Zum Inhalt springen

Header

Audio
Die Zustände in Russland sind schlechter, als man offiziell zugeben möchte
Aus SRF 4 News aktuell vom 30.10.2020.
abspielen. Laufzeit 05:18 Minuten.
Inhalt

Corona in Russland Ausserhalb Moskaus droht der Kollaps

Die Hilferufe aus den russischen Regionen mehren sich. Doch das Ausmass der Pandemie will der Kreml nicht eingestehen.

Dem Gesundheitssystem in mehreren Regionen Russlands scheint der Kollaps unmittelbar bevorzustehen. Vom Süden Russlands bis ins östliche Sibirien versuchen Angehörige und medizinisches Personal, sich Gehör zu verschaffen. Sie schreiben Briefe an den Präsidenten oder fahren gar mit dem Sanitätswagen vor das Gesundheitsamt, wenn die Krankenhäuser keine neuen Patienten mehr aufnehmen können.

Offiziell gesteht selbst die russische Regierung seit vergangener Woche eine problematische Situation in 16 Regionen des Landes ein. Die Regionen zu nennen, darauf wollte Wladimir Putin beim Treffen mit Regierungsvertretern allerdings verzichten. Angesichts der intransparenten Kommunikation ist es nicht möglich, die Anzahl der schwer betroffenen Regionen zu überprüfen.

Patienten müssen in Treppenhäusern liegen

Videos aus Spitälern mit Patienten, die auf Gängen und in Treppenhäusern liegen müssen, teilweise auf Sitzbänken, da es an Betten fehlt, kursieren seit mehreren Wochen in sozialen Netzwerken in Russland. Traurige Berühmtheit erlangte die Stadt Rostow im Süden des Landes. Bereits Anfang Oktober gab es in der gesamten Region keine freien Betten mehr, Ärzte liessen sich aufgrund fehlender Schutzmassnahmen durch die Behörden krankschreiben.

Skandal um erstickte Patienten

Die sich abzeichnende Katastrophe trat Mitte Oktober ein, als 13 Patienten, angeschlossen an Sauerstoffgeräte, in einer städtischen Klinik erstickten. Die genauen Umstände, die zur zweistündigen Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr führten, sind noch unklar. Doch dem Personal blieb laut Berichten in russischen Medien keine andere Wahl, als neben den Patienten zu stehen und mit ihnen zu sprechen.

Nachdem der Fall landesweit für Schlagzeilen sorgte, wurde die regionale Gesundheitsministerin entlassen und eine Untersuchung eingeleitet. Ein Gespräch mit SRF lehnten mehrere behandelnde Ärzte ab. Sie befürchten negative Konsequenzen, sollten sie mit Journalisten sprechen. Eingeschüchtert hat sie ein umstrittenes Verbot des Gesundheitsministeriums gegenüber medizinischem Personal, sich öffentlich zur Pandemie zu äussern.

«Statistik aus dem Hut gezaubert»

Das Ausmass der Pandemie zu vertuschen, wird den russischen Behörden nicht erst seit Beginn der zweiten Welle vorgeworfen. Bereits im Juli verlor der russische Demografe Alexej Rakscha seine Stelle beim Amt für Statistik, nachdem er den Behörden vorgeworfen hatte, die Covid-19-Statistik zu manipulieren.

Gegenüber SRF sagt Rakscha, dass die offizielle Zahl der Covid-19-Todesopfer in Russland (Stand 3. November), mit dem Faktor vier multipliziert werden müsse. Demzufolge wären nicht 28'828, sondern mehr als 115'000 Personen an Covid-19 verstorben. «Wenn ich die in Russland veröffentlichte Statistik sehe, möchte ich gleichzeitig lachen und weinen. Die Zahlen werden auf nationaler Ebene überarbeitet. Da sich jede Region die Zahlen für die Todesstatistik aus dem Hut zaubert, springt die Statistik auf nationaler Ebene rauf und runter.» Aber ganz oben verlange man beschönigte Zahlen, so Alexej Rakscha.

Selbstkritische Worte zu den publizierten Zahlen sind aus dem Kreml keine zu hören. Am vergangene Donnerstag hat man besonders betroffenen Regionen finanzielle Hilfe zugesichert. Welche Region wie stark unterstützt werden soll, wird nicht bekanntgegeben.

Radio SRF4 News Heute Morgen, 30. Oktober 2020

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Christa Wüstner  (Saleve2)
    Besonders in Sibirien war die ärztliche Versorgung schon immer ein Problem. Die riesigen
    Entfernungen und kleine Spitäler. Hunderte von Kilometern oft entfernt. Für die ärztliche Versorgung gibt es in einem Teil, einen Ärztezug zur Versorgung. Für Untersuchungen und
    Medikamentenabgabe ebenso zum Transport von Kranken ins nächste zu erreichende Spital.Was meiner Meinung nach fehlt,sind Stationen mit fliegenden Ärzten wie in
    Australien. Für diese Pandemie, wird es kaum noch grosse Hilfe geben.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Deshalb schweigt der Kreml auch, weil das ewig vernachlässigte Problem nicht mehr in dieser Pandemie lösbar ist.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    @Flückiger im Nommentar @Sarbach
    werden Zustände von 2018 im
    BS Spital beschienen und Basel
    ist in der Schweiz und nicht in Russland
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Lothar Drack  (spprSso)
    Huch, das erinnert mich an die offiziellen Zahlen erlegter Wale: Die Sowjetunion lieferte seit den 60er-Jahren der internationalen Walfang-Kommission systematisch falsche Zahlen, was erst in den 90er-Jahren aufflog: Mehr als 180‘000 waren unterschlagen, aber - besonders brisant - ausser dem Fett wirtschaftlich gar nicht genutzt worden: der Planwirtschaft geschuldet mussten auch die Walfänger jährlich mehr leisten. Was dann «ganz oben» für die internationale Ebene wieder beschönigt wurde!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen