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Prekäre Situation für afghanische Flüchtlinge in der Türkei
Aus 10 vor 10 vom 18.08.2021.
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Afghanistan-Türkei Die Türkei spielt ihre Karten in der drohenden Flüchtlingskrise

Millionen Afghanen wollen ihr Land verlassen. Die Türkei könnte von der Situation profitieren, die Flüchtlinge nicht.

Sie stehen morgens um 6 Uhr im Stadteil Küçüksu auf der asiatischen Seite Istanbuls: Afghanische Männer auf der Suche nach einem Tagesjob. Der bringt im besten Fall 170 bis 200 Lira, umgerechnet nicht einmal 20 Franken am Tag. Wohlgemerkt für neun Stunden als Bauarbeiter oder Gärtner – natürlich schwarz.

Es ist ein Heer afghanischer Migranten, das seit Tag und Jahr die Türkei bevölkert, schon vor der Machtübernahme der Taliban, ohne Ausweisdokumente und Aufenthaltserlaubnis – jederzeit abschiebbar. Wohin, fragt man sich heute, da Millionen von weiteren Afghaninnen und Afghanen lieber heute als morgen ihre Heimat verlassen wollen?

Türkei baut Schutzwall gegen Flüchtlinge

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Die Türkei will die afghanischen Flüchtlinge nicht. Sie baut einen Schutzwall aus Beton – ganz ähnlich wie Donald Trump damals in Arizona und New Mexico. Der Wall soll die 534 Kilometer lange Grenze zwischen der Türkei und dem Iran möglichst abschliessen – am besten hermetisch. Denn die Türkei will nicht noch einmal «Safe Haven» werden für Flüchtlinge, wie schon einmal im syrischen Bürgerkrieg. Auch nicht mit Milliarden aus Brüssel.

Sogar die sonst so auf sanfte Töne bedachte Opposition schiesst scharf: «Die Türkei darf kein offenes Flüchtlingsgefängnis für Hunderttausende vor den Taliban flüchtende Afghanen werden.» Das sagt niemand weniger als der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei (CHP). Die Partei von Kemal Kılıçdaroglu beherrscht die Rathäuser fast aller türkischen Grossstädte, Ankara und Istanbul eingeschlossen, schlägt aber eine kompromisslose Haltung ein: «Sie werden Euer Leben, Euren Frieden in Euren Wohnquartieren aufwiegen mit Geld, um wieder neue Flüchtlinge anzusiedeln.»

Im Fokus der Debatte steht ein neuer Flüchtlingspakt, den europäische Staaten jetzt schon vorbereiten, damit die Türkei erneut zum Bollwerk gegen einen Strom von Menschen wird, die ihr Heil eben dort in Europa suchen. Fast schon scheinen die Zeichen umgedreht, in diesem brandheissen türkischen Sommer.

Die Opposition bläst auf die noch vielen Brände, welche die türkische Mittelmeerküste in den letzten Wochen heimgesucht haben und kritisiert die Regierung, unfähig zu sein. Gleiches wird jetzt in der Afghanistan-Krise versucht und Ströme von afghanischen Flüchtlingen an die Grenzen der Türkei mit dem Iran werden skizziert. Noch aber bleiben sie aus.

Legende: Afghanische Flüchtlinge wollen über die türkisch-iranische Grenze in die Türkei fliehen. Keystone

All das mag vorzeitiges Wahlkampfgetöse sein, ein Versuch, Präsident Recep Tayyip Erdogan irgendwann aus dem Amt zu jagen. Gleichzeitig aber wird der soziale Neid in einer von der Wirtschaftskrise tief gezeichneten Gesellschaft befeuert. Erst am 12. August wütete ein Mob durch die Strassen von Ankara und verwüstete Geschäfte und Autos von Syrern. Dies nur, weil den Medien zufolge ein 18-jähriger Türke angeblich von einem Syrer erstochen wurde. Der Krieg zwischen Armen – in der Türkei wird er erbarmungslos angestachelt und geführt.

Der Flughafen Kabul könnte Gold wert sein

Die türkische Regierungsspitze hat nur noch einen Trumpf in der Hand, um das Blatt zu wenden. Das Angebot der Amerikaner, den Türken, die jetzt schon militärisch präsent sind, nach dem überhasteten Abzug die Sicherheit auf dem Internationalen Flughafen von Kabul zu übertragen. Dieses Angebot kann Gold wiegen – auch wenn eine Realisierung dieses Mandats noch in weiter Ferne steht.

Doch sollte es Präsident Erdogan schaffen, mit den neuen Herrschern in Kabul handelseinig zu werden, dann könnte künftig die Sicherung und geordnete Ausreise afghanischer Mitarbeiter der Koalitionsstreitkräfte und internationaler Organisationen gewährt werden. Die USA würden den Türken dafür sicher viel Geld bezahlen.

Im Gegenzug könnten die Türken die Schliessung der Grenzen zum Irak und Pakistan aushandeln. Das wäre auch im Interesse der Taliban, die so einen weiteren «Brain-Drain» verhindern könnten. Und die Türkei könnte den befürchteten afghanischen Flüchtlingsstrom Richtung Europa im Entstehen stoppen. Was immer das auch für die Afghaninnen und Afghanen im eigenen Land heisst, die Türkei und letztlich Europa wären vor weiteren sozialen und politischen Verwerfungen in ihrem Hoheitsgebiet verschont.

