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Banden plündernder Anhänger von Morales machen La Paz unsicher
Aus SRF 4 News aktuell vom 12.11.2019.
abspielen. Laufzeit 05:09 Minuten.
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Drohendes Chaos in Bolivien «Sie sind mit Stöcken und Schaufeln bewaffnet»

Nach Morales' Flucht greifen seine Anhänger zur Gewalt, wie die Journalistin Katharina Wojczenko berichtet.

Bolivien kommt nach dem Rücktritt von Präsident Evo Morales nicht zur Ruhe. Angesichts der eskalierenden Gewalt hat die Polizei das Militär um Hilfe gebeten. Dem führungslosen Land drohe weiteres Chaos, befürchtet die Journalistin Katharina Wojczenko.

Katharina Wojczenko

Katharina Wojczenko

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Katharina Wojczenko, Link öffnet in einem neuen Fenster arbeitet als freie Journalistin in Mittel- und Südamerika. Derzeit befindet sie sich in La Paz/Bolivien.

SRF News: Wie ist die Lage derzeit in La Paz, wo sich der Regierungssitz Boliviens befindet?

Katharina Wojczenko: Die Menschen sitzen in den einzelnen Nachbarschaften vor ihren Häusern und halten Nachtwache. Sie haben Feuer angezündet und sind mit Holzstöcken und Helmen ausgerüstet. Sie befürchten, dass Anhänger von Evo Morales ihre Häuser angreifen und plündern könnten. Die Innenstadt von La Paz dagegen präsentiert sich fast menschenleer.

Können Sie sich in La Paz überhaupt noch frei bewegen?

Am Montag wurde das tatsächlich zu gefährlich. Ich war am Nachmittag gerade daran, eine Frau zu interviewen, als die Warnung kam, dass Anhänger von Morales einzelne Stadtviertel angreifen würden. Die Nachbarn verständigen sich untereinander in einer WhatsApp-Gruppe, um vor Gefahren zu warnen.

Aus ganz La Paz gab es Berichte, dass die Anhänger von Morales Häuser plünderten und anzündeten.

Wir eilten zum Wohnblock der Frau. Die Leute dort hatten das Tor mit Wellblech abgesperrt und sich mit Stöcken, Schaufeln und Helmen ausgerüstet, um sich gegen einen möglichen Angriff zu verteidigen. Aus der ganzen Stadt gab es Berichte, dass die Anhänger von Morales Häuser plünderten und anzündeten.

Mehrere Personen erstellen eine Wand aus Wellblech in einer Strasse.
Legende: In den Quartieren von La Paz versuchen die Anwohner, mit Wellblech und anderem Material Schutzwände gegen Plünderer zu errichten. Reuters

Jetzt unterstützt die Armee die Polizei, um gegen die Randalierer vorzugehen. Beruhigt das die Lage?

Die Leute in dieser Wohnanlage reagierten ob dieser Nachricht auf jeden Fall mit grosser Erleichterung.

Am Sonntag feierten die Bolivianer den Rücktritt von Morales. Wieso ist die Stimmung danach derart gekippt?

Tatsächlich herrschte zunächst eine grosse Freude. Doch dann wurden die Reaktionen aus dem Ausland bekannt, wonach Morales gestürzt worden sei. Das hat die Bolivianer, die friedlich für den Rücktritt Morales’ gekämpft hatten, sehr gekränkt.

Morales' Anhänger griffen gezielt Häuser von Oppositionellen an und steckten sie in Brand.

Kurz darauf fingen zudem die Plünderungen durch die Anhänger des abgetretenen Präsidenten an. Sie griffen gezielt Häuser von Oppositionellen an und steckten sie in Brand. Auch Rathäuser von Bürgermeistern, die gegen Morales waren, gingen in Flammen auf, wie auch mehr als 60 Busse des öffentlichen Verkehrs.

Strassenunruhen und Tränengas.
Legende: Am Montag kam es in La Paz zu Zusammenstössen zwischen Anhängern von Morales und dessen Gegnern. Reuters

Morales hat das Land jetzt in Richtung Mexiko verlassen. Wie reagieren die Menschen auf diese Nachricht?

Es herrscht ein möglicherweise etwas trügerischer Frieden. Morales teilte per Twitter ja mit, er werde schon bald und stärker zurückkehren. Jene, die gegen Morales auf die Strasse gegangen waren, empfinden das als Drohung. Sie befürchten, dass er die Gewalt aus dem Ausland weiter anstacheln könnte und Bolivien deshalb nicht zur Ruhe kommt.

So geht es politisch weiter

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So geht es politisch weiter

Nach den Rücktritten der höchsten gewählten Politiker des Landes übernimmt die zweite Vizepräsidentin des Senats, Jeanine Áñez, das Amt als Übergangspräsidentin. Sie muss laut Verfassung jetzt das Parlament zusammenrufen, ihren Rücktritt erklären und Neuwahlen verkünden. Wenn die Neuwahlen ausgerufen werden, sollte eigentlich auch der Generalstreik enden, denn das war die Hauptforderung der Streikenden.

Wie stark ist die Befürchtung in Bolivien, dass das Chaos im Land anhalten könnte?

Viele Menschen haben grosse Angst, dass es Polizei und Armee nicht schaffen, die Plünderungen zu verhindern. Zudem muss mittelfristig nicht nur die gewalttätige Gruppe gestoppt werden, sondern es muss auch politisch weitergehen. Die beiden Pole aus Morales-Anhängern und -Gegnern müssen sich wieder versöhnen. Doch die Sorge ist gross, dass das nicht so einfach gehen wird.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Ernst U. Haensler  (ErnstU)
    Versöhnung gibts zwischen sog. Rechten u sog. Linken auf der ganzen Welt immer weniger. Das ist u.a. wegen den sog. "Social"-Medien.
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  • Kommentar von Jakob Tschudi  (Jake7)
    Was immer wieder unterschlagen wird: Eine Mehrheit der Wähler hat sich für Morales als Präsidenten entschieden. Umstritten ist nur, wie hoch sein Vorsprung gegenüber Mesa war. Bisher gibt es keine konkreten Beweise, dass es vorsätziche Manipulationen bei der Auszählung der Stimmen gab. Gleichwohl wird so getan, als ob das schon bewiesen sei. Morales ist, als rechtmäßig amtierebder Präsident, auf Druck des Militärs zurückgetreten. Welches andere Wort als "Putsch" soll man dafür verwenden?
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  • Kommentar von heinz Scheidegger  (Linescio)
    Ganze sieben Mal sagt Frau Wojczenko im Gespräch, dass Morales-Anhänger plündern.
    Wer hat denn die Häuser von Evo Morales und seiner Schwester angezündet und wer hat vor dem Rücktritt von Morales geplündert und danach Regierungsmitglieder so bedroht, dass sie in die mexikanische Botschaft flüchten mussten?
    Und weiter unten heisst es, es »herrsche ein möglicherweise etwas trügerischer Frieden«. Ja was jetzt?
    Und selbstverständlich darf Herr Morales sagen, dass er gedenke zuückzukommen.
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