Der heute 40-jährige Alexandr Polupan hat vor seiner Flucht als Arzt auf der Intensivstation des Burdenko-Instituts für Neurochirurgie in Moskau gearbeitet, Russlands bester Nervenklinik.
Als Alexei Nawalny im August 2020 auf einem russischen Inlandflug zusammenbrach, alarmierte Nawalnys Team auch Polupan, der durchsetzen konnte, dass Nawalny nach Berlin gebracht wurde.
Heimliche Ausreise aus Russland
2023 gab er dem exilrussischen Medienportal Medusa detailliert über die damaligen Vorgänge Auskunft. Er verletzte damit ein Schweigegebot des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Kurz darauf konnte Polupan nicht mehr aus Russland ausreisen.
Bei einer Rückkehr nach Russland würde ich wohl verhaftet.
Der FSB hatte ihn im Visier. Schliesslich gelang ihm an einem Grenzübergang die Ausreise, weil er auch einen israelischen Pass besitzt. «Ich glaube nicht, dass ich auf einer Todesliste stehe. Aber bei einer Rückkehr nach Russland würde ich wohl verhaftet», sagt Polupan.
Polupan plante ein neues Leben in Lettland. Dort spricht etwa ein Drittel der Bevölkerung in den eigenen vier Wänden Russisch. Er fühlte sich wohl in dem kleinen baltischen Land, hatte Freunde.
Lettland macht Druck auf Russen im Land
Aber Lettlands Regierung sieht seit Putins Angriff auf die Ukraine in der russischsprachigen Minderheit eine existenzielle Gefahr. Seit Anfang des Jahres wird Russisch an den Schulen nicht mehr unterrichtet.
Und wer einen russischen Pass besitzt, muss bereits seit 2022 Grundkenntnisse in Lettisch nachweisen, einen Sicherheitstest bestehen oder das Land verlassen.
Polupan lernte während dreier Jahre Lettisch, er wollte unbedingt weiter als Intensivmediziner arbeiten. Die lettischen Sprachregeln hält er für legitim.
Doch im vergangenen Jahr machte ein neues Sicherheitsgesetz seine Hoffnungen zunichte: Wer einen russischen Pass besitzt, darf neu nicht mehr in einer für die Sicherheit des Landes kritischen Infrastruktur, dazu gehören auch Spitäler, arbeiten.
Mein Beruf ist für mich Berufung – und meine Verlobte arbeitet bereits in der Schweiz – in einem medizinischen Startup.
Den russischen Pass kann man aber nicht ohne Weiteres abgeben. Das dauere Jahre, falls Moskau eine Rückgabe überhaupt akzeptiere, sagt Polupan.
Er hat Verständnis dafür, dass sicherheitsrelevante Berufe nur Menschen mit einem lettischen Pass offenstehen oder gewisse Jobs bloss für EU-Bürger. Aber dass explizit nur russische Staatsbürger ausgeschlossen werden, hält er schlichtweg für Diskriminierung.
Schliesslich hätten sich auch Russischsprachige 1991 für Lettlands Unabhängigkeit eingesetzt.
Polupan will in der Schweiz arbeiten
Jetzt lernt der Intensivmediziner Deutsch. Er möchte in die Schweiz und hat seine Abschlüsse bereits bei der Medizinalberufekommission eingereicht. Polupan hofft, dass er binnen acht Monaten erste Stellenbewerbungen einreichen kann.
Warum die Schweiz? «Mein Beruf ist für mich Berufung», sagt er. «Und meine Verlobte arbeitet bereits in der Schweiz – in einem medizinischen Startup.»
Polupan ist sich auch sicher, dass die Schweiz nicht über Nacht Gesetze wie in Lettland verabschieden werde. Er will in die Schweiz, obwohl er sich kulturell in Lettland wohler fühlen würde.
Oder doch zurück nach Russland? «Nicht mal nach Putins Tod», sagt er. Hunderttausende Russen seien in diesen Krieg involviert, hätten Verbrechen begangen oder den Krieg unterstützt.