In der Mitte der Gesellschaft: Am Festival di Sanremo, dem landesweit grössten Musikwettbewerb in Italien, gab es am Mittwoch einen Auftritt, der den Opfern der Brandkatastrophe in Crans-Montana gewidmet war. Auf einer fast ganz schwarzen Bühne performten eine Sopranistin, ein Chor, ein Orchester und der italienische Star Achille Lauro das Lied «Perdutamente». Das Lied wurde in den letzten Wochen zu einer Art Hymne in Gedenken an die Opfer. «Was in Sanremo auf der Bühne gespielt wird, spiegelt die Mitte der Gesellschaft», erklärt Italien-Korrespondent Franco Battel. «Das heisst: Crans-Montana ist kein Thema, das nur die Justiz oder die Politik bewegt, sondern das ganze Land.»
Grund für die Empörung: Italien ist selbst stark betroffen von der Brandkatastrophe. Sechs junge Italiener kamen dabei ums Leben, viele weitere wurden verletzt. In Italien stellt man sich mehrere Fragen: Wie konnte so etwas in der «perfekten» Schweiz passieren? Warum wurde der Barbesitzer Moretti nach kurzer U-Haft auf Kaution freigelassen? Warum musste der Gemeindepräsident von Crans-Montana nicht sofort zurücktreten? «Das sind alles Dinge, die in Italien einfach nicht verstanden werden», erklärt Battel. Das Wissen über und das Interesse an der Schweiz sei in Italien nicht besonders gross. Trinke man aber nun als Schweizer in Rom einen Espresso, so komme das Gespräch früher oder später auf Crans-Montana. «Die Brandkatastrophe hat das Zeug, sich so in den italienischen Köpfen zu verfestigen, dass man bei der Schweiz immer gleich an die Brandkatastrophe in Crans-Montana denkt.»
Meloni nutzt das Thema politisch: Premierministerin Giorgia Meloni hat sofort gemerkt, dass sie das Thema der Brandkatastrophe aktiv angehen muss. «Sie hat eine populistische Ader, sie weiss, dass sich mit diesem Thema viel Zuspruch der italienischen Bevölkerung erreichen lässt», so Battel. So hat sie etwa früh den italienischen Botschafter in der Schweiz abbestellt, obwohl es auch weniger harte Massnahmen gegeben hätte. Dass sie damit das Verhältnis zur Schweiz gefährde, scheint ihr bisher vollkommen egal zu sein – Hauptsache, das italienische Publikum ist ihr wohlgesinnt. «Das ist typisch für Meloni. Sie versteht es, die Stimmung im Volk zu nutzen – oder auch auszunutzen.»
Folgen für die Diplomatie: Ob die Katastrophe langfristige Folgen für die diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und der Schweiz hat, hänge auch davon ab, wie lange das Thema noch in der italienischen Öffentlichkeit so präsent ist, meint der SRF-Korrespondent. Die Zeichen deuteten darauf hin, dass das noch lange sein wird: Die Ermittlungen der Justiz, die Frage der Entschädigungen der Angehörigen, das werde lange dauern und berge viele Gefahrenzonen für das Verhältnis Schweiz–Italien. «Die Beziehungen werden wohl lange belastet sein.»