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Moskauer Stadtpräsident hebt Quarantäne-Massnahmen auf
Aus Info 3 vom 08.06.2020.
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Moskau hebt Quarantäne auf Die Parade ist wichtiger als das Virus

Am 29. März hat Bürgermeister Sergej Sobjanin in Moskau eine weitgehende Quarantäne erlassen. An dem Tag wurden in der russischen Hauptstadt 197 neue Corona-Infektionen gemeldet. Heute, zweieinhalb Monate später, lag die Zahl der neuen Fälle bei 2000. Also zehn Mal höher. Und Sobjanin entschied: die Anti-Corona-Massnahmen werden weitgehend aufgehoben.

Schon ab Dienstag dürfen Moskauerinnen und Moskauer wieder aus dem Haus. Sie dürfen spazieren gehen und joggen – wie es ihnen gefällt. Sie brauchen keinen digitalen Passierschein mehr, wenn sie mit dem Auto oder der Metro fahren wollen. Schönheitssalons und Coiffeure machen wieder auf. Und bis Ende Juni dürfen sogar Restaurants und Fitnessclubs ihren Betrieb wieder aufnehmen. Es ist, als gäbe es das Virus nicht.

Putin hat grosse Pläne

Diese «Rückkehr zur Normalität» kommt völlig überraschend. Sie passt auch nicht zur bisherigen Politik von Sobjanin, der das Virus stets ernst nahm, der vorsichtig agierte. Warum wagt er nun diesen riskanten Schritt? Die Antwort könnte im Kreml liegen, bei Präsident Wladimir Putin. Der will nämlich am 24. Juni die grosse Militärparade durchführen, die an den sowjetischen Sieg im Zweiten Weltkrieg erinnert.

Und danach, unmittelbar nach diesem patriotischen Freudenfest, sollen die Russinnen und Russen gleich auch noch eine neue Verfassung an der Urne absegnen. Wichtigster Punkt der Reform: die Amtszeitbeschränkung für Putin wird faktisch abgeschafft, er darf bis mindestens 2036 weiterregieren.

Pragmatiker Sobjanin gerät unter Druck

Dem Präsidenten also geht es um Machtpolitik, darum, seine eigene Macht abzusichern. Man hat ohnehin den Eindruck, dass ihn dieses Virus nicht besonders interessiert. Die historischen Siege Russlands, die geopolitische Lage, Raumfahrt und Rüstung: das sind die Themen, die den Präsidenten in ihren Bann ziehen.

Mit anderen Worten: eine glänzende Militärparade ist interessanter als das Klein-Klein der Seuchenbekämpfung. In den letzten Tagen hat es deswegen Gerüchte gegeben, der Kreml dränge auf eine raschere Öffnung der Hauptstadt. Der Pragmatiker Sobjanin sei unter Druck der Ideologen aus dem Kreml geraten.

Das ist durchaus plausibel. Man stelle sich vor: in Moskau wären Ende Juni die Menschen noch in ihren Wohnungen eingesperrt gewesen, aber durch die Stadt wären tausende Soldaten marschiert, Panzer über den Roten Platz gerollt. Wenn der russische Staat seine Macht zelebriert, braucht er sein Publikum: das Volk. Die Gesundheit kommt da erst an zweiter Stelle.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

Echo der Zeit vom 08.06.2020, 18 Uhr

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35 Kommentare

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  • Kommentar von Claudia Beutler  (Claudia)
    Putin hat natürlich andere Prioritäten. Es ist ja auch nicht so schlimm, wenn ein paar tausend Russen an Corona sterben. Wichtig ist das er seine Macht und seine neuen Waffen zeigen kann. Eine Abwahl hat er ja nicht zu befürchten. Also kein Risiko. Nur Not kann er die Schuld auf die regionalen Regierungschefs schieben. Den ein oder andern entlassen macht sich da bestimmt auch gut.
    1. Antwort von Luzius Brotbeck  (LuziBrot)
      Im Gegensatz zu Trump, Bolsonaro Johnson & Co. scheint Putin die Lage vergleichsweise ernst zu nehmen & sagte: "Das Wichtigste sind für uns jetzt die Menschen, ihr Leben" bzw. "Wir retten & beschützen Menschen - alles andere kriegen wir hin. Wir werden alles reparieren & aufholen, Coronavirus überwinden & ruhigen Herzens – alle zusammen – die Wirtschaft ankurbeln, den Wohlstand stärken, diejenigen unterstützen, die ihren Arbeitsplatz & ihr Einkommen verloren haben, die es jetzt schwer haben"
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Welches Virus, welche Pandemie.....die unterschiedlichen Reaktionen, der Umgang der verschiedenen Machthaber, Regierungen dieser Welt mit der Covid-19-Pandemie, entsprechen deren allgemeinen Vertuschungs-Taktik von unangenehmen Situationen, Krisen, Katastrophen.....
  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Zum Glück muss ich nicht in Russland leben!