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GB: Muss sich der Premier wegen der schlechten Umfragewerte Sorgen machen?
Aus SRF 4 News aktuell vom 20.05.2020.
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Britischer Premier unter Druck «So blass und verlegen habe ich ihn noch nie gesehen»

Mit über 35'000 Toten durch Covid-19 steht Grossbritannien europaweit einsam an der Spitze. Erstmals seit Ausbruch der Krise überwiegt laut einer Umfrage die Unzufriedenheit mit der Regierung. Das Krisenmanagement von Boris Johnson werde zunehmend hinterfragt, sagt Grossbritannien-Korrespondent Patrik Wülser.

Patrik Wülser

Patrik Wülser

Grossbritannien-Korrespondent, SRF

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Patrik Wülser arbeitet seit Ende 2019 in London als Grossbritannien-Korrespondent für SRF. Wülser war von 2011 bis 2017 Afrikakorrespondent und lebte mit seiner Familie in Nairobi. Danach war er Leiter der Auslandredaktion von Radio SRF in Bern.

SRF News: Muss sich Premier Johnson angesichts der Umfragewerte schon Sorgen machen?

Patrik Wülser: Langfristig vielleicht, aber mittelfristig nicht. Umfragen sind mit Vorsicht zu geniessen. Das Land steckt mitten in der Krise. Die Menschen sind aus vielen Gründen unzufrieden. Da ist die Regierung automatisch unter Beschuss.

Das staatliche Gesundheitssystem war schon vor der Pandemie am Limit, weil man 20 Jahre gespart hat.

Die Kritik am verspäteten Vorgehen in der Pandemie kommt auch vom ehemaligen Gesundheitsminister Jeremy Hunt. Was heisst das für den Premier?

Im Unterschied zur Umfrage muss er diese Kritik ernst nehmen, denn sie ist richtig und berechtigt. Dass Grossbritannien heute die meisten Todesopfer hat, ist hausgemacht. So wurde noch Fussball gespielt, als im Rest von Europa die Läden bereits geschlossen waren. Der Premier schüttelte weiter Hände und war stolz darauf. Das staatliche Gesundheitssystem war schon vor der Pandemie am Limit, weil man 20 Jahre gespart hat. Es gibt bis heute kein Schutzmaterial und zu wenig Tests.

Ganz so plakativ würde ich das nicht ausdrücken. Johnson ist ein Populist und liebt die Rolle des tollpatschigen und schlagfertigen Unterhalters. Aber er hat durchaus Führungsqualitäten. Dass er Charisma hat, sah man während seines Spitalaufenthalts, als er vom hölzernen Dominic Raab vertreten werden musste.

Nur gerät Johnson von der neu aufgestellten Labour-Partei unter Keir Starmer unter Druck. Kann Starmer punkten?

Extrem. Innert eines Monats befragte Starmer den Premier bereits zwei Mal. Starmer hat einen ganz anderen Stil als Jeremy Corbyn. Er nennt es «konstruktive Politik», und sein Auftritt ist so ruhig wie höflich. Der ehemalige Staatsanwalt ist so präzis und scharfsinnig wie ein Forensiker. Hier kommt Johnson ins Rudern. So blass und verlegen habe ich ihn noch nie gesehen.

Beim präzisen Starmer kommt der Premier ins Rudern. So blass und verlegen habe ich Johnson noch nie gesehen.
Autor: Patrik Wülser

Für Starmer ist es zurzeit ein Balanceakt, denn in einer Krise kritisiert man die Regierung nicht so hart. Aber mit jeder Stunde und jedem Tag wird die Abrechnung härter. Starmers Stunde wird kommen, und viele bei Labour hoffen, dass er das Format zum Premier hat.

Labour-Chef Keir Starmer
Legende: Labour-Chef Keir Starmer lässt keine Zweifel offen, dass er Premier Boris Johnson noch viele Fragen stellen wird. Keystone

Grossbritanniens Wirtschaft liegt brach. Wie geht es hier weiter?

Das wird das Problem der Zukunft sein. Es sind nun zwei Millionen Arbeitslose, davon eine während der Pandemie. Dazu kommen riesige Staatsschulden. Die künftige Risikogruppe wird die Jugend sein. Viele werden einen schlechten Start ins Leben haben. Johnson gewann die Wahl im Dezember mit dem Versprechen, die vernachlässigten Regionen im Norden Englands zu fördern. Schon damals fragte man sich, woher das Geld kommen soll. Jetzt erst recht. Die Staatskasse wird leer sein.

Die künftige Risikogruppe wird die Jugend sein. Viele werden einen schlechten Start ins Leben haben.
Autor: Patrik Wülser

Johnson geht beim Brexit weiterhin aufs Ganze. Wie ist diese Taktik zu erklären?

Der Brexit ist zwar nicht mehr in den Schlagzeilen, aber die Hardliner in Johnsons Partei machen Druck für die Umsetzung. Dass die Regierung das tun will, zeigt das kürzlich vorgestellte Einwanderungskonzept mit einem Punktesystem. Gestern kam die geplante Zollbefreiung von 60 Prozent der Importe. Gewisse Kommentatoren sagen, die Regierung rechne damit, dass die wirtschaftlichen Brexit-Folgen gemessen am Corona-Schuldenberg nur ein Kollateralschaden seien.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

SRF 4 News, 20.05.2020, 09:00 Uhr;

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22 Kommentare

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  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Ein Gesundheitssystem nur den Privaten zu überlassen, das führt zu enormen Kosten und kann vom Normalbürger kaum bezahlt werden. Insofern finde ich die Mischung in der Schweiz gut und richtig. Sowohl in GB als auch in den USA sind die Verhältnisse teils katastrophal und kaum noch zu bezahlen. Es fehlt an vielen Einsichten, der private Markt steuert sich über Profit und ob man den im Gesundheitswesen haben muss, das bezweifle ich dann doch.
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  • Kommentar von Gerbrand Ronsmans  (GRo)
    Im Land von hoch gelebte Privatisierung/Liberalisierung zeigt jeder Grössere Krise immer wieder gleich die Grenzen auf. Dass gewinn nehmen die Private, für die Probleme/Verluste soll die Regierung den Kopf anheben.
    Dass nächste Problem wird sein dass Johnson kein Plan hat, nur den Wunsch Brexit. Aber dass ist keine Strategie dass ist ein Wahl.
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    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Gerbrand Ronsmans: Was Sie schreiben stimmt nicht. Sowohl das britische wie auch das italienische Gesundheitssystem sind 100% staatlich. Viele Briten lassen sich lieber in französischen Privatkliniken behandeln. Die Privatkliniken funktionieren. Es gibt dort keine Warteschlangen und das Personal ist gut bezahlt und motiviert. Somit müssen Sie das Versagen beim Staat und nicht beim Markt suchen.
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  • Kommentar von Oli Muggli  (Oli g)
    Eieiei.... Sofort zurücktreten, wieder in die EU und alles ist in Butter.... Hätten einige wohl gerne, wird aber leider nicht stattfinden...
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    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Oli Muggli: Denken Sie Covid-19 wäre in UK anders verlaufen, wenn es keinen Brexit gegeben hätte? Wohl kaum, oder? Bei Corona haben nämlich auch die verbleibenden EU-Länder zuerst mal für die eigene Bevölkerung geschaut.
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