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Erdogan will auch eine Mauer gegen Flüchtlinge bauen
Aus SRF 4 News aktuell vom 17.08.2021.
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Grenzmauer zur Türkei «Wenn jetzt noch mehr Afghanen kommen, gerät Erdogan unter Druck»

Mit einer Mauer an der Grenze zu Iran bereitet sich die Türkei auf die vielen Flüchtlinge aus Afghanistan vor. Die Idee einer ausgebauten Grenzbefestigung ist nicht neu. Aufgrund der Ereignisse und der erwarteten Fluchtbewegungen fördert die Türkei nun aber den Bau. Einschätzungen des Journalisten Thomas Seibert vor Ort.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Journalist in der Türkei

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Thomas Seibert ist seit 1997 Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF.

SRF News: Warum forciert Erdogan nun die Grenzbefestigung gegen Iran?

Thomas Seibert: Es ist ein Signal nach innen. In der türkischen Bevölkerung wächst der Unmut über die vielen Flüchtlinge im Land. Es sind bereits 3,6 Millionen Syrer und geschätzt eine halbe Million Afghanen. Wenn jetzt noch mehr Afghanen kommen, gerät Präsident Erdogan unter Druck. Er will mit der Beschleunigung des Mauerbaus zeigen, dass er die Botschaft der Wähler verstanden hat.

Wie soll die Grenzbefestigungen aussehen?

Das sind grosse Betonmodule, die aneinandergereiht werden. Sie sind drei Meter hoch und zwei Meter siebzig breit. Ausserdem wird ein Graben von vier Metern Tiefe angelegt. Die Türkei installiert zusätzlich Wachttürme, Wärmebildkameras und setzt Überwachungsdrohnen ein.

Falls doch jemand durchkommt, so der türkische Verteidigungsminister, stünden die Armee, die Gendarmerie und die Polizei bereit.

Falls doch jemand durchkommt, so der Verteidigungsminister, stünden die Armee, die Gendarmerie und die Polizei bereit. Die Grenze geht teilweise durch sehr gebirgiges Gebiet. Bisher gab es dort eher ein Schmuggelproblem als ein Flüchtlingsproblem. Der Schmuggel wurde eigentlich toleriert. Doch diese neue Militarisierung der Grenze richtet sich gegen die Flüchtlinge.

Bis wann soll der Bau abgeschlossen sein?

Bisher stehen rund 160 Kilometer dieser Mauer. Sie soll möglichst schnell auf 300 Kilometer verlängert werden. Selbst dann wären aber immer noch mehr als 200 Kilometer entlang der Grenze zu Iran übrig.

Die Grenze zwischen Iran und der Türkei verläuft durchs Gebirge
Legende: Die Grenze zwischen Iran und der Türkei verläuft durchs Gebirge Rund 600 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Iran und der Türkei. Keystone

Es gäbe neben Grenzbefestigungen und Rückführungen auch die Strategie, mit Iran zu verhandeln. Immerhin sind für Afghanen Tausende Kilometer bis zur türkischen Grenze zu gelangen. Verhandelt Erdogan mit Iran?

Es gibt keine offiziellen Informationen über solche Gespräche. Die wären nicht ganz einfach. Erstens hat der Iran andere Interessen in Afghanistan als die Türkei. Zweitens: Selbst wenn die Türkei den Iran dazu bringen könnte, die iranische Grenze zu Afghanistan zu schliessen, wäre aus türkischer Sicht das Problem nicht gelöst.

Erdogan versucht auch, mit den Taliban ins Gespräch zu kommen. Er hat gesagt, er sei bereit, die Führung der Taliban in der Türkei zu empfangen.

Denn im Iran leben mehr als zwei Millionen afghanische Flüchtlinge. Die könnten im Grunde jeden Moment in Richtung Westen weitermarschieren. Für die Türkei wäre eine Einigung mit dem Iran möglicherweise wünschenswert, aber nicht das Ende der Probleme. Erdogan versucht deswegen auch mit den Taliban selbst ins Gespräch zu kommen. Er hat gesagt, er sei bereit, die Führung der Taliban in der Türkei zu empfangen. Aber die Erfolgsaussichten stehen nicht besonders gut, weil die Taliban im Moment keinen Grund haben, irgendwelche Kompromisse einzugehen.

Es wird ein paar Monate dauern, bis die Mauer gebaut ist. Reicht das, um die afghanischen Flüchtlinge abzuhalten?

Nein. Alle Erfahrung lehrt, dass Mauern Flüchtlinge vielleicht die Flucht erschweren, aber sie nicht unmöglich machen. Bisher haben es Schlepper und Flüchtlinge immer noch verstanden, entweder Mauern zu überwinden, zu untergraben oder zu umgehen. Erdogan kauft sich mit der Mauer Zeit. Er zeigt Tatkraft. Aber im Grunde genommen löst er damit das Problem nicht, er erschwert es.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

SRF 4 News, 17.08.2021, 06:20 Uhr;

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Arthur Meili  (Arthur Meili)
    Wo immer ein Konflikt auf der Welt ausbricht, dann fuehlt sich der (kleine) Westen verpflichtet, fluechtende Menschen aufzunehmen, das ist doch schon Groessenwahn. Der Westen, wie auch jedes andere Land, ist doch primaer verantwortlich fuer seine eigenen Buerger und nicht fuer Milliarden Weltbuerger.
  • Kommentar von Patrick Janssens  (patrickjanssens)
    Man spricht immer über Flüchtlinge, es gibt zig Millionen davon auf der Welt.
    Niemand bekämpft die Ursachen.
    Da müssen wohl eine ganze Menge Menschen sein die der Überzeugung sind dass Mauern, Stacheldraht und Flüchtlingslager, sowie Rückführungsflüge billiger, einfacher und effizienter sind. Der Erfolg dieser Denkweise ist aber nicht ersichtlich.
    1. Antwort von Maciek Luczynski  (Steine)
      "Niemand bekämpft die Ursachen."
      Ursachen wären eine globale Korruption und Ausbeutung.
      Wir in den führenden Ländern sind die Nutzniesser davon.
      Und können uns so bei uns Demokratie und Menschenrechte (für uns) leisten.
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    84,17 Mio Stand der Bevölkerung im 2020 in der Türkei. 4.1 Mio Geflüchtete aus Syrien/Afghanistan bedeuten 4,87% der Bevölkerung müssen zusätzlich ernährt werden. Obwohl Erdogan Geld erhält um diese Menschen zu versorgen, kann man sich vorstellen was passiert, sobald er die Grenzen öffnet. Ich vermute in der Türkei leben zusätzlich Illegale. Europa muss sich zwingend in den umliegenden Ländern von Afghanistan an den Kosten beteiligen. Früher oder später werden Klimaflüchtlinge noch dazu kommen.
    1. Antwort von Maciek Luczynski  (Steine)
      "Früher oder später werden Klimaflüchtlinge noch dazu kommen."

      Die Niederländer, Ostfriesen, Griechen, Italiener ....?
    2. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Die Menschen aus den Ländern, in denen Dürre den Boden unfruchtbar macht, deren Zuhause vom Meer überflutet werden. Nicht gewusst? Wohl ein Fensterplatz inne.
    3. Antwort von Daniel Bucher  (DE)
      Die Niederländer leben schon heute teilweise unter dem Meeresspiegel - un das gar nicht schlecht.
    4. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Die Niederländer haben auch das Geld zum Dämme bauen. Ohne diese wäre wohl nicht mehr so viel Festland vorhanden.