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Chinas ganz eigener Umgang mit «Black Lives Matter»
Aus SRF 4 News aktuell vom 25.06.2020.
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«Black Lives Matter»? Chinas «Mohrenkopf»-Affäre – und wie das Land damit umgeht

Ein Zahnpasta-Logo erhitzt die Gemüter: Die Rassismus-Debatte hat China erreicht – jedoch anders als hierzulande.

Die «Black Lives Matter»-Proteste dominieren seit Wochen die Schlagzeilen. Wie ein Lauffeuer haben sie sich quer über den Globus verbreitet. In Buenos Aires, Berlin, Zürich, ja sogar in Tokio demonstrierten abertausende Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA.

Oft vermischte sich der Protest mit einem Aufschrei gegen Missstände im eigenen Land. So etwa in der arabischen Welt, wo Aktivisten die Diskriminierung von Afro-Arabern anprangerten:

Aus China hörte man hierzulande aber kaum etwas über Proteste. Zumindest nicht von solchen auf der Strasse. Und das nicht ohne Grund, wie SRF-Korrespondent Martin Aldrovandi berichtet: «Offizielle Demonstrationen sind in China schwierig und werden kaum toleriert.»

Die Sensibilität, die es im Westen gibt, ist in China wenig vorhanden.
Autor: Martin AldrovandiSRF-Korrespondent in China

Diskutiert werde aber durchaus, vorab in den sozialen Medien. Und das auf überraschende Weise: «Viele Chinesinnen und Chinesen, auch in meinem Bekanntenkreis, kritisieren eine überbordende politische Korrektheit. Sie finden, dass der Westen das alles irgendwie nicht im Griff hat.»

Sinnbild davon: Chinas ganz eigene «Mohrenkopf-Affäre». Dabei geht es nicht etwa um eine Süssspeise, sondern eine Zahnpasta, die wörtlich übersetzt «Schwarzer Mann» heisst – und entsprechend bebildert ist:

Darlie-Zahnpasta in Schanghaier Supermarkt.
Legende: Reuters

Das Corpus Delicti gehört zum US-Konzern Colgate/Palmolive. Dieser kündigte infolge der Antirassismus-Proteste an, Namen und Logo der Zahnpasta zu «überprüfen». In China stiess das auf wenig Gegenliebe: «In den sozialen Medien wehren sich die Chinesen. Sie wollen nicht, dass man in ihren traditionellen Markennamen reinpfuscht und empfinden das als Bevormundung», erklärt Aldrovandi.

Das verbreitete Gefühl: die Westler übertreiben. Dafür gebe es einen eigenen Begriff im Chinesischen: «Baizuo» (wörtlich übersetzt: «weisse Linke»). Die Schmähung richtet sich gegen eine linksliberale westliche Elite, die jede Bodenhaftung verloren hat – also das chinesische Pendant zum naiven «Gutmenschen». Mit «Baizuo» werde oft auch westliche Kritik an der Menschenrechtslage in China abgetan, so der Korrespondent.

Auch aus dem offiziellen China gab es Wortmeldungen zu «Black Lives Matter». Hua Chunying, eine hochrangige Mitarbeiterin im Aussenministerium, beantwortete einen Tweet ihrer US-Amtskollegin mit «I can’t breathe». Die Amerikanerin hatte der Kommunistischen Partei vorgeworfen, ihre Versprechen gegenüber Hongkong – «ein Staat – zwei Systeme» – gebrochen zu haben.

In solchen Stellungnahmen kommt für Aldrovandi ein gewisser «Whataboutism» zum Ausdruck, der auch in der Bevölkerung verbreitet sei. Die Botschaft: Bei euch ist es auch nicht viel besser, ja sogar schlimmer als bei uns. Dazu kommt: «Die Sensibilität, die es im Westen gibt, ist in China wenig vorhanden.»

Alltäglicher Rassimus in China

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Alltäglicher Rassimus in China

«Rassismus, auch gegenüber schwarzen Menschen, ist in China ein grosses Problem», berichtet Aldrovandi. «Ein Ghanaer in Schanghai erzählte mir etwa, dass sich Leute im Bus manchmal nicht neben ihn setzen oder absichtlich die Nase rümpfen.»

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise gab es einen regelrechten Skandal in der südchinesischen Stadt Guangzhou: Afrikaner wurden aus ihren Wohnungen geworfen oder durften nicht in Hotels übernachten. Dies, weil die örtlichen Behörden das Gefühl hatten, sie würden das Virus einschleppen, nachdem es einige positive Fälle gegeben hatte. Nach Protesten – auch aus afrikanischen Ländern – versuchte die Regierung in Peking, die Wogen zu glätten.

Auch die chinesischen Medien berichteten intensiv über die Proteste in den USA. Vor allem die anfänglichen Ausschreitungen und Plünderungen seien «geradezu genüsslich» gezeigt worden, so Aldrovandi. Vom Staat, also der Partei, werde derartige Kritik stark gefördert. Der Tenor: Die USA haben das Chaos im eigenen Land nicht im Griff und sind durchsetzt von Rassismus.

Screenshot People's Daily
Legende: Ein Cartoon in der «People’s Daily», einem Sprachrohr der Kommunistischen Partei: das Weisse Haus, umgeben von Flammen und Tränengas; aus dem Dach steigt die Freiheitsstatue empor, die sich als weisser Polizist zu erkennen gibt. Screenshot People's Daily

Abschliessend erinnert Aldrovandi aber daran, dass die Chinesen einen ganz anderen Zugang zum Thema Rassismus hätten. «Auch aufgrund ihrer eigenen Geschichte und weil sie selbst unter Rassismus leiden.» Die Erfahrungen und Lebenswelten von Chinesen und Menschen im Westen liessen sich kaum vergleichen.

SRF 4 News, 25.06.2020, 6:20 Uhr;

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41 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Grossrieder  (View)
    Bin mit dem letzten Absatz des Artikels voll einverstanden. China Chinesen haben eine andere Kultur und Denken und suchen sich von westlichen Werten nur jene aus welche gemeinsam sind, oder in ihr Lebensstiel passen. Sie tolerieren andere Kulturen so lange diese nicht auf ihre Füsse stehen, sehen aber kaum was rassistisches in Darlie, ausser herausgehobene schöne weissen Zähne, welche da nicht alltäglich sind. China, wird aber noch in 50 Jahren chinesisch bleiben und denken; denke ich.
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  • Kommentar von Hans Meier  (CO2-HAHA)
    In 10-20 Jahre ist das sicher ein absolutes Sammlerstück!! Mich erinnert die person auf der Packung an Clark Gable!
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  • Kommentar von Javier López  (Javier López)
    "Das verbreitete Gefühl: die Westler übertreiben. "

    In Spanien und wahrscheinlich nicht nur in Spanien bezeichnet man Chinesen, die in Spanien (Westen) aufgewachsen sind als Bananen: Innnen weiss aussen gelb.

    Würde gerne wissen, was Chinesen darüber denken und wie sie es empfinden.
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