In Deutschland wird gejammert und geklagt. Doch wie ergeht es jenen, die dort erfolgreich Stellung halten, wo’s besonders harzt? Vier Beispiele.
Eine kleine Retro-Bäckerei macht Furore
Morgens um 6 Uhr liegen die Schrippen im 70er-Jahre-Steinofen, die Splitterbrötchen auf dem Holzbrett: von Hand gebacken nach altem DDR-Rezept von einem jungen Team um Marvin Hacker. Hacker im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg ist eine der letzten Ost-Bäckereien, die Backstube mit blassblauen Kacheln ein echtes Bijoux.
Die finden es toll, dass es so was noch gibt und wir überlebt haben.
Das Bäckerhandwerk ist härter, als es Brötchen je sein dürfen: hohe Energiepreise, Personalmangel. Viele Bäckereien gehen ein, Hacker aber floriert. Das hat auch damit zu tun, dass Vater Thomas auf Instagram durchgestartet ist. Seine Meistergeschichten seien «ein echter Gamechanger», sagt Sohn Marvin.
Viele kommen deswegen in die Bäckerei. Auf sein Erfolgsrezept angesprochen, sagt Thomas Hacker: «Die finden es halt toll, dass es so was noch gibt und wir überlebt haben.»
Auch Hackers mussten hart kämpfen. Erst rannten nach dem Mauerfall alle in den Westen, später blieb die Kundschaft aus wegen der Sanierung des Gebäudes. Doch sie gaben nicht auf. Das Wichtigste aber: Sohn Marvin übernahm nach Papa und Opa mit viel Leidenschaft das Geschäft. «Ein echter Glücksfall – fast wie ein Sechser im Lotto», sagt Vater Thomas.
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Bild 1 von 6. Marvin und Thomas Hacker führen die Familienbäckerei gemeinsam in die Zukunft. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 2 von 6. Marvin Hacker und Mitarbeiter Tony formen von Hand Splitterbrötchen nach altem Rezept. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 3 von 6. In der Backstube werden die Brötchen noch im alten Steinofen gebacken. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 4 von 6. Die süssen Fernsehtürmchen kommen vor allem bei Touristen gut an . Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 5 von 6. Meister Thomas Hacker, Kosenamen «Hacki», gab die Backstube aus gesundheitlichen Gründen an den Sohn weiter. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 6 von 6. Die Ost-Berliner Traditionsbäckerei Hacker im Prenzlauer Berg. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
«Die Rezepte von meinem Opa und meinem Vater weiterzutragen, ist einfach schön», sagt Marvin. Dass Bäcker so oft über ihre schwierige Lage klagen, stört die beiden. «Es wird viel gemeckert, das stimmt schon», sagt Vater Thomas, und Marvin: «Vielleicht manchmal ein klein bisschen herunterdrehen und auch ’mal ein paar positive Aspekte bringen.»
Die Sanierer der A3 trotzen Hitze und Beleidigungen
Die A3 von Nordwest nach Südost ist eine Lebensader im Autobahnnetz mit Verkehr ohne Ende. Mitten im Hotspot bei Bonn/Siegburg erneuern die Strassenbauer auf sechs Kilometern Unterbau, Asphalt und Kanal.
Es kommt auch mal ein Paket Eier aus dem Fenster geflogen.
Die Männer kämpfen mit 40 Grad Rekordhitze, oft stehen sie selbst im Stau, und «zum Dank» schleudern immer mal wieder Autofahrer Gegenstände in ihre Richtung. «Es kommt auch mal ein Paket Eier aus dem Fenster geflogen», sagt Strassenbauer Gerd Limbach.
Strassenbaumeister Andreas Siemens beobachtet auch bei anderen Baustellen völliges Unverständnis der Bevölkerung: «Da wird rumgeschimpft und beleidigt.» Dabei sind Strassen und Brücken in Deutschland in einem desolaten Zustand. Der Sanierungsstau geht auf das Konto der untätigen Politik. Just jene, die jetzt an der Zukunft der Infrastruktur bauen, werden dumm angemacht.
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Bild 1 von 3. Gerd Limbach, Eric Weller und Andreas Siemens auf der XXL-Baustelle an der A3. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 2 von 3. Auf der Autobahn bei Bonn/Siegburg erneuern Strassenbauer Fahrbahn und Unterbau. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 3 von 3. Andreas Siemens koordiniert die Teil-Sanierung der A3 im Planungsbüro der Firma Dr. Fink-Stauf. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
Der Job ist harte körperliche Arbeit, und wer finanziell nicht vorsorgt, kann später von der gesetzlichen Rente nicht leben. Dennoch wollten viele sogar über das Rentenalter hinaus arbeiten. Sie würden sich sorgen, in ein Loch zu fallen, so Personalreferentin Alischa Selbach von der Tiefbaufirma Dr. Fink-Stauf.
Immerhin: Das Resultat ihrer Arbeit ist eine Befriedigung für die Strassenbauer. Bauleiter Nico Schmitz sagt es so: «Was das Allerschönste ist: Am Ende fährt man durch die Gegend und sieht, was man geschaffen hat».
