Zum Inhalt springen

Header

Video
Einschätzung von SRF-Korrespondent Sebastian Ramspeck
Aus 10 vor 10 vom 24.08.2021.
abspielen
Inhalt

Abzug der US-Truppen G7 und Afghanistan: kleinlaut, ratlos, ernüchtert

Noch kurz vor dem Afghanistan-Gipfel der G7-Staaten kamen aus Grossbritannien, Deutschland und Frankreich laute Forderung an die Adresse des amerikanischen Präsidenten Joe Biden. Die USA müssten über die Frist vom 31. August hinaus mit Truppen in Afghanistan bleiben, nur so sei die Evakuierung aller zu evakuierenden Menschen zu schaffen.

Doch bei Biden stiessen die Forderungen auf taube Ohren. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende – nach dieser Losung gestaltet Biden seine Afghanistan-Politik. Und entsprechend kleinlaut äusserten sich nach dem Gipfel seine Verbündeten.

Andere Grossmächte müssen «mitmachen»

Einmal mehr hat sich gezeigt, dass die europäischen Nato-Staaten militärisch auf Gedeih und Verderb auf die USA angewiesen sind: Sie wären gar nicht in der Lage, die Evakuierung ihrer Bürgerinnen und Bürger selbst durchzuführen.

Kleinlaut geben sich die G7-Regierungen jetzt aber auch bei der Frage, wie mit den neuen Machthabern in Afghanistan umzugehen sei. Als die Schlussoffensive der Taliban begonnen hatte, kam aus der EU zunächst eine klare Ansage: Man werde einen Sieg der Gotteskrieger nicht anerkennen und stattdessen Afghanistan international isolieren.

Verdrossenes Fazit

Doch schnell wurde klar: Die Isolationsstrategie ist zum Scheitern verurteilt. China, Pakistan und andere Grossmächte sind gerne bereit, mit den Taliban wirtschaftlich und auch sicherheitspolitisch zusammenzuarbeiten.

Wohl oder übel setzen sich nun auch die USA und ihre Verbündeten mit den Taliban an einen Tisch. So schickte etwa Präsident Biden den Chef des Auslandgeheimdienstes CIA, William Burns, für diskrete Konsultationen nach Kabul.

Und bereits wird aus europäischen Hauptstädten der Ruf laut, nach den G7 müssten jetzt bald die G20 die Zukunft Afghanistans beraten. Zu den G20 zählen neben den westlichen Grossmächten unter anderem China, Saudi-Arabien und die Türkei.

Vieles spricht dafür, dass der Westen keinen anderen Weg sieht, als die Taliban irgendwie international einzubinden – in der Hoffnung, so wenigstens ein klitzekleines bisschen Einfluss auf das neue Afghanistan ausüben zu können.

Biden und die Maxime «America First»

Kleiner als von den europäischen Regierungen erhofft ist auch ihr Einfluss auf den neuen starken Mann im Weissen Haus: Joe Biden hatte bei Amtsantritt versprochen, wichtige internationale Entscheide mit seinen Verbündeten abzusprechen. Doch just mit Blick auf Afghanistan ist das nicht passiert.

Wie schon sein Vorgänger Donald Trump scheint Biden nach der Maxime «America First» zu handeln: amerikanische Interessen zuerst. Dabei fürchten viele in Europa, dass sie sehr viel mehr von den Negativfolgen amerikanischer Politik betroffen sein werden als die Amerikanerinnen und Amerikaner.

Denn ob nun Hundertausende von Flüchtlingen Afghanistan verlassen oder ob von Afghanistan neue Terrorgefahr ausgeht, es gälte wohl «Europe first»: die Probleme zuerst in Europa, erst dann in den USA.

Sebastian Ramspeck

Sebastian Ramspeck

Internationaler Korrespondent, SRF

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Sebastian Ramspeck ist internationaler Korrespondent für SRF. Zuvor war er Korrespondent in Brüssel und arbeitete als Wirtschaftsreporter für das Nachrichtenmagazin «10vor10». Ramspeck studierte Internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf.

SRF 4 News, 24.08.2021, 21:50 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

45 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Manu Meier  (Manuel Meier)
    Biden ist in einigen Entscheidungen noch viel mehr Trump, als es Trump je hätte sein können. Ich bin überrascht. Scheinbar auch deswegen, weil er nicht in die Mediale Tonne geworfen wird wie damals Trump.
    Finde es aber gut, dass manchmal Dinge einfach durch gezogen werden, und nicht die Wischi Waschi Politik vieler anderer Länder. Man kann es nun mal nie allen recht machen.
  • Kommentar von Jacques Emery  (Lifelover)
    Die "underdogs" müssen wieder einmal mit dem Schwanz zwischen den Beinen zurücktreten…
    Wird Europa mal lernen, eingenständig zu handeln?
  • Kommentar von Javier López  (Javier López)
    "Einmal mehr hat sich gezeigt, dass die europäischen Nato-Staaten militärisch auf Gedeih und Verderb auf die USA angewiesen sind...Biden und die Maxime «America First»"

    Das kann man so unterschreiben. In dieser Angelegenheit gibt es jedoch einen anderen Stolperstein: Japan.

    Japan fällt nicht gerade durch Flüchtlingsfreundlichkeit auf. Was hat man von Japan in dieser Angelegenheit erwartet? Ausser sich mit Geld freikaufen wäre nicht mehr raus gekommen.
    1. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      Brüssel wird so lange gespaltene politische Persönlichkeit haben solange Hauptsitz von EU und gleichzeitig NATO ist. Meine Meinung nach müssten alle EU- und EFTA Mitglieder sich von NATO verabschieden und alle gemeinsames (ohne Angelsachsen) Verteidigungsbund eingehen. Wenn man bedenkt, dass Australier und Kanadier in Afghanistan, oder in Ukraine kämpfen, dann weiss ich nicht, ob ich weinen oder lachen soll. Sucht Australier an der Krim Koalabär?