Zum Inhalt springen

Header

Audio
«Sterben kann man überall»
Aus Echo der Zeit vom 13.09.2019.
abspielen. Laufzeit 07:34 Minuten.
Inhalt

Brennpunkt Westjordanland Wo Anschläge keine Angst mehr machen

Israels Premier Netanjahu will das Jordantal annektieren. Sein Wahlkampfversprechen hat internationale Kritik ausgelöst: Das sei völkerrechtswidrig und könnte die ganze Region destabilisieren. Befürchtet wird auch noch mehr Gewalt im besetzten Westjordanland. Eine Reportage.

Zwei israelische Soldaten bewachen auf der Strasse, die im Westjordanland von Ramallah nach Nablus führt, eine Bushaltestelle. In diesem Flickenteppich von palästinensischen Dörfern und israelischen Siedlungen kommt es häufig zu gegenseitiger Gewalt. An dieser Bushaltestelle dürfen keine Palästinenser einsteigen.

Die Strasse von Ramallah nach Nablus.
Legende: Zwischen palästinensischen Dörfern und israelischen Siedlungen: Die Strasse von Ramallah nach Nablus. SRF

Die 33-jährige Siedlerin Rinat hält ihr Auto an. Viele Siedler machen hier Autostopp. Rinat schaut, ob jemand mitfahren will. Angst hat sie nicht – trotz der jüngsten Häufung von Anschlägen. «Ich bin hier aufgewachsen, man gewöhnt sich daran», sagt Rinat. «Es ist wichtig, dass wir hier gute Sicherheitskräfte haben.»

Ein weiterer 27-jähriger Israeli kommt aus der Siedlung Ofra. Von dort kam auch der Student, der Anfang August mutmasslich von einem Palästinenser erstochen wurde. «Angst haben wir nicht, aber nach solchen Ereignissen sind wir vorsichtiger.»

«Sie behandeln uns schlimmer als Hunde»

Der Palästinenser Salah hat eine Gärtnerei direkt an der Strasse. «Hier gibt es keine Sicherheit», sagt er, denn: Ständig griffen die Siedler die Palästinenser hier an. «Sie behandeln uns schlimmer als Hunde. Eine alte Frau haben sie spitalreif geschlagen», sagt der Gärtner.

In Ramallah im Westjordanland.
Legende: In Ramallah im Westjordanland. SRF

Für die Sicherheit der Menschen im Westjordanland sind auf dem Papier israelische und palästinensische Sicherheitskräfte zuständig. In der Praxis harzt die Zusammenarbeit. Brigade-General Ghassan Nimer, Mediensprecher der palästinensischen Sicherheitskräfte, rechtfertigt sich.

«Israel kontrolliert einen grossen Teil des Westjordanlandes, da haben unsere Behörden nichts zu melden», sagt er. Ausserdem fehle den palästinensischen Sicherheitskräften wegen einem Steuerstreit mit Israel das Geld für Benzin, Ausrüstung und Ausbildung.

Israel erhebt Steuern, die sie der palästinensischen Regierung auszahlen müssten. Das tut Israel aber nur zum Teil. Der Grund: Israel zerstört die Häuser von mutmasslichen palästinensischen Terroristen. Die palästinensische Regierung entschädigt diese, was für Israel wiederum Finanzierung von Terrorismus ist.

Palästinensischer Beamte sitzt in seinem Büro.
Legende: Brigade-General Ghassan Nimer, Mediensprecher der palästinensischen Sicherheitskräfte: «Kein Geld für Benzin, Uniformen, Ausbildung.» SRF

Dieser Steuerstreit reisst jeden Monat ein Loch von umgerechnet rund 40 Millionen Franken in die palästinensische Regierungskasse. «Wir mussten bei der Bank einen Kredit aufnehmen, um weiter funktionieren zu können.»

Das Ende der Verhandlungen?

Die Annexionspläne des israelischen Premierministers machen Nasser Alkidwa Sorgen. «Das ist gefährlich», sagt der langjährige ehemalige Fatah-Politiker und Vorsitzende der «Yassir Arafat Stiftung» in Ramallah. Damit wolle sich Netanjahu über den internationalen Konsens hinwegsetzen: über das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat, innerhalb der Grenzen von 1967. Das wäre das Ende von Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern. «Weil es dann gar nichts mehr zu verhandeln gibt», sagt Alkidwa.

Mann sitzt an seinem Schreibtisch.
Legende: Nasser Alkidwa, langjähriger palästinensischer Fatah-Politiker und Diplomat, Vorsitzender der «Yassir Arafat Stiftung» in Ramallah. «Irgendwann explodieren sie.» SRF

Einseitige Annexion von Land, die hohe Arbeitslosigkeit, und keine Hoffnung auf einen eigenen Staat – das dürfte nicht ohne Folgen bleiben: «Irgendwann explodieren sie», sagt Alkidwa. In einem vertraulichen Bericht, aus dem lokale Medien unlängst zitiert haben, warnt denn auch der palästinensische Geheimdienst vor einer Zunahme der Gewalt im Westjordanland.

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

3 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Ich kann den Annexionsabsichten Netanjahus kein Verständnis entgegenbringen. Ich habe den Eindruck, dass die Palästinenser oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Das, was Netanjahu tut, ist alles andere als friedensstifende Politik. Dass die Hamas in Schach gehalten werden müssen, Terroristen, das ist klar. Aber die Siedlerpolitik ist gegenüber den dortigen palästinensischen Einwohnern ein Unrecht. Es muss m. E. auch für die Palästinenser eine staatliche Lösung geben. Für Frieden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von E Hitz  (Amigo_Home)
      Der Präsident betreibt die gleiche Politik wie seit Anbeginn seiner Präsidentschaft. Das Verstörende ist, das er damit bei jeder Wahl bisher eine demokratische Mehrheit israelischer Stimmbürger hinter sich scharen konnte.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Drago Stanic  (drago stanic)
    Ich nicht so ferne Zukunft werden auch Israelis merken, dass Nachbarn kann man nicht ewig terrorisieren. Auch Israelis werden gezwungen sein ihre Hunger an neue Land zu bremsen. Spätestens, wenn selbstgebastellte Drohne an ihre Flughaffen landen. Israelis haben geholfen Al Qaida in Idlib solche Drohne herzustellen. Jetzt hat Hisbollah Wissen erbeutet. Kriege von Morgen werden keine Flugzeuge und Panzer gewinnen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen