekannt war bisher, dass er mehrjähriger Informant des US-Auslandgeheimdienstes war und eine Agentennummer besass.

Wahrscheinlich traf er sich in Zürich in der Wohnung seines Bruders, des Verlegers Emil Oprecht, mit Allen Dulles, dem Leiter des OSS in der Schweiz. Davon geht der Historiker Adrian Hänni aus. Gemäss Hänni versorgte Oprecht die Amerikaner auch während der Verhandlungen in Washington mit wertvollen Informationen. Diese erhielt er unter anderem vom damaligen SP-Bundesrat Ernst Nobs.

Verrat beim Washingtoner Abkommen

Box aufklappenBox zuklappen

Ab März 1946 verhandelte eine Schweizer Delegation unter der Leitung von Walter Stucki in Washington mit amerikanischen, britischen und französischen Vertretern. Mit dem Vertragsabschluss verpflichtete sich die Schweiz, 250 Millionen Franken für den Wiederaufbau Europas zu zahlen.

Es wurde seither schon mehrfach darüber spekuliert, dass die Schweizer Verhandlungsstrategie und das Höchstangebot verraten worden seien. 1998 berichtete die «NZZ», dass der damalige SP-Präsident Hans Oprecht während der Verhandlungen Informant eines US-Geheimdienstes gewesen war. Die Historikerin Catherine Schiemann kam zum Schluss, dass der damalige Aussenminister Max Petipierre (FDP) den Amerikanern das Höchstangebot bekannt gegeben hatte.

Landesverrat oder politische Notwendigkeit?

Dadurch verstiess Oprecht gegen offizielle Schweizer Landesinteressen. Rebekka Wyler, Co-Generalsekretärin der SP-Schweiz, räumt ein: Oprechts Handeln stellte aus Sicht der offiziellen Schweiz keine vertretbare Position dar. «Es gibt wohl auch Leute, die sagen, das sei Landesverrat.»

Aus einer politischen Perspektive sehe es aber anders aus: «Nach allem, was man heute über die Verstrickungen der Schweiz mit dem Nationalsozialismus weiss, muss man auch Verständnis haben für die Aktivitäten.» In dieser Sichtweise war es wichtig, dass die Schweiz in Washington zu einer Verhandlungslösung kam und damit auch Teil der neuen Nachkriegsordnung werden konnte.

Abgehört vom US-Geheimdienst

Die US-Dienste fingen damals auch Nachrichten ab, die aus Washington in die Schweiz übermittelt wurden. Funk-Nachrichten waren zwar verschlüsselt, doch die Amerikaner konnten sie dechiffrieren.

Video
Aus dem Archiv: Abgehört vom Geheimdienst
Aus 10 vor 10 vom 26.01.2021.
abspielen

Für die Verschlüsselung setzte die Schweiz nämlich auf deutsche Enigma-Chiffriermaschinen. Doch diese waren nicht sicher: Mit der Entschlüsselungsaktion im britischen Bletchley Park hatten die Briten und Amerikaner im Zweiten Weltkrieg den geheimen deutschen Funkverkehr geknackt.

So sah die Enigma-Chiffriermaschine aus.
Legende: So sah die Enigma-Chiffriermaschine aus. SRF

SRF liegen bisher in der Schweiz nicht beachtete Dokumente des amerikanischen Geheimdienstes ASA vor. Diese zeigen, dass er die Nachrichten der Schweizer Delegation abfing. Geheimdienst-Historiker Adrian Hänni ist auf diese Dokumente gestossen. Er ist überzeugt: Die Amerikaner wussten durch ihren Geheimdienst, dass die Schweizer maximal bereit sind, 250 Millionen Franken zu bezahlen. «Zu einem Zeitpunkt, als in Washington erst 100 Millionen Franken geboten wurden.» Die Amerikaner waren dadurch der Schweiz stets einen Schritt voraus.

Video
Historiker Adrian Hänni zur Bedeutung der abgefangenen Nachrichten.
Aus News-Clip vom 21.05.2021.
abspielen

10vor10, 21.05.2021, 21:50 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

35 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Frage an SRF, bei verschiedenen Artikeln erscheint nur noch in den obersten drei Kommentaren die Spalte "Antworten". Bin ich damit alleine, aus welchen Gründen auch immer, oder ist das bei anderen, respektive bei Ihnen auch so? Ist nicht zum Veröffentlichen gemeint.
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Felix Meyer
      Guten Tag. Das scheint nach einem Fehler zu sein. Gerne beobachten wir, ob es bei anderen User:innen auch vorkommt. Vielen Dank für den Hinweis. Liebe Grüsse, SRF News.
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Herr Michel Koller, meine Antwort betrifft den Kommentar von Mark R. Koller.
  • Kommentar von Alex Hanselmann  (kinkiri)
    Man muss das im Kontext von 1945 sehen, z.B. schrieb die NZZ am 28.12.2020 'Brisanter Deal mit der SS: wie die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Baracken für die KZ lieferte'.
    Kurz: Die SBB lieferte ab 1942 Schweizer Baracken in KZs, Holz und Eisen dazu sandte die SS vorgängig zu hiesigen Schreinern. Das Geschäft über 22 Mio. CHF war ein Entgegenkommen für Dienste unseres Nachrichtendienstes und General Guisans Sohn, der mit einer Gestapo Spionin etwas hatte!.Das störte dann auch unseren General.