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Viel Afghaninnen und Afghanen sind traumatisiert
Aus Echo der Zeit vom 12.08.2021.
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Gewalt und Krieg ohne Ende So versuchen Afghaninnen, mit ihrem Trauma zu leben

40 Jahre Krieg in Afghanistan und keine wirkliche Aussicht auf Besserung lasten auf der Bevölkerung. Sie ist kriegsgeschädigt.

Nosratollah öffnet die Tür eines Seminarraumes in der Universität von Kabul. Das Zimmer ist leer. Die Pulte und Bänke sind fein säuberlich ausgerichtet, nichts erinnert mehr daran, was hier am 2. November letzten Jahres geschah.

Doch Nosratollah gehen die Bilder von damals nicht mehr aus dem Kopf. Durchs Fenster sah er, wie bewaffnete Männer den Campus stürmten. Sie waren in Armeeuniformen gekleidet und bewaffnet. Doch es waren keine Soldaten, sondern Terroristen des sogenannten Islamischen Staates.

Studienkollegen wurden erschossen

«Nur wenig später stürmte einer von ihnen in diesen Raum und schoss um sich», sagt Nosratollah. Seither war der junge Mann nicht mehr hier. Er selber konnte sich hinter seiner Bank in der letzten Reihe verstecken und kam mit einer Verletzung am Arm davon.

Legende: Nosratollah (links) zusammen mit einem Kollegen am Schauplatz des Terrorangriffs an der Universität von Kabul. Nosratollah hatte Glück im Unglück: Er wurde nur am Arm verletzt. srf/Thomas Gutersohn

«Ich habe zusehen müssen, wie meine Studienkollegen in der ersten und zweiten Reihe, einer nach dem anderen zusammensackten.» Seither quälen Nosratollah Alpträume und schwere Atemnöte.

Türkei wird zum Flüchtlings-Brennpunkt

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Viele Afghanen sehen keine Zukunft mehr in ihrem Land und flüchten – oft über Iran in die Türkei. Sie hoffen, von dort aus irgendwie nach Europa zu gelangen. «Ihre Zahl hat sich in letzter Zeit stark erhöht – die Rede ist von mehreren Hundert Afghanen, die derzeit pro Tag aus Iran über die Grenze kommen», sagt der Journalist Thomas Seibert, der in Istanbul lebt. «Es treffen jetzt ganze Flüchtlingstrecks ein.» Schon jetzt befänden sich wohl rund 500'000 Afghanen in der Türkei, ihre Anzahl könnte sich in nächster Zeit verdoppeln, befürchten Experten. «Doch viele Türkinnen und Türken wollen nicht noch mehr Flüchtlinge», so Seibert. Bereits sei es zu ersten Übergriffen von Türken auf Quartiere gekommen, in denen syrische Flüchtlinge leben und geschäften. Betroffen war erst diese Woche eine Strasse in Ankara, wo Syrer ihre Geschäfte haben. «Das zeigt, dass die Stimmung im Land kippt.» Nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise würden Türken und Flüchtlinge immer stärker zu Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, so Seibert. Präsident Erdogan habe das Problem lange ignoriert und sei auf dem falschen Fuss erwischt worden. «Die Regierung hat derzeit kein Konzept, um damit umzugehen.» Angesichts der angespannten Flüchtlingssituation in der Türkei könnte laut Seibert der Druck auf Europa wieder zunehmen. «Es werden noch mehr Afghanen versuchen, mit einem Boot nach Griechenland überzusetzen.» Allerdings habe die Türkei keinerlei Interesse, aktiv dafür zu sorgen, dass möglichst viele Flüchtlinge nach Europa gelangten. «Denn dadurch würde das Land noch viel stärker zu einem Transitland, was wiederum noch mehr Menschen aus allen Herren Länder anlocken würde», bilanziert der Journalist.

Das sei ein bekanntes Symptom, sagt der Psychologe Sharafuddin Azimi in Kabul. «Atembeschwerden sind ein klarer Hinweis auf Panikattacken.» Man habe das Gefühl, man kriege keine Luft mehr und sterbe.

Männer lassen sich nicht therapieren

Azimi behandelt Nosratollah nicht. Wie viele Afghanen nimmt der Student keine psychologische Hilfe in Anspruch. Psychische Probleme seien immer noch ein Tabu in Afghanistan, sagt Azimi. «Erst recht unter den Männern.» Dabei hätten praktisch alle Afghanen und Afghaninnen mit traumatischen Erlebnissen zu kämpfen.

