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Legende: Audio Bolsonaro forciert mit seinen Aussagen die Abholzung abspielen. Laufzeit 06:33 Minuten.
Aus SRF 4 News aktuell vom 06.08.2019.
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Brasilien unter Bolsonaro «Die Ureinwohner fühlen sich im Stich gelassen»

Goldsucher, Mord, abgeholzte Wälder. Die Amazonas-Indianer sind unter Druck, wie der FAZ-Korrespondent beschreibt.

Seit Anfang Jahr ist in Brasilien Präsident Jair Bolsonaro im Amt – das Leben ist für die Ureinwohner deutlich schwieriger geworden. Bolsonaro stellt sich hinter die Goldsucher und damit gegen die indigenen Stämme. FAZ-Korrespondent Tjerk Brühwiller weiss mehr über die Hintergründe.

Tjerk Brühwiller

Tjerk Brühwiller

Lateinamerika-Korrespondent der FAZ

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Der Journalist Tjerk Brühwiller lebt seit 2009 in São Paulo und berichtet von dort aus für deutschsprachige Medien über ganz Südamerika. Seit Anfang 2018 ist er Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ). Davor war er für die NZZ als Korrespondent tätig.

SRF News: Wie stellt sich die Situation für die Indigenen im Brasilien unter Bolsonaro dar – sieben Monate nach dessen Amtsantritt?

Tjerk Brühwiller: Unter den Indigenen Brasiliens herrscht eine allgemein angespannte Stimmung. Nach der Ermordung eines ihres Anführers durch illegale Goldsucher im Nordwesten des Landes sind sie empört und verängstigt. Sie fühlen sich schutzlos und vom Staat im Stich gelassen. Die Signale, welche Bolsonaro aussendet, haben die Unsicherheit noch verstärkt.

Indianer ohne Rückendeckung des Präsidenten

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Indianer ohne Rückendeckung des Präsidenten

Ende Juli wurde laut Berichten von Angehörigen des Wajapi-Stammes im Nordwesten Brasiliens ein Dorf von rund 50 illegalen Goldgräbern angegriffen. Dabei soll ein Anführer des Ureinwohner-Stammes getötet worden sein. Die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michele Batchelet, rief Brasiliens Präsidenten dazu auf, Link öffnet in einem neuen Fenster, den Vorfall minutiös zu untersuchen. Sie warf Bolsonaro zugleich vor, mit seiner Politik des forcierten Rohstoffabbaus und der zunehmenden Waldabholzung solche gewalttätigen Zwischenfälle zu provozieren. Bolsonaro seinerseits wies die Vorwürfe zurück – es sei gar nicht bewiesen, dass der Wajapi-Anführer ermordet worden sei, sagte er.

Wieso stellt sich Präsident Bolsonaro hinter die Goldsucher?

Schon im Wahlkampf hatte er angekündigt, dass er den Indigenen keinen Zentimeter lassen und ihre Gebiete für den Bergbau freigeben werde. Ein entsprechendes Gesetz ist denn auch in Vorbereitung. Dieses zielt auf eine Freigabe des Bergbaus in Territorien der Indianer. Sie wiederum kritisieren, dass sie keinerlei Möglichkeit hätten, bei dem Gesetz mitzureden.

Bolsonaro will indigene Gebiete für den Bergbau freigeben.

Was bedeutet es für die Ureinwohner, wenn dieses Gesetz so durchkommt?

Es wäre zu befürchten, dass die Zahl der illegalen Goldgräber im Amazonien weiter zunehmen würde. Das hätte unmittelbare Auswirkungen auf den Lebensraum der Indigenen und auf die Natur – schon jetzt ist die Belastung einiger Gewässer mit Quecksilber bedenklich hoch.

Zudem können die indigenen Gemeinschaften betroffen sein, etwa, wenn manche Indianer das einfache Geld sehen, wenn sie mit weissen Goldgräbern zusammenarbeiten. Das aber führt zu Streit und Spannungen innerhalb der indigenen Gemeinschaften, was diese wiederum noch mehr schwächt.