Die über eine halbe Million afghanischen Migranten in der Türkei würden mittelfristig wieder zurückgeschafft werden – auch wenn ihr Land zum kulturellen und sozialen Gefängnis wird. Die geografischen Nachbarn blieben von einer weiteren Flüchtlingswelle aus Afghanistan verschont.

10 vor 10, 18.08.2021, 21:50 Uhr

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Manuel Elmer  (Melmer)
    Immer wieder "eindrücklich" &vielsagend, wenn sogar bspw. TUR DERART Mühe mit (&grosse Vorbehalte ggü.) Syrern &Afghanen hat. Aber Europa (und dazu zähle ich die Türkei nicht) soll problemlos weitere Mill. von ihnen aufnehmen? Wenn es offenbar sogar für TUR ein grosses Problem darstellt, Leute aus Ländern zu integrieren, die ihrem wertemässig und kulturell (zum. ja wohl Syrien) sehr nahe stehen? Wie soll das dann in EUR besser klappen? DASS es das nicht tut, sollte inzwischen JEDEM klar sein...
  • Kommentar von Aaron Davis  (aaron.davis)
    Die Flüchtlinge sollten dahin, woher der Krieg stammt, die USA. Wie kann es sein, dass die USA immer wieder Kriege anfängt aber alles was sie davon mitbekommen ist, dass die Kriegsindustrie profitiert? Wer einen Krieg in einem anderen Land anfängt muss auch die Flüchtlinge aufnehmen, die dieser Krieg verursacht!
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Wieso sollen Vertreter einer anderen Nation den Flughafen eines anderen souveränen Staates sichern? Gibt es ähnliche Beispiele? Kann mir das jemand erklären? Oder habe ich was falsch verstanden?
    1. Antwort von René Balli  (René Balli)
      Da stellt sich zuerst die Frage; ist Afghanistan wirklich ein souveräner Staat oder nicht eher ein gescheiterter Staat, welcher schon seit einer gefühlten Ewigkeit in der Luft schwebt?
    2. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Kann gut sein, dass Sie etwas nicht verstanden haben, Herr Baron. So musste sich z.B. der dortige Ministerpräsident ins Ausland absetzen, die dortige Armee hat einer grösseren Horde bewaffneter, bärtiger Männer nichts entgegen gesetzt, um die rechtmässige Regierung zu schützen. Weiter versuchen auch verschiedene Nationen, ihr Personal in Sicherheit zu bringen. Darunter auch die Schweiz, die ebenfalls Soldaten dahin geschickt hat, um die Chancen für eine heile Rückkehr des Personals zu erhöhen.
    3. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Aber Sie dürfen gerne versuchen, Ihren nächsten Städteflug dahin zu buchen, Herr Baron.
    4. Antwort von René Baron  (René Baron)
      @Balli: Seit wann ist ein gescheiterter Staat automatisch nicht mehr souverän? Und wenn: was wäre denn so Ihre persönliche Definition, wieviel ein Staat scheitern muss, damit Sie ihm die Sourveränität aberkennen?
      Oder haben Sie einfach was dahergeredet?
    5. Antwort von René Baron  (René Baron)
      @Drack: Ich kann mit ihrer Antwort nichts anfange. Ausserdem tut meine Person nichts zur Sache.
      Übrigens ist meine Frage ernst gemeint und ich finde - sie ist berechtigt. Ich kann sie nun mal nicht intelligenter stellen. Geht einfach nicht ;-)
    6. Antwort von Josef Imboden  (Josi I.)
      @Lothar Drack, könnte gut sein, dass Sie etwas nicht verstanden haben. Die "rechtmässig gewählte Regierung"???
      Die existier möglicherweise nur in Ihrer Gedankenwelt und manch anderen gutgläubigen westlichen Mitmenschen die an Bomben und anschliessend aufgedrückte Demokratiesierung glauben.
      Wie meistens beschäftigt man sich lieber mit den abfallenden Blättern anstelle des Übels in den Wurzeln. Das was heute blüht wurde vor langer Zeit gesäht. Das liegt weit mehr als 20 Jahre zurück.
    7. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Herr Imboden: Sie zitieren mich falsch "rechtmässig gewählte Regierung", von gewählt habe ich nichts geschrieben. Von «Demokratisierung aufdrücken» schon gar nicht.

      Dass hingegen die Gründe für das heutige Desaster «weit mehr als 20 Jahre zurück»liegen, da bin ich völlig einverstanden mit Ihnen. Das habe ich ebenfalls thematisiert, was Sie in gleich mehreren meiner Kommentare der letzten Tage nachlesen können.
    8. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      @Baron: Jetzt versteh ich wiederum Ihre Replik nicht. Wie soll das gehen: «Ausserdem tut meine Person nichts zur Sache», wenn Ihr Ausgangspunkt war «Kann mir das jemand erklären? Oder habe ich was falsch verstanden?»
      Ich hab's zu erklären versucht, kann's aber auch sein lassen.
    9. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      Keine Bange Herr Baron. Türkei wird in Afghanistan nicht durchkommen Dafür wird China sorgen. So wie in Zentralasien wo Russland das Sagen hat. Türkei ist lediglich gelungen ein Bischen an Kaukasus vorrücken in Zusamenhang mit Bergkarabach. Aber es war mit Russland abgesprochen: mit letzten Krieg in Bergkarabach entfernte Russland USA aus Armenien und Türkei beseitigte USA aus Aserbaidschan