Legende: Laut dem Psychologen Sharafuddin Azimi leiden viele Afghaninnen und Afghanen unter Kriegstraumata. SRF/Thomas Gutersohn

Der Psychologe spricht von Stress, Depressionen oder sogar Zwangsstörungen. Zu den leidenden Afghaninnen gehört auch die Mutter von Rahid Amin. Der Student sass damals bei der Terrorattacke in der ersten Reihe und wurde von den Angreifern erschossen.

Ein Buchladen zu Ehren des ermordeten Sohns

Die Frau sitzt in Kabul in ihrem Buchladen, den sie nach ihrem Sohn benannt hat. Er hatte davon geträumt, nach dem Studium einen Buchladen zu führen. Alles im Geschäft erinnert an den Sohn, im Schaufenster steht ein grosses Bild von ihm – fast wie in einer Gedenkstätte.

Legende: Wahida Sheherzad, die Mutter des ermordeten Rahid, zusammen mit einem von dessen Brüdern im Buchladen in Kabul. Auf dem Tisch ein Bild des erschossenen Rahid. SRF/Thomas Gutersohn

Wahida Sheherzad sagt, Rahid habe den Buchladen allein hergerichtet, die Wände gestrichen. Doch wurde er umgebracht, noch bevor er das Geschäft öffnen konnte. «Jetzt verwirkliche ich seinen Traum», sagt die Mutter. Damit blieben zumindest die Ideen ihres Sohnes am Leben. «Er ist zum Märtyrer geworden.»

Auch dies analysiert der Psychologe Azimi per Ferndiagnose: Sheherzad versuche, ihren Sohn durch den Buchladen zu ersetzen, um ihren Schmerz zu lindern, sagt er. «Indem sie den Wunsch ihres Sohnes erfüllt, wird er unsterblich – ein Märtyrer.»

Taliban rücken weiter vor

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Legende: Reuters

Die Taliban kommen immer näher an die afghanische Hauptstadt Kabul heran. Am Donnerstag fiel die 150 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Gasni im Südosten des Landes an sie. Das bestätigten drei Provinzräte der Deutschen Presse-Agentur. Die militanten Islamisten brachten damit die zehnte von 34 Provinzhauptstädten in weniger als einer Woche unter ihre Kontrolle. Zwei Provinzräte machten dem Gouverneur von Gasni Vorwürfe: Er habe ein geheimes Abkommen mit den Taliban geschlossen und so die Stadt praktisch an die Islamisten ausgeliefert. Der Gouverneur wurde auf seiner Fahrt nach Kabul denn auch in der Provinz Wardak festgenommen, wie das afghanische Innenministerium bestätigte. Gründe wurden aber keine angegeben. Gasni hat etwa 180'000 Einwohner und liegt an der wichtigen Ringstrasse, die die grössten Städte des Landes verbindet. Aufgrund ihrer Nähe zu Kabul hatten die Taliban bereits öfter versucht, diese einzunehmen. Heftig umkämpft sind offenbar auch Herat im Westen – laut neusten Berichten soll die Stadt inzwischen an die Taliban gefallen sein – und Kandahar im Süden Afghanistans.

Die US-Botschaft schrieb am Donnerstag auf Twitter, sie habe von weiteren Exekutionen von Soldaten gehört, die sich ergeben hatten. Das sei «zutiefst beunruhigend» und könnte Kriegsverbrechen darstellen. Sie verurteilte zudem die rechtswidrige Festnahme mehrerer Mitglieder der afghanischen Regierung durch die Taliban, darunter sowohl zivile Führer als auch Offiziere der afghanischen Nationalen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte. (dpa)

Märtyrertum statt Trauer

Aus der Sicht des Psychologen ist die in Afghanistan weit verbreitete Idee des Märtyrertums nichts anderes als eine psychologische Verarbeitungsstrategie. «Anstelle von Trauer entwickeln die Hinterbliebenen der Opfer von Terrorattacken oft Stolz, um den Schmerz zu lindern oder ihn vielleicht sogar zu übertünchen.»

Statt einer psychologischen Betreuung würden sie ein Bild des Verstorbenen aufstellen, der so zur Ikone werde – wie im Fall der Buchladenbesitzerin Sheherzad. Auch sie wird versuchen, allein mit dem Verlust ihres Sohnes klarzukommen.