Bolsonaros Erklärungen sind quasi Einladungen zur illegalen Waldrodung.

Neben der Rohstoffausbeutung sorgt auch die von Bolsanaro proklamierte Abholzung des Regenwalds für riesige Probleme – dabei wäre die Abholzung eigentlich von der brasilianischen Verfassung her verboten...

Tatsächlich ist in der Verfassung der Schutz der Indianer-Territorien, die meist aus Wäldern bestehen, festgeschrieben. Doch unter Bolsonaro hat die Abholzung der Wälder in den ersten Monaten dieses Jahres stark zugenommen – er will die Strafen für Umweltdelikte erklärtermassen senken und die Kontrollen weiter abbauen. Das grenzt an eine Einladung zur illegalen Abholzung. Hinzu kommt, dass Bolsonaro die Satelliten-Auswertungen zur Abholzung anzweifelt und kritisiert.

Indigene in traditioneller Tracht vor Hochhäusern.
Legende: Indigene fürchten um ihren Lebensraum und ihre Existenz: Indianer vor dem Parlament in Brasilia. Reuters

China möchte den Import von Soja aus Brasilien weiter ausweiten, was mit ein Grund für die Abholzung der Wälder ist...

Tatsächlich ist China Hauptantreiber der Soja-Produktion in Brasilien. Das verstärkt sich durch den Handelsstreit mit den USA, weil China von dort keine Sojaprodukte mehr bezieht. Sowieso geht schnell vergessen, dass die Wälder vor allem aus wirtschaftlichen und nicht politischen Interessen abgeholzt werden.

Brasiliens Wirtschaft könnte auch ohne Abholzung weiterhin wachsen.

Brasilien lebt zu einem guten Teil vom Export von Rohstoffen und Agrarprodukten. Doch es gibt auch Studien, die zeigen, dass Brasiliens Wirtschaft ebenso gut ohne weitere Abholzung von Wäldern wachsen könnte. Die Abholzung ist also keine Voraussetzung für Wohlstand und Fortschritt – wie das Bolsonaro und seine Anhänger gerne weismachen.

Das Gespräch führte Barbara Büttner.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von m. mitulla  (m.mitulla)
    Das ist nicht die einzige Ungerechtigkeit Bolsonaros. Korruption und Begünstigung pflastern seinen Werdegang. Auch die umstrittene Landreform, die es den Kleinbauern ermöglichte Land zu erwerben und selbständig zu bewirtschaften, soll rückgängig gemacht werden - zugunsten der Grossgrundbesitzer.
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  • Kommentar von Samuel Müller  (Samuel Müller)
    Zu dem Thema ist eine Empörung unsererseits unangebracht. Wir haben schliesslich längst (fast) alles abgeholzt und uns ausgebreitet. Zum Glück haben wir viele Berge die uns einige „Rest-Natur“ erhalten.
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    1. Antwort von Walter Zaugg  (Saturn)
      Herr Müller. Wir machen sicher nicht alles besser hier in der Schweiz. Bezüglich Wald abholzen muss ich Ihnen aber wieder sprechen. Wir haben in der Schweiz ca. 20% mehr Wald als vor ca 100 Jahren. Natürlich wird der Wald bei uns auch gerodet und genutzt. Gleichzeitig wird er aber auch systematisch wieder aufgeforstet. Das Problem was bei uns herrscht das sich der Wald nicht auf natürliche Weise ausbreiten kann. Zumindest nicht überall.Die CH ist sehr dicht besiedelt auch für Agro Produkte.
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  • Kommentar von Bruno Bär  (Wahrheitssucher)
    Was soll man noch zu diesem Desaster sagen? Es stimmt traurig und depressiv. Das zynischste von diesem Despoten ist, dass er sich immer auf Gott beruft. Damit hat er die Stimmen der Evangelischen, gleich wie Trump in den USA. Sich christlich nennende Menschen wählen Despoten!
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