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Corona-Krisenbewältigung in Frankreich und Schweden
Aus Tagesgespräch vom 06.04.2020.
abspielen. Laufzeit 26:43 Minuten.
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Corona-Extreme im Vergleich Frankreich setzt auf Verbote, Schweden auf die Mitverantwortung

Mit welchen Massnahmen sollen Länder auf die Corona-Pandemie reagieren? Schweden und Frankreich handeln unterschiedlich. Ein Vergleich.

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Legende: Keystone

Wo verbringen die Menschen in Schweden die Osterferien?

Bruno Kaufmann: Traditionellerweise verreisen die Schweden über Ostern in Schneegebiete. In diesem Jahr ist alles anders: Es hat nicht genügend Schnee und die Corona-Krise überschattet auch in Schweden das kommende Wochenende.

Aktuelle Situation in Schweden

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Einschätzungen von SRF-Korrespondent Bruno Kaufmann: 401 Personen sind bisher an Covid-19 gestorben, zirka 6500 sind infiziert. In den letzten Tagen ist die Anzahl der Verstorbenen und der Infizierten gestiegen. Experten rechnen damit, dass Ende Monat jede zehnte Person, also rund 1 Million Leute, sich mit dem Virus infizieren werden. Somit wird sich auch die Zahl der Verstorbenen noch ändern.

Wie lange kann die Regierung die lockeren Massnahmen noch durchhalten?

Die Anweisungen kamen vor allem von den Behörden, die Regierung hat bisher kaum Verbote erlassen. Das Verbot von Menschenansammlungen von mehr als 50 Personen war dennoch ein Quasi-Verbot für Grossveranstaltungen. Besuche in Altersheimen und Spitälern wurden verboten, Schulen und Restaurant sind jedoch nach wie vor geöffnet.

Ticken die Schweden anders?

Nein, im Gesundheitsbereich hat man aber seit langer Zeit eine Tradition in der Prävention und der Mitverantwortung. Das schwedische Gesundheitssystem ist daraus ausgelegt, dass die Menschen nur in wirklich dringenden Fällen in die Spitäler gehen.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Skandinavien-Korrespondent

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Bruno Kaufmann berichtet seit 1990 regelmässig für SRF über den Norden Europas, von Grönland bis Litauen. Zudem wirkt er als globaler Demokratiekorrespondent beim Internationalen Dienst der SRG, swissinfo.ch/directdemocracy, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Sind der Regierung die Hände gebunden?

In Schweden ist man sich Krisen nicht gewohnt, das Land hat seit 200 Jahren ein demokratisches Regime, hatte nie einen Diktator und war auch nie an einem Krieg beteiligt. Innerhalb der Regierung wurde versucht, ein Notstandsgesetz zu erarbeiten, welches beispielsweise einen Lockdown ermöglichen könnte. Die Opposition schoss dieses jedoch postwendend ab.

Wie lange wird es noch dauern, bis auch Schweden diese «légère» Politik ändert?

Ich würde die Politik nicht als légère bezeichnen. Es ist ein Kurs, welcher nicht auf Verbote fokussiert, sondern auf Verständnis und Mitverantwortung. Zurzeit sieht es nicht so aus, als dass Schweden diese Politik ändern würde. Bei einem restriktiven Kurs stellt sich später zudem die Frage, wie man die Verbote schrittweise wieder aufhebt. Diese Vorgehensweise, wie sie etwa in Dänemark praktiziert wird, möchte Schweden verhindern.

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Legende: Keystone

Halten sich die Menschen in Frankreich an die strikten Vorgaben?

Daniel Voll: Insgesamt gab es bisher 480'000 Bussen in Frankreich. Das klingt nach viel, die Zahl scheint jedoch zu sinken. Der französische Innenminister betonte, dass die Franzosen die Anweisungen gut befolgen würden. Ich habe die Leute in Paris als sehr diszipliniert erlebt.

Aktuelle Situation in Frankreich

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Einschätzungen von SRF-Korrespondent Daniel Voll: In Frankreich gibt es über 8000 Leute, welche an Covid-19 gestorben sind, alleine am Sonntag gab es gleich viele Todesfälle wie in Schweden insgesamt. Die Tendenz ist aber eine andere: Seit einer Woche steigt die Zahl der schweren Fälle und der Toten weniger stark an. Offenbar ist hier eine Besserung zu beobachten.