Sie wird – wie viele andere Afghaninnen und Afghanen – keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Um zumindest die Träume ihres Sohnes am Leben zu erhalten, betreibt sie den nach ihm benannten Buchladen.

SRF 4 News, Echo der Zeit vom 12.8.2021, 18:00 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Christen  (Roeschi)
    Die Verlierer sind die Frauen, welche in die Schulen gegangen sind und nun nicht mehr dürfen. Ich hege den Verdacht, dass die Mehrheit der männlichen Bevölkerung den Islamismus befürworten. Ist doch toll, die können sich ein paar Frauen zulegen, welche ihnen noch gehorchen müssen. Ohne den Rückhalt in der Bevölkerung hätten die Taliban niemals so schnell so viele Gebiete kontrollieren könne, Deshalb bin ich auch ganz klar der Meinung, dass nur weibliche Flüchtlinge aufgenommen werden dürfen.
    1. Antwort von Schmidhauser Beat  (schmidi)
      @ (Roeschi) Da bin ich anderer Meinung. Es gibt auch einen beachtlichen Teil der weiblichen Bevölkerung, der streng religiös ist und die Taliban befürwortet. Aber dies ist nicht der Punkt. Wenn sie helfen wollen, dann können sie nicht wählen. Geschlecht, Hautfarbe, Religion ect. darf kein Kriterium bei Kriegsflüchtlingen sein. Wir sollten Familien helfen, zusammen zu bleiben satt sie auseinander zu reissen. Und vor allem sollte die CH aufhören, Menschen nach Afgahnistan auszuschaffen.
    2. Antwort von Schmidhauser Beat  (schmidi)
      Korrigiere: Hab grad gelesen dass die CH seit vorgestern keine weiteren Menschen nach Afgahnistan auszuschafft.
  • Kommentar von Janusz Kaltenbacher  (anti_sozialist)
    Das ist nun nicht mehr die Sache des Westens. Die grosse Mehrheit der Afghanen wollten die Taliban, sonst könnten diese nicht das ganze Land erobern. Da ist jetzt deren Sache im Mittelalter zu leben. Eine Veränderung kann nur von innen und nicht von aussen kommen. Die sollen uns einfach in Ruhe lassen und nicht zu uns kommen.
    1. Antwort von Marc Rocca  (Indiana)
      genau da liegt das Problem... die Produzieren einen Grossteil der Drogen für die westliche Welt.
    2. Antwort von Janusz Kaltenbacher  (anti_sozialist)
      Marc Rocca und nicht wieder auch einen bedeutenden Teil des internationalen Terrorismus und des islamischen Extremismus wie bis 2001? Islamitische Terroristen werden wieder in Afghanistan Anschlagspläne auf den Westen planen. Ausbildungscamps, die fast totgeglaubte El Kaida wird wieder auferstehen, der IS auch und die zentralasiatischen Republiken der GUS werden durch Afghanistan bedroht werden, wie bereits in den 1990er Jahren, als Islamisten aus Afghanistan nach Tadschikistan kamen.
    3. Antwort von Hanspeter Schwarb  (Ganymed)
      Herr Kaltenbacher, die Islamisten bedrohten Tadschikistan nicht erst seit den 90er . Es begann als die Volks Mujadeddin die Regierung stürzte Ende 70er. Als die Sowjets Afghanistan angriffen haben wir uns empört. Man greift ja auch nicht einfach ein Land an. Wir haben uns nie die Frage nach deren Grüde gestellt Die USA hat einfach die Mudjaheddin unterstützt. Ihnen waren Radikale Islamisten lieber als eine sozialistische Regierung wie zuvor. Tadschikistan gehörte damals übrigens zur UDSSR
    4. Antwort von Janusz Kaltenbacher  (anti_sozialist)
      Hanspeter Schwarb, das stimmt nicht, in den 70er und 80er Jahren wurde Tadschikistan (damals Teil der UdSSR) nicht von Afghanistan oder den Mujadeddin bedroht. Das änderte sich erst mit dem Aufkommen der Taliban.
    5. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Es gibt auch sehr viele die nicht so leben wollen. Nur weil die Taliban auf den Vormarsch sind heisst das doch nicht , dass die Bevölkerung sie unterstützt. Viele wollen einfach nur am Leben bleiben.
      Wenn die Terroranschläge in Europa wieder zunehmen sehen Sie es wahrscheinlich anders.