Zugchef bei der DB: «Bei Stress blühe ich auf»
Kaum etwas steht so symbolisch fürs Systemversagen in Deutschland wie der Fernverkehr der Deutschen Bahn. Züge sind unpünktlich oder bleiben liegen – auch für die Angestellten ist das eine Zumutung. Lange Schichten, auswärts übernachten, obendrauf Verspätungen. Der Berliner René Bäselt holt seit vielen Jahren als Zugchef für die DB die Kohlen aus dem Feuer.
Ich bin genauso gefangen wie alle andern auch.
Wenn Stress aufkommt, dann blühe er auf. Aber wenn’s nicht läuft, kann er oft nichts tun und das würden viele Passagiere nicht verstehen. «Ich bin genauso gefangen wie alle andern auch», sagt René Bäselt, Zugchef und Gewerkschafter GDL.
Sicherheit ist ein zunehmend belastendes Thema: Der 55-Jährige wurde selbst schon verletzt: Ein Schwarzfahrer verdrehte ihm das Handgelenk. Da kam ihm im voll besetzten Zug kaum einer zu Hilfe. Inzwischen werden Bodycams und stichsichere Westen getestet: «Dafür bin ich nicht zur Bahn gekommen, um mich so schützen zu müssen, um noch lebend nach Hause zu kommen.»
Auch Joachim Poier hält die Stellung im Zug: In der Regionalbahn Arverio in Bayern ist er stets gut gelaunt unterwegs. Dabei wurde er schon angespuckt und geschlagen. Er bedauert aber auch, dass immer weniger Leute zurückgrüssten. Viele seien einfach zu negativ. «Seien Sie doch froh, dass der Zug fährt, er könnte ja auch komplett ausfallen.»
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Bild 1 von 2. Kundenbetreuer Joachim Poier unterwegs im Regionalverkehr von Arverio in Bayern. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 2 von 2. René Bäselt begegnet seinen Fahrgästen auch nach schwierigen Erlebnissen mit guter Laune. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
Leute wie Joachim Poier und René Bäselt halten den Laden Deutschland am Laufen. «Alle, die im Servicebereich arbeiten, reissen sich den Arsch auf.» Deshalb ärgert sich René Bäselt auch über Kanzler Friedrich Merz, der verlangt, die Deutschen müssten mehr arbeiten. «Sich als Bundeskanzler hinzustellen und die Leute als faul zu bezeichnen … Ich finde das unter jeder Sau.»
Aller Schwierigkeiten zum Trotz: Der Berliner ist gerne Zugchef. «Beim Stress blüh' ich auf», erklärt Joachim Poier. Es sei die Wertschätzung der Leute, die ihn antreibe. Wer sonst bekommt schon ein spontanes Ständchen von einem Chor im Zug? So geschehen einst bei einer Zugfahrt.
Ehrenamtler retten sich und die Demokratie
Ein kleiner Freizeitzug in Oberschwaben, gefühlt nach nirgendwo, an Bord lauter ehrenamtlich Engagierte: Heinz Oswald, 64, lässt sich gerade von Tobias Krom, 38, zum Lokführer ausbilden, Felix Kieferle ist Zugbegleiter auf der Fahrt durch Felder und Wiesen. Weil es keine Schranken gibt, pfeift der Zug andauernd.
Bei all dem Wehklagen ist es zielführend, sich an den Dingen zu freuen, die funktionieren.
Die 20 Kilometer kurze Strecke wurde einst eingestellt, aber der Förderverein Räuberbahn erweckt sie zu neuem Leben. Die Bahnfans wollen im autolastigen Baden-Württemberg im Sinne der Mobilitätswende Schienenkilometer retten. «Es muss vorangehen, wir können nicht dauernd nur Autofahren», sagt Heinz Oswald. «Bei all dem Wehklagen ist es zielführend, sich an den Dingen zu freuen, die funktionieren.»
Ihr ehrenamtliches Engagement leistet aber noch mehr: In Zeiten multipler Krisen würden sich viele ins Private zurückziehen. Eine Verdrängungsstrategie, analysiert Psychologe Stephan Grünewald in seinem Buch. Nur: Probleme, mit denen man sich nicht befasste, würden bedrohlicher wirken. Man sei dann anfällig für Fake News.
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Bild 1 von 4. Tobias Krom (links) und Heinz Oswald engagieren sich für den Erhalt der Räuberbahn. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 2 von 4. Heinz Oswald (links) lässt sich von Tobias Krom zum Lokführer ausbilden. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 3 von 4. Felix Kieferle engagiert sich ehrenamtlich als Zugbegleiter bei der Räuberbahn. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
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Bild 4 von 4. Mit Jazzkapelle an Bord wirbt die Räuberbahn für die Zukunft der Schiene. Bildquelle: SRF/Simone Fatzer.
Die Demokratie aber braucht Vertrauen. Wenn sich also Gleichgesinnte wie die Bähnler für die Gesellschaft engagieren, ist das sinnstiftend und es gibt Zuversicht; Selbstwirksamkeit ist das Zauberwort.
Die Handwerksbäcker, die Strassenbauer, die Zugbegleiter und die Ehrenamtlichen verbindet eines: Sie alle sorgen dafür, dass Deutschland auch dort vorwärtskommt, wo es gerade besonders unter Druck steht.