Zum Inhalt springen

Header

Audio
Nach hektischer Flucht: Afghanische Flüchtlinge erreichen die USA
Aus Echo der Zeit vom 31.08.2021.
abspielen. Laufzeit 07:24 Minuten.
Inhalt

Afghanen erreichen die USA Wo sich das Gefühl der Erleichterung und des Verrats vermischen

Am Flughafen in Dulles bei Washington kommen täglich mehrere tausende Flüchtlinge aus Afghanistan an. Ein Augenschein.

Am Terminal von Dulles prallen Welten aufeinander. Touristen und Touristinnen schieben ihre schicken Rollkoffer durch die Halle. Sie kreuzen den Weg der Flüchtlinge aus Afghanistan, die ihre Habseligkeiten in Plastiktüten und lädierten Handtaschen zum Ausgang tragen, wo Busse auf sie warten.

Es ist ein steter Fluss von Frauen mit Babys auf dem Arm, alleinreisenden Teenagern, ganzen Familienverbänden. Die meisten sprechen kein Englisch.

Am Anfang eines neuen Lebens

Aber alle verstehen das Wort «Welcome» – und die Erleichterung ist vielen ins Gesicht geschrieben, endlich sicher anzukommen. Für diesen etwa dreissigjährigen Mann und seine zwei Kollegen dauerte die Reise nach Dulles, im Bundesstaat Virginia, elf Tage. Es sei sehr hart gewesen in Kabul. «Die Taliban, die Taliban sind gekommen», sagt er, und bricht im Satz ab.

Legende: 120'000 afghanische Flüchtlinge wurden aus Kabul ausgeflogen. Über 20'000 sind bisher in den USA gelandet – gezeichnet von der hektischen und gefährlichen Flucht aus der afghanischen Hauptstadt. SRF/Isabelle Jacobi

Eine Sicherheitsbeamtin sitzt vor einer abgesperrten Zone bei den Check-In-Schaltern der Fluggesellschaft Emirates. Die Flüchtlinge müssten zuerst durch den Zoll wie alle Reisenden, dann würden sie hier auf Covid getestet, sagt sie.

Diejenigen, die bereits eine Unterkunft hätten, könnten weiterreisen. Alle anderen würden mit den Bussen in eine nahegelegene Konferenzhalle gefahren, wo sie eine Covid-Impfung erhalten und danach provisorisch auf drei Militärstützpunkte verteilt werden. Dort helfen ihnen karitative Organisationen, sich in den USA anzusiedeln und Arbeit zu finden.

Warum habt ihr Amerikaner uns nicht beschützt? Wir sagten doch, wir sind Verbündete, dass wir uns gegenseitig beschützen. Und ihr habt uns im Stich gelassen, als uns der Feind angriff.
Autor: Geflüchteter Afghane

Doch zuerst müssen die Afghanen und Afghaninnen in Dulles durch die Grenzkontrolle, wie alle Einreisenden, und das kann Stunden dauern. Obwohl sie ausserhalb der USA geprüft wurden und bereits eine Einreisebewilligung erhalten haben, als Mitarbeitende einer US-Organisation oder weil sie Familie in den USA haben.

Legende: Habseligkeiten, die rasch in Koffer und Plastiksäcke verpackt wurden: Inmitten des Gewusels an Geschäftsreisenden und Touristen lässt sich die dramatische Flucht der Menschen aus Afghanistan erahnen. SRF/Isabelle Jacobi

In der Ankunftshalle warten Angehörige auf ihre geflüchteten Verwandten aus Kabul, wie Mohammed. Der ältere Herr im Anzug ist da, um seine Frau nach Hause zu bringen. Sie lebten vier Jahre getrennt – die Frau in Kabul, er in den USA. Nun bringt sie die Not wieder zusammen. Vor einer Hintertür der Zollbehörde fallen sich Menschen in die Arme, Tränen fliessen.

«Meine Schwägerin und mein Schwager haben es geschafft», sagt der Mann mit geröteten Augen. Daneben steht John – er will seinen afghanischen Namen nicht nennen, weil seine Mutter noch in Afghanistan lebt. Der ehemalige Übersetzer wartet mit seiner amerikanischen Frau auf seine jüngeren Geschwister.

Ankunft mit gebrochenem Herzen

Er freue sich, sie zu treffen nach sieben Jahren. Sie seien nun schon Teenager. Gleichzeitig sei sein Herz gebrochen. Und er schleudert die Frage hinaus: «Warum habt ihr Amerikaner uns nicht beschützt? Wir sagten doch, wir sind Verbündete, dass wir uns gegenseitig beschützen. Und ihr habt uns im Stich gelassen, als uns der Feind angriff.»

Und so mischen sich am Flughafen in Dulles die Gefühle – Gefühle der Erleichterung, aber auch des bitteren Verrats.

Echo der Zeit, 31.08.2021, 18 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Macht euch nicht auf den Weg nach Europa - dieses Signal senden die EU-Innenminister an Flüchtlinge aus Afghanistan. Eine Situation wie im Jahr 2015 wollen sie unbedingt verhindern. Die EU will vorerst keine konkreten Zusagen zur Aufnahme von Menschen aus Afghanistan machen. Anreize zur illegalen Migration sollten vermieden werden. Nachbar- und Transitstaaten sollen finanzielle Hilfen von der EU bekommen, wenn sie sich zur Aufnahme von afghanischen Flüchtlingen bereit erklären.
  • Kommentar von Arnold Weiss  (A.Weiss)
    Die Afghanen wurden nicht von den USA verraten. Der afghanische Sicherheitsapparat wurde über ein ganzes Jahrzehnt von der schlagkräftigsten Armee der Welt ausgebildet sowie finanziell und materiell von diesen unterstützt. Die afghanische Armee war wohl besser ausgerüstet als unsere Schweizer Armee. Wenn schon, dann wurden die Afghanen von ihrem eigenen Sicherheitsapparat und Establishment verraten. Nach 20 Jahren soll und darf auch mal Schluss sein mit den Engagement der Amerikaner.....
    1. Antwort von robert mathis  (veritas)
      Herr Weiss ich habe den gleichen Gedanken,es sind nicht die Amerikaner die versagt haben es sind die eigenen Leute die übergelaufen sind oder sich nur zum eigenen Nutzen den Amerikanern angeschlossen hatten und nun das wahre Gesicht zeigen.Wie ich gelesen habe wäre die Pakistanische Armee den Taliban mengenmässig und technisch überlegen gewesen und hätten das Land nicht kampflos übergeben müssen.Ich denke nicht dass all die Geflüchteten in Zukunft glücklicher werden in einer ganz anderen Kultur
  • Kommentar von Patrick Janssens  (patrickjanssens)
    Was mich erstaunt ist die sehr grosse anzahl von Helfer und Helfershelfer die die USA und Coalition of the Willing dort hatten.
    Die die in den USA ankommen gehen einem schweren Leben entgegen: Krankenkasse? Arbeit? Sozialhilfe? Die enden als mit minimum bezahlte Hilfsarbeiter in Minijobs. Armut und Entbehrung ihre Zukunft. Sie haben ihr Leben gerettet, aber nur dies und nichts mehr.