Es gibt Berichte, wonach die Lage sehr angespannt sei.

Diese Berichte sind oft im Zusammenhang mit den Banlieues zu lesen. Offenbar geht die Polizei in diesen Vierteln auch gewalttätig vor. Die Wohnungen in den Vororten sind sehr klein, es leben viele Leute darin. Generell ist die Wohnfläche pro Einwohner in Paris sehr klein.

Daniel Voll

Daniel Voll

SRF-Korrespondent für Frankreich und den Maghreb

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Daniel Voll ist seit 2018 Frankreich-Korrespondent von Radio SRF mit Sitz in Paris. Der Maghreb gehört ebenfalls zu seinem Berichtsgebiet. Zuvor war er u.a. als EU-Korrespondent und Auslandredaktor für SRF tätig.

Welche Folgen haben die Massnahmen für die Wirtschaft?

Der Tourismus ist am Boden, auch die Industrie steht teilweise still. Unmittelbar nach der Ausgangssperre standen die grossen Fabriken von Renault oder Peugeot still, ebenfalls diejenigen von Airbus und Michelin. In gewissen Fabriken wird teilweise seit einigen Tagen wieder gearbeitet, was von den Gewerkschaften scharf kritisiert wurde.

Hat das harte Vorgehen in auch mit dem Gesundheitswesen zu tun?

Ja, das Gesundheitswesen stand bereits letztes Jahr in der Kritik, beziehungsweise die Regierung, weil sie sich zu wenig darum gekümmert hatte. Es wurde zu wenig Geld in diesem Bereich ausgegeben. Es war ein offenes Geheimnis, dass wenn die Corona-Krise schnell geschieht, Frankreich hoffnungslos überfordert sein wird.

Die Gespräche führte Iwan Lieberherr.

Tagesgespräch, 6.4.2020, 13:00 Uhr;

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Oswald Daniel  (dani 1)
    Je schneller wir eine Herden Immunität haben
    Desto weniger Zeit hat Corona sich aggressiv zu mutieren?
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    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Die Zeit ist weniger relevant als die effektive Verdoppelung. Je öfter die Gensequenz verdoppelt wird, desto mehr Mutationen.
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  • Kommentar von Oswald Daniel  (dani 1)
    Zum Glück knickt Schweden nicht ein!
    Es wären kaum Vergleiche zum anderen vorgehen möglich!
    Dieses ewige gleichschalten wollen, mal nützlich mal schädlich!
    Solange nur selten null bis 55 jährigen sterben brauchen wir null Angst zu haben! Natürlich mit dem sehr nötigen Schutz der Risiko Gruppen!
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  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Ja, es ist immer so, dass es verschiedene Lösungsansätze gibt, um ein Problem zu lösen. Der Virologe Anders Tegnell berät die Schwedische Regierung und hat einen anderen Ansatz im Umgang mit dem Coronavirus vorgeschlagen als andere Virologen. Und Schweden hatte am 31. Januar den ersten Coronafall, also noch vor Italien. Bis heute zeigen die Zahlen, dass der Schwedische Weg auch funktioniert. Sie haben 7'206 Infizierte und 477 Todesfälle, und das bei 10 Mio. Einwohnern.
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    1. Antwort von Daniele Röthenmund  (Daniele Röthenmund)
      Herr Derung, es ist Unwichtig wann der erste Fall aufgetreten ist, sondern wichtig wann er entdeckt wurde als er ins Land kam. Wenn man den gleich entdeckt hat und Isolieren konnte dann kann ein Verlauf durchaus weniger schnell in Fahrt kommen als ein Virus das erst spät enteckt wird aber schon lange da war. Das hat auch viel mit Glück zu tun. Soviel zu Ihrer These mit dem ersten Fall!
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    2. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      rede. Erstens hat jedes Land einen anderen Fahrplan. Zweitens müssen wir die Schlussfolgerungen den Fachleuten überlassen, nicht jetzt, sondern in ein, zwei Jahren